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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 283 - 284

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Rudolf Marcuses Völkertypen aus dem Weltkrieg
Date
1919-11-01
Page
Seite 283 - 284 (sequence 2)
Language
German
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283 Rudolf Marcuses Völkertypen aus dem Weltkrieg. 284 Umfang dieser seltenen, ungemein fesselnden, nach vielen Richtungen anregenden Wirklichkeitsbilder aufzunehmen und festzuhalten. Sorgfältige Dar* Stellung des Tatsächlichen war oberstes Gebot. Aber es konnte gar nicht anders sein, als daß die Skulpturen, die unter solchen Gesichtspunkten entstanden, doch zugleich auch zu künstlerischen Wirkungen aufstiegen. Gerade indem man diese Aufgabe einem Bildhauer übertrug — und nicht etwa zu dem Auskunftsmittel von Äbgußmasken griff, die man sich ja auch denken könnte —, stützte man die Möglichkeit, von der Anschauung der immer von Zufällen mitbestimmten Einzelerscheinung zui Er* kenntnis des Typischen fortzuschreiten. Der Pia* stiket, der das Gesehene aus sich neuschafft, der es aus der Gestalt des Wahrgenommenen in die abstrakte Sprache der Form überleitet, wird, so eng -er sich an die Natur anschließt, doch immer Gültigeres als die Natur, und so Ergebnisse von er* höhter dokumentarischer Bedeutung liefern. N icht nur um Mannig* faltigkeit in die Serie zu bringen, sondern um den Ausdruck des Stofflichen bei den sehr verschiedenartigen Themen mrtwir ken zu lassen, hat Mar cuse mit dem Material oft gew echselt. Die Köpfe der beiden Japaner, des alten von echt mongolischem Typus und desjungenmit den charakteristischenBil* düngen der Satsuma=Leu; te, wiesen ganz von selbst auf die Ausführung in Holz. Der Künstler konn* te sich die Anspielung auf japanische Arbeiten nicht versagen, und in der Tat gewinnen die Büsten gerade dadurch den Eindruck einer besonders überzeugenden Echtheit. Namentlich der Alte läßt erkennen, wie tief Mar* cuse in Sinn und Tech nik ostasiatischer Plastik eingedrungen ist, deren Wesen in der unvergleichlichen Mischung von Naturtreue und Stil lag. Diese Verbindung hat Maicuse auch sonst angestrebt und eben dadurch die doppelte Wirkung von sachlicher Mitteilung und künstlerischem Formausdruck erreicht. Auch der Inder, ein stolzer Repräsentant des Sikhstammes, wuide in Holz ausgeführt. Nicht nur die edle männlicheSchönheitder Rasse, auch das bezeichnende Merkmal ihrer Tracht: der kunstvoll geschlungene Turban, ist nach eindringlichem Studium wiederge? geben. Der Bildhauer erzählt sehr hübsch, wie er, um dies Detail genau kennenzulernen, den Inder veranlaßte, ihm die Technik des Turbangewindes zu zeigen, und wie dieser Einbruch in ein fast heiligsreligiöses Geheimnis dem Künstler selbst wie seinem Modell Haß und Feindschaft der anderen Mohammedaner des Lagers eintrug. Daneben stehen die Bronzeköpfe. Der junge Marokkaner mit dem schmalen und länglichen, überaus fein geformten Kopf, an dessen rasierter Schädelwölbung über dem rechten Ohr die einsame Locke, das Zeichen des Unverheirateten, geblieben ist. Sodann der Korse, ein etwas übler italienischer Typus, mit eitel gezwirbeltem Schnurrbärtchen und wohlgefällig gekräuselten Locken über der niedrigen Stirn; es schmeckt nach Matrosenkneipen, höchst skrupellosen Lebensgrundsätzen, Messerstechereien und Aehnlichem. Weiter der Rumäne: ein breiter fester Kopf (von fern dem Lovis Corinths nicht uns ähnlich)-, gleichfalls niedrige Stirn, völlig ungeistig, brutal, ein rechter Dazier von unverfälschten Zügen, wie sie uns schon auf der Trajanssäule im Zuge der Unter* worfenen begegnen. Ein . Australier: die sonder^ bare Kreuzung von Süd1 seerasse und anglisieren* den Einflüssen ist vor züglich getroffen. Dann marschiert eine Negergruppeauf. Ein Mann aus Dahomey, reinste Neger rasse, eine Freude für das Auge jedes Anthropologen. Ein blutjunger So mali, bildhübscher Bur sehe von offenen und intelligenten Zügen. Anders wieder ein Fulbe aus dem französischen Sudan, ganz. Sklave, dazu ge schaffen einem Herrn zu dienen* Dazwischen ein Neger aus Algier, Misch blut, mit südeuropäz ischem Einschlag, wie man ihn etwa in Sizilien findet. Ein Neger aus Liberia aber, ein Riesen* kerl, Athlet mit Stier* nacken und muskel dickem Hals, regte zur Ausführung in Stein an, und die Schwere des massiven Materials paßt vortrefflich zu dem ganz und gar auf körperliche Kraft gestellten Ausdruck. Auch der merkwürdige Köpf eines Tongkincsen steht in Stein vor uns; der Untersberger Marmor war wie geschaffen dazu, die klare Glätte dieser Gesichtsformen wiederzugeben. Außerordentlich, wiesichdieTypendereinzelnen Negerrassen voneinander abheben, ist auch die Charakteristik der weiteren Büsten geraten: des alten Arabers, bei dem sich die Züge und Formen des Semiten im Laufe der Jahre zu klarster Schärfe ausprägten — des Großrussen vom Dnjestr, einer Tolstoi^Erscheinung — des Sibiriers mit der eigen* tümlich* schmerzlichen Stumpfheit des Blickes unter der vordrängenden Stirn. Man versteht durchaus, daß wissenschaftliche Institute an verschiedenen RUDOLF MARCUSE, Berlin Marokkaner (Bronze)

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