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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 277 - 278

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Der messianische Reich der Zukunft
Date
1919-11-01
Page
Seite 277 - 278 (sequence 3)
Language
German
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27.7 Das messianische Reich der Zukunft. 278 Der Krieg wird fortdauern und fortfahren, eine Geißel der Völker zu sein, solange es noch siegreiche Kriege geben wird. Alle Völker, die siegenden wie die besiegten, müssen unter den Folgen des Völkerringens und des Völkermordens schwfer zu leiden haben, bevor sie nach dem Zukunftsbild des Propheten „ihr* Schwerter zu Sicheln umschmieden und ihre Lanzen zu Rebenmessern", bevor „das eine Volk nicht mehr das Schwert gegen das andere erhebt", bevor sie aufhören, „das Kriegshandwerk zu erlernen". Man 'war früher geneigt, die im Talmud geschilderten „Geburtswehen der messianischen Zeit", 'die „cheble maschiacli", wie sie in den nach biblischen Schriften heißen, als Phantasiebilder zu bezeichnen. W;is wir in den letzten Jahren erlebt haben, und was in der Folge des schrecklichsten aller Kriege 'in unseren Tagen unabwendbar noch kommen muß,, 'übertrifft alles, was die Weisen Israels von dem einstigen Wüten aller Menschen gegeneinander vorausgesagt haben. Da das jüdische 'Volk 'stets seinen Blick in die Zukunft richtete rund sich mit ihr unablässig beschäftigte, so wurde das Bild von dem dereinstigen messianischen Reich volkstümlich und oft auch ein Spiel der Volksphantasie. Kein Wunder :also,!daß sich in dies Bild zuweilen auch groteske 'Züge mischten, daß sich das Volk das Leben im messianischen Zukunftsreich als eitel Freude 'und Genuß — allerdings als einen durch kein Unrecht geschaffenen Genuß --- vorstellte. Mitunter dachte man sich dies als ein Leben im süßen Nichtstun, da die Natur alles 'reichlich spenden würde. Ks werde kein Abmühen 'und kein Trübsal auf Freien mehr sein, wenn die Menschen nur aufhören, sieh gegenseitig" zu c]iiälen und einander Pcin zu bereiten. Wenn uns diese Bilder fremd anmuten, so darf man wohl darauf erklärend hinweisen, 'daß derartige utopistische Vorstellungen noch aus der jüngsten Zeit zu verzeichnen sind. Hat doch Charles Fourier im 19. Jahrhundert ähnliche Bilder von dem Menschheilsglück entworfen, sie aber nicht als Phantasie, sondern als den realisierbaren, in der nächsten Zeit realisierbaren Zustand der menschlichen 'Gesellschaft hingestellt Indessen haben sich ernste Denker im Judentum die messianische Zukunft niemals als ein Leben im Schlaraffenland gedacht. Schon im Talmud wird gesagt, daß das Leben im messianischen Zukunftsreich sich von dem in der Gegenwart nur "durch das Aufhören d,er Knechtschaft unterscheiden wurde. Und Maimonides hat der Vorstellung, von der messianischen Zukunft noch weiter jeden utopistischen Beigeschmack genommen, indem er das d;er Menschheit bevorstehende und von ihr anzustrebende Glück im Frieden unter den Völkern und in der Eintracht unter den Menschen ■bjegründet sah. Der Kriieg wird, völlig verschwinden, die Menschen werden einander nicht miehr anfeinden, es wird kein Neid mehr sein, kein gegenseitiges Abjagen irdischer Güter; der Lebensunterhalt wird dann.leichter zu erwerben sein, so daß die Menschen, und .zwar alle Menschen, reichlich Muße haben werden, ihren Geist auszubilden und wahre Erkenntnis zu suchen. Dann wird die prophetische Weissagung in Erfüllung gehen: ,,Voll wird die Erde der Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser die 'M'eerestiefe bedecken" (Jesaja XI, 9). Man sieht, daß sich das Bild einer glücklichen Zukunft der Menschen 'bei Maimonides immer mehr der Wirklichkeit nähert. Nicht etwa, daß es bereits Wirklichkeit geworden ist oder in nächster Zukunft Wirklichkeit wird; aber es kann verwirklicht werden, es ist völlig frei von 'jedem utopistischen Gehalt. Und auch das Ziel 'ist das anzustrebende Menschheitsideal. Die Menschen sollen in der Zukunft nicht mehr, mit wenigen Ausnahmen, schwer beladene Lasttiere sein, sie sollen sich nicht ihr L|ebenlang bloß dazu abmühen müssen, um das nackte Dasein mühsam zu fristen, ohne Anteil an den 'geistigen Gütern, die nur eine kleine 'Minderzahl beglücken. Alles Gute und Schöne,, idas Bildung und Wisspn bieten, soll nicht das Monopol einer kleinen Anzahl von Aestheten sein. Alle Menschen sollen Muße haben, sich nach Begabung und Neigung einen Anteil am höheren geistigen Leben anzueignen. Was Maimonides als messianisches Zukunftsbild vorschwebte, verwertete auch 'Spinoza in seinem System 'von der sittlichen Erziehung des Menschen. In der Ethik ist Spinoza von der jüdischen Weisheitslchre, insbesondere von Maimonides Gedanken, Viel abhängiger als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist- Vieles ist ibei ihm fast wörtlich Maimonides „Buch der Erkenntnis" entnommen. So gewiß da, wo er die Pflichten der bürgerlichen Gesellschaft, wenn sie nicht bloß eine zwangsweise zusammengehaltene Gruppe von ausbeutenden 'und ans-

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