Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Der messianische Reich der Zukunft
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 279 - 280 (sequence 4)
- Language
- German
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279 Das messiamsche Reich der Zukunft. 280 gebeuteten Menschen sein soll, 'mit folgenden Worten umschreibt: „Um jene Vollkommenheit zu erreichen, muß man als erste 'Grundlage dafür, sich eine vollkommene Erkenntnis der Natur Verschaffen. Ist das getan, dann handelt es sich um den Plan für eine solche bürgerliche Gesellschaft, die möglichst vielen Menschen 'möglichst große Lebenssicherheit gewährt und damit 'den Zugang zu einem vollkommenem Leben bietet. Ferner gilt es ein 'System .der Ethik und der Pädagogik zu entwickeln. Und da auch die physische Gesundheit von nicht geringer Bedeutung ist, so muß Iii an die Ausbildung einer vollständigen Heilkunde ins Auge 'fassen. Da man durch technische Fertigkeiten manches Schwere sfich erleichtern und auf diese Weise vijel Zeit und Mühe üm Leben sparen kann, so cfeirf man auch die Mechanik in keiner Weise vernachlässigen. Die erste und 'nächste Forderung iab;er ist, ein 'Mittel zur Vervollkommnung 'des (Verstandes zu ersinnen. Man muß schon von den ersten Schritten 'an bemüht sein, ihn von allen Schlacken zu 'befreien, damit er in den Stand komme, die Dinge ohne Irrtum und •mit strenger Zuverlässigkeit zu erkennen." (Spinoza, De intellectus emiendatäone.) In dieser bürgerlichen Gesellschaft, die der Philosoph postuliert, sieht es zweifellos viel schöner aus, als in der gegenwärtigen, wo der technische Fortschritt und alles, was das menschliche Genie zu erfinden Vermag, dazu dienen muß', die Erde, das 'Meer und die Luft mit 'Schrecken und Greuel zu erfüllen, oder im 'besten Fall einer kljeinen Anzahl Bevorzugter 'den Anreiz" zu geschäftlichen Unternehmun- 'gen zu geben, gleichviel von welchen Folgen für die Gesamtheit dies begleitet sein mag. Daß es in der Gesellschaft nicht zum besjen bestellt ist, daß die Menschheit durch' das unaufhörliche Jagen nach Profit in den Abgrund ■gestürzt werden kann, 'daß das freie Spiel der -menschlichen Kräfte unsägliches Leid über die Völker bringen muß — dies ist bereits vielfach erkannt. Dem Uebel abzuhelfen, der Menschheit eine bessere Zukunft zu bereiten, dieser Aufgabe hat sich eine beträchtliche Anzahl menschlich Denkender gewidmet, und manche Vorschläge zur Erreichung dieses Zieles sind gemacht worden. Diese Vorschläge auf ihren Wert oder Unwert zu prüfen, liegt nicht in meiner Absicht. Aber auf einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem messianischen und clem modernen Menschheitsideal möchte Ich hinweisen. Die Ethik des Judentums, dessen Blüte der messianische Gedanke ist, hofft und erstrebt den sittlichen und geistigen Aufstieg der Menschheit vom unten, und zwar durch die Erziehung zum reinen M e lischtum. Von einem Zwang, außer von dem sittlichen, den sich der Mensch freiwillig auferlegen soll, ist nirgends die Rede. Der Mensch soll sich selbst zur Wahrhaftigkeit und strengster Gerechtigkeit erziehen; er soll die Triebe von Neid und Mißgunst, von Habgier und Selbstsucht überwinden. Gute und sittliche Menschen, die Selbstzucht üben, werden eine gute Gesellschaft bilden, in der es keine Unterdrücker und keine Unterdrückten, keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten geben wird. Und Völker, bei denen das Recht und nicht die Gewalt das höchste Prinzip bilden wird, werden keinen Krieg gegeneinander führen. In den modernen Bestrebungen ist das oberste Prinzip die Organisation, also im Grunde genommen wieder die Herrschaft. Ein Völkerbund soll den Frieden überwachen, und ein Volk, das den Frieden stören will, soll mit Gewalt niedergehalten werden. Dieselben Zwangsmaßregeln sollen auch in der Gesellschaft gelten — gleichviel ob sie, wie bisher, von einer Minderheit gegen die Mehrheit in Anwendung gebracht werden, oder in der Zukunft von der Mehrheit gegen die Minderheit. Nicht .durch die sittliche Erziehung und nicht durch dlie Selbstzucht eines jeden einzelnen soll die Menschheit der Zukunft aufgebaut .werden, sondern durch Machtmittel: Mag das Ziel dasselbe sein — der Weg, den der jüdische Messianiismus vorzeichnet, ist ein anderer. Und nun fragt es sich, welcher Weg der richtigere ist, und welcher wirklich zum Ziel führen klann.