Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Der messianische Reich der Zukunft
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 275 - 276 (sequence 2)
- Language
- German
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275 Das messianische Reich der Zukunft. 276 sich im jüdischen Volk das Herannahen dieser glücklichen Zeit dachte. Ihr müssen Tage der schweren Leiden und der großen Schrecken vorangehen. Welterschütternde Ereignisse, blutige Kriege, der Kampf aller gegen alle, die Auflösung der menschlichen Gesellschaft — alle diese Schrecken müssen zuerst über die Völker kommen, bevor sich dann der Friede, der ewige Friede, einstellt. Dieser Vorstellung von den „Geburtswehen der messianischen Zeit" liegt der Gedanke zugrunde, daß die Menschen nur durch Leiden erzogen werden können. Man könnte beinahe glauben, daß der Prophet Zefanja die schrecklichen Ereignisse unserer Zeit vor Augen hatte, als er die folgenden Worte verkündete: „Fürwahr, wartet mein, spricht der Herr, auf den Tag, da ich mich zum Strafgericht erhebe; denn mein Gericht kommt, um .alle Völker zu versammeln, die Reiche zusammenzubringen, über sie meinen Grimm auszuschütten, .meine ganze Zornglut. Vom Feuer meines Eifers wird die ganze Erde verzehrt. Erst dann werde ich den Völkern eine lautere Sprache schaffen, daß sie alle den Namen des Herrn anrufen und ihm einmütig dienen." (Zef. III, 8—9.) Das Wesen des israelitischen Prophetismus, soweit er seinen Blick auf die ferne Zukunft richtet, besteht hauptsächlich darin, daß er in den .Zeitereignissen, in ,der Vergangenheit und in der Gegenwart, keine Zufälligkeiten erblickt, sondern das Walten einer sittlichen Macht oder der Sittlichkeit selbst. In dieser Vorstellung wird er von einem großen Optimismus beherrscht, der im sittlichen Bewußtsein wurzelt. Das Unglück, das über die Völker hereinbricht, kann unmöglich ein Ereignis sein, das ohne Zusammenhang mit 'der Vergangenheit und mit der Zukunft wäre. Das Uebel ist von den Völkern und von den Menschen verschuldet und durch Ihr eigenes Tun herbeigeführt, aber es bedeutet nicht [die Vernichtung, sondern eine Läuteru'ng und ist 'der Vorbote einer glücklicheren Zeit. Kein Prophet hat je das Strafgericht über ein Volk verkündet, ohne mit einem trostreichen Ausblick in dessen Zukunft zu schließen. Und dies gilt nicht bloß vom Volk Israel, sondern auch von den anderen Völkern, mit deren Schicksal sich die Propheten beschäftigen. Oft werden dieselben Worte, welche der Wiederherstellung des Volkes Israel gelten, auch auf die anderen Völker angewandt, denen nach einer Zeit der Unterjochung Erlösung und Befreiung verkündet wird. Die Propheten haben das Glück der Menschen in ferner Zeit geschaut, in den „späten Tagen". Sie haben dessen Bild in allgemeinen Umrissen gezeichnet, ohne ihre Zeitgenossen näher mit den Verhältnissen der glücklichen Zukunft vertraut zu machen. Sie sprechen bloß vom :ewigen Frieden und von dem allgemeinen Heil, in das die .ganze Kreatur einbezogen sein wird. Vieles ist in dieser Vorstellung, in dieser Zukunftsschau, Hyperbel und Symbol. Aber im späteren jüdischen Schrifttum versuchte man vielfach, ein genaueres Bild von dem erwarteten Heil zu entwerfen. Es genügte nicht mehr die gehegte Erwartung, daß die Menschen dereinst glücklich sein würden, man wollte auch eine genaue Beschreibung davon, w i e dies Glück beschaffen sein wird. Wenn wir die verschiedenen Darstellungen im nachbiblischen Schrifttum lesen, die das messianische Reich der Zukunft betreffen, so ist man versucht, in ihnen eine Vergröberung oder Verzerrung des großen Menschheitsideals zu erblicken. Das Gold wird in kleine Kupfermünzen ausgetauscht. Indessen ist diese Annahme irrtümlich. Wie man später alle ethischen Ideale der Propheten überhaupt in der Praxis durch die Anleitung zu einem sittlichen Leben, zu einem steten sittlichen Handeln zu verwirklichen suchte, so geschah dies auch mit dem messianischen Menschheitsideal. Es ist klar, daß das; Bild von dem strohfressenden Löwen, der sich von einem Kinde an einem Seil führen läßt, nur eine Hyperbel sein kann. In der Wirklichkeit erhoffte man nicht die Aufhebung der Maturgesetze und die Zähmung der wirklichen Bestie, sondern die Versittlichung des Menschen und die Beseitigung der Bestie in ihm. Die menschlichen Instinkte sollen veredelt werden, oder richtiger: der Mensch soll nicht mehr aus seinem blinden Instinkt heraus handeln, sondern aus dem sittlichen Bewußtsein, das ihn die Achtung seines Mitmenschen als Selbstachtung lehrt. Die Beleidigung, die er seinem Mitmenschen 7.ufügt, entehrt ihn selbst; das andern angetane Unrecht beeinträchtigt sein eigenes Recht. In den nachbiblischen Schriften wird daher die messianische Zukunft näher beschrieben, wie da auch die Schrecknisse, die ihr vorangehen werden, mit voller Deutlichkeit ausgemalt sind. Die Völker werden nicht zur Einsicht kommen, daß das Unrecht und die Gewalttat Unheil bedeuten, solange sie dies nicht an ihrem eigenen Leibe zu spüren bekommen.