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Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 253 - 254

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Jakob Dienensohn
Date
1919-09-01
Page
Seite 253 - 254 (sequence 2)
Language
German
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253 Jakob Dienensohn. 254 vergangenen Epoche an. Andere Zeiten kamen, neue Strömungen in der Literatur mit neuen Auffassungen von Dichtung :und Leben, mit neuen künstlerischen Forderungen* Wie in allen. Literaturen, so gibt es auch in der ostjüdischen Erzeugnisse, die keinen Ewigkeitsgehalt haben, die auf eine be-i stimmte Epoche eingestellt sind und nach einigen Generationen gänzlich veralten. Dienensohn gehört zu dieser Kategorie von Schriftstellern, deren Romane, die jüdische Literaturgeschichte aus ihrer Zeit heraus beurteilen wird. Sie wird mit Dankbarkeit die tiefe Wirkung verzeichnen, die diese Romane auf das Gefühlsleben ausübten, und sie wird weiter psychologisch, folgern, daß der Verfasser eine zarte, feingestimmte., innerlich wahrhaftige Natur gewesen sein mußte. Aber bei aller Sympalhie wird der Literaturhistoriker doch sagen müssen, daß diese Bücher der Gegenvrart nichts zu sagen und nur einen literarhistorischen Wert haben. Viele Bücher Dienensohns werden schon heute sehr wenig gelesen, und es wird wohl bald eine Zeit kommen, in der sie gar nicht mehrbeachtet werden. Es ist begreiflich, daß diejenigen Schriftsteller, die die Bitterkeit auskosten, einer überwundenen Zeit anzugehören, nicht die Kraft finden, das harte Naturgesetz anzuerkennen, daß alles, was nicht sehr groß ist, der Vergänglichkeitgeweihtist.Siekönnen selten die Seelenstärke aufbringen, ihr Schicksal mit Würde zu tragen. Auf ihrem Gesichte spiegelt sich meistens der Ausdruck der Verbitterung ab, sie sind unzufrieden mit der neuen Welt, glauben, daß ihnen Unrecht geschehen ist und fühlen sich -beleidigt. Sie ziehen sich in ihren Schmollwinkel zurück und schauen von dort verdrossen und voller Neid auf die junge Generation, die für sie nur Epigonen einer großen Zeit sind. Gesellt sich zu dieser geistigen Einsamkeit noch das harte Schicksal der persönlichen Einsamkeit, daß man ohne Weib und Kind als alter Junggeselle die Straße des Lebens wandeln muß, dann ist die Verbitterung und Unzufriedenheit noch stärker, und tiefer graben sich die Falten ins welkende1 Gesicht. Aber der schöne Greis, der hier am kleinen Tische sitzt und Zigaretten für seinen lieben Freund Perez dicht, der alte Dienensohn, dessen Bücher die Welt nicht mehr beachtet und der auch rjamilienfreuden nie genossen hat, wurde vom literarischen Künstler zum wahren Lebens künstle r. Keine häßliche Falte der Unzufriedenheit hat sein Gesicht verunziert, kein Gefühl fressenden Neids hat seine Seele vergiftet. J. DIENENSOHN Mit der abgeklärten Güte des Weisen schaut er -auf die neuen Erben der alten Zeit, und bei jedem neuen literarischen Erfolg freut er sich aus vollem Herzen über den Fortschritt in der jüdischen Literatur. Wie ein Priester breitet er seine Hände aus und segnet die neue Zeit mit ihren großen Erscheinungen, und mit inniger Freude begrüßt er jedes Talent des neuen Geschlechts. Diese glückliche Natur kann nur ein großer Mensch erlangen. „Glücklich, der Mensch, der fremde Größe fühlt, Und sie durch Liebe macht zu seiner eigenen, Denn groß zu sein, ist wenigen nur vergönnt" sagt Grillparzer. So ein glücklicher Mensch war Dienensohn, und aus dieser Quelle inneren Glücks floß seine ewige Güte, seine nie versagende Hilfsbereitschaft. Er grollte nicht, daß man ihm die Pforten der Unsterblichkeit nicht öffnete, er begnügte sich mit der Rolle eines Beschützers allesGroßen und Schönen, die die jüdische Literaturgeschichte ihm gern einräumen wird. Er sagte sich: »Gewiß gehöre ich nicht zu den Großen, ich freue mich aber, daß mein lieber Freund Perez groß ist." Tiefer betrachtet, wird man wohl sagen dürfen, daß die Sentimentalität der Dienensohnschen Figuren in seiner Herzensgüte begründet ist. Es war ihm ein inneres Bedürfnis, die unrecht Leidenden zu beweinen, mit ihnen die Seelenschmerzen Und er sah darin auch die großen zu tragen. und kleinen Tragödien seines Volkes, denen er im alten Stile Ausdruck verlieh. Als Künstler hat ihn die Zeit überwunden, als Mensch hat er sich selber überwunden, was nach dem Ausspruch unserer Weisen das größte Heldentum ist. An Arbeit im Dienste der Menschlichkeit, im Dienste setner jüdischen Brüder hat es ihm nie gefehlt. Alssich ihm im Alter die Tore der dichterischen Welt schlössen, erschloß sich ihm' die Welt der Wirklichkeit, die seiner bedurfte. Wirkliche, nicht phantastisch erfundene Menschenkinder brauchten seine Hilfe, und er schenkte ihnen den ganzen Reichtum seines Herzens. Dieser alte Junggeselle liebte die Kinderwelt leidenschaftlich, und am meisten die großen, häufig hilflosen Kinder, die man jüdische Schriftsteller nennt Er kannte das Elend der jüdischen Schriftsteller. Auch die Schriftsteller anderer Völker leben meistens nicht im Ueberfluß, das Los der jüdischen Schriftsteller aber ist fast immer erschütternd traurig. Denn ohne gesunde soziale Grundlage, wie das jüdische Leben im Osten, ist auch die jüdische

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