Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Rudolf Marcuses Völkertypen aus dem Weltkrieg
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 285 - 286 (sequence 3)
- Language
- German
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285 Rudolf Marcuses Völkertypen aus dem. Weltkrieg. 286 Stellen in Deutschland sich bereits Abgüsse dieser Köpfe gesichert haben. Die Statuetten, die neben den Büsten stehen, sind naturgemäß ganz besonders auf dokumentarische Richtigkeit hin gearbeitet. Sie sollten im Reichs* kriegsniuseum an die Stelle der sonst üblichen Uniformpuppen treten und hätten wirklich einen überaus feinen Ersatz für solche landläufigen Stücke abgegeben- Denn au<h in diesen bronzegegossenen und holzgeschnitzten Figürchen hat Marcuse, zumeist mit Glück, das sachlich Mitteilende in freieren Ausdruck gehoben und den kleinen Gestalten eine innere Lebendigkeit rerliehen, die Ihnen über das Modellhafte hinaus künstlerische Geltung verleiht. Man lernt die Menschen kennen; nicht nur ihre Tracht, sondern, die eigentümliche Art ihrer Haltung und Bewegung und die besondere innere Verfassung der Gemeinschaften, denen sie angehören. Der Araber erscheint als imponierende Märchen* f;estalt Der jungenhafte Tunesier mit den affenartig angen Armen ist durchaus ein Stück in moderne Uniform gepreßter Wildnis. Aehnlich der Senegal* neger als französischer Kolonialsoldat. Drei russische Typen treten auf, eän frierender Soldat, der den breiten Schal um Kopf und Mütze gewickelt hat, wie man das so oft im Felde gesehen — ein Pope, ganz starre orthodoxe Würde — und ein junger Bursche mit derGuitaire, einer von den sentimentalen Kriegsmannen, die Rußland vielfach ins Feld ge* schickt hat. Mit besonderer Feinheit sind die beiden RUDOLF MARCUSE, Berlin Araber (Bronze) RUDOLF MARCUSE, Berlin Japaner (Linden - Holz) Bronzen eines Turko und eines Tscherkessen ausge* führt, bei denen eingelegte Gold* und Silberteilchen den phantastischen Reichtum der Nationaluniform andeuten. Ueber Marokkaner und Inder und Sibirier geht es dann zu den Vertretern der Großmächte. Ein französischer Alpenjäger: Schlankheit und Verwegenheit. Ein Italiener: malerische Erscheinung mit togamäßig um die Schultern geworfenem kurzem Mantel; die Uniform wird fast allein durch die Mütze vertreten, alles andere ist Sportkostüm. Ein Schotte, mit bunten Details in der Behandlung der Holzstatuette:keckeSicherheitundforsches Auftreten. Schließlich ein Engländer: durchaus schlichte und selbstbewußte Einfachheit, die sich nicht besonders zu betonen braucht. So steht die Reihe der niarcuseschen Gefangenen* typen vor uns- Sie gibt Bericht von der feinen und eindringlichen Beobachtungsgabe des Künstlers, von seiner lebhaften Anschauungskraft, seinem formalen Gefühl und seiner technischen Fertigkeit. Und sie wird darüber hinaus, auch wenn aus dem Reichskriegsmuseum nichts mehr werden kann, der Zukunft erzählen, mit welcher unübersehbaren Masse feindlicher Völker und Stämme Deutschland in jenen unseligen vier Jahren zu ringen hatte, wird uns immer aufs neue lehren, was man heute, . im Strudel der Zeitläufte und unter dem Druck der furchtbaren Niederlage, fast vergißt: daß es ein Heldentum sondergleichen war, so überwältigender Übermacht so lange standzuhalten.