Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 299 - 300 (sequence 2)
- Language
- German
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299 Die Judenfrage im künftigen Europa. 300 sich von seiner Scholle, die er seit Urzeiten bestellt, hinwegheben, um dem meinigen Platz zu machen. Der fremdvölkische Bauer muß auch leben? Erstens sehe ich das nicht -ein: zweitens, wenn er leben will, mag er nach Sibirien auswandern oder nach Uganda. Ich werde den jetzt von ihm bestellten Boden in einen Garten Gottes verwandeln, denn ich allein bin die höhere Kultur. Ich brauche Raum, ich muß mich ausdehnen! Dadurch veredle ich die Gattung Mensch. Patriotismus hieß ins Wirkliche übersetzt: Kohlenbecken. Rohstoffkolonien; die heiligsten Güter der Nation waren Absatzgebiete, vorteilhafte Handelsverträge. Im allgemeinen ist der Eroberungskrieg — und "jeder Krieg großer Völker und Staaten ist ein offener oder verhüllter Eroberungskrieg — motiviert durch den nichtswürdigen sadistischen Trieb des Menschen, den Menschen zu quälen, sich' an seinem Schmerz zu weiden1). Innerhalb des eigenen Volkes oder Sprachstammes kann man dies nur den wirtschaftlich Schwächeren gegenüber tun; hat man aber ein fremdes Violk unterjocht, so darf man auch Gleichgestellte oder gar Höherstehende peinigen, indem man sie zwingt, ihren ererbten Kulturgütern, wie Sprache, Sitte, Einrichtungen, zu entsagen, sie minderen Rechts macht und sie erniedrigt, indem man sie, die Besiegten, für inferior und unebenbürtig erklärt. Aber hierin liegt noch immer ein gewisser Idealismus (mit umgekehrtem Vorzeichen); ein viel realerer Antrieb ist die Gier nach dem materiellen Besitz des Niedergeworfenen, den man sich nach dem „Rechte" des Siegers aneignen darf. „Le conquerant va d'abord au coffre-fort", sagt Voltaire. Wie jedoch bekanntlich der Krieg nur eine Fortsetzung der Politik, aber mit anderen Mitteln, ist, so wird auch die internationale Politik im Frieden von denselben Motiven geleitet wie der Krieg, der aus ihr entspringt. Die ungarischen Großgrundbesitzer verschlossen durch hohe Getreidezöllc ihr Land der serbischen Einfuhr, sie fülilten sich als edlere Kulturrasse dem Schweinehirtenvolk der Serben gegenüber, dem sie auch das Recht auf einen Ausgang zum Meere absprachen, der ihnen erlaubt hätte, ihre Bodenprodukte anderwärts vorteilhaft zu verwerten, Diese engherzige Wirtschaftspolitik des ungarischen Adels trieb die Serben gewaltsam in die Arme Rußlands, bei dem sie im Namen des „höheren Ideals" der Rassen- und Glaubensgemeinschaft warme Aufnahme fanden und zum Werkzeug der zaristischen Expansionspolitik wurden, bis sie schließlich den ersten Anstoß zum Weltkriege gaben. Wie in den großen weltpolitischen Fragen, so mußman auch in der kleinen Judenfrage nach x) Vergleiche .Psychologie der Macht". Ost und West, Jahrgang 1917, Heft 6. den treibenden realen Kräften suchen. Die Juden wurden zwar immer im Namen „höherer Ideale" drangsaliert, verfolgt, vertrieben, ausgerottet, und wiederum im Namen höherer Ideale toleriert, beschützt, emanzipiert. Indessen war das Wesentliche im Prozesse der jüdischen Geschichte während des Mittelalters die Fernhaltung und Abdrängung der Juden von allen gewinnbringenden und ehrenhaften Beschäftigungen, die einen sozialen' Aufstieg ermöglichten und Rang bedeuteten : Landwirtschaft, Kriegführung, Handwerk, Großhandel. Die Juden mußten für ihre wirtschaftliche Betätigung neue Zweige ausfindig machen oder neue Länder aufsuchen. Als wehrlose Minderheit, ohne Organisation, ohne staatlichen Schlitz, konnten sie sich weder in der einen noch in der anderen Richtung den Platz an der Sonne wählen, darum waren es weder die besten Wirtschaftszweige, noch die schönsten Länder, in die sie hineingerieten. Der mittelalterliche Kastengeist, noch verstärkt durch das religiöse Vorurteil, verhinderte es, daß man die wirtschaftlichen Fähigkeiten und Tatkraft dei Juden richtig einschätzte und nutzbar machte Man sah in ihnen nur unbequeme Konkurrenten, die man entfernen mußte, anstatt wertvolle Mitarbeiter, mit denen man sich verbinden konnte. Die Fürsten und die andern Gewaltigen, die schärfer sahen, erblickten iir ihnen wehrlose, bequeme Werkzeuge, die sie verwendeten," um aus dem Volk so viel Steuern als möglich herauszupressen, ohne dessen Groll auf sich zu ziehen, der sich auf die Juden ablud. Erst in der Neuzeit, mit dem Erstarken des industriellen und kommerziellen Großbürgertums in Westeuropa, besonders in Holland, mit der Entfaltung des überseeischen Kolonialhandels, als sich vor den seefahrenden Nationen die weitesten wirtschaftlichen Horizonte in Amerika und Indien erschlossen, begann für die Juden eine neue Epoche in ihrer Stellung zu den europäischen Völkern. Damals begann eigentlich schon die Bewegung zur Emanzipation der Juden, die formal in der französischen Revolution ihren Abschluß fand, die ja den Sieg des Bürgertums bedeutete. Aber ebenso wie die französische Revolution nur denjenigen Stand, staatsrechtlich emanzipierte, der wirtschaftlich längst emanzipiert war und das Staatsgebäude auf seinen Schultern trug, so kam die'Emanzipation der Juden diesen nur in dem Maße zugute, in welchem alle sie betreffenden wirtschaftlichen Probleme längst zu ihren Gunsten gelöst waren und ihrem kulturellen Aufstieg nichts im Wege stand. In Ländern, wo dies nicht der Fall war, blieb die rechtliche Emanzipation ein toter Buchstabe. Schon vor dem Kriege war sie es in Ländern, wo die wirtschaftliche Lage der Juden auf dem. Sande gebaut war. Jetzt wird sie in dem Lande,