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Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 255 - 256

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Jakob Dienensohn
Date
1919-09-01
Page
Seite 255 - 256 (sequence 3)
Language
German
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235 Schwüre- und Gelübde, deren Heiligkeit und deren Auflösung nach jüdischer Lehre. 256 Literatur., und der jüdische Schriftsteiler lebt meist in bitterer Not, ma.nch.mal nagen Zweifel in seiner Brust, er weiß nicht mehr, ob man seiner bedarf, ob seine Leistungen mit dem Leben draußen harmonieren, und dieser Zweifel droht, seine Schaffensfreude zu zerstören. Dienensohn, der diese kleinen Tragödien kannte, stand den jungen Schriftstellern stets ermutigend und helfend zur Seite, h'r war der wahre Freund aller aufstrebenden Kollegen. Den besten Teil seiner Seele aber schenkte er Perez. Ein rührenderesj väterlicheres Verhältnis als zwischen Dienensohn und Perez kann man sich kaum vorstellen. Man konnte dein alten Manne keine größere Herzensfreude bereiten, als wenn man ihm etwas Schönes über Perez sagte. Erst wenn das Gespräch sich um Perez drehte, wurde der stille Alte angeregt, und er kramte allerlei aus seiner Gedächtnis kämm er heraus und plauderte lebhaft und interessant. Nun sind beide Freunde wieder vereint "in der ewigen Welt, wie sie die hebräische Sprache so schön mit dem Epitheton „Welt der Wahrheit" bezeichnet. Die Tore des Paradieses öffneten sich, tun dem lieben Dienensohn Einlaß zu gewähren. Und mit strahlendem Gesicht und mit ausgebreiteten Armen eilt ihm der feurige Perez entgegen, der ihn ach so lange entbehren mußte. SCHWUERE UND OELUEBDE, DEREN HEILIGKEIT UND DEREN AUFLOESUNO NACH JUEDISCHER LEHRE.1) Von B inj am in Segel. Selten wohl hat die arisch-christSichc Welt begründeteren Anlaß gchibt, darüber nachzudenken, wie es bei ihr mit der Heilig'keit der Treueide und der Gelöbnisse bestellt ist, als heutzutage. Der Krieg und noch mehr der sogenannte Friede haben die Begriffe der primitivsten Redlichkeit und Treue zwischen Völkern, Staaten und deren Oberhäuptern und Lenkern hinweggewischt. Spionage, Tücke, Hinterlist, Wortbruch, Irreführung wurden als heilige Mittel zu heiligen Zwecken gestempelt. Der tückische Verrat wurde zum hehren Staate nbilclenden Prinzip erhoben. Im künftigen Europa werden eine Unmenge von Nationalhelden und -heiligen umherlaufen, die nicht in einer ehrlichen Re- \olution gegen einen tyrannischen Herrscher oder fremden Bezwinger für die sogenannte Freiheit gekämpft, sondern im heimlichen Kabinett, mit Tinte, Druckerschwärze und verdächtigen Chemikalien gearbeitet, Unterschriften gefälscht, gestohlene Briefe geöffnet, Geheimnisse ihres Staates preisgegeben haben. Alitten in offener Schlacht haben zahlreiche Soldatenhaufen sich auf ihre eigenen Kameraden. gestürzt und sie liingewürgt und sind zum Feinde übergelaufen, dessen Sprache sie nicht einmal recht verstanden, haben die Fahne besudelt, unter der ihre Regimenter seit Jahrhunderten „ruhmreich" gedient, den Landesvater verraten, dem ihre Vorfahren seit Generationen Treue geschworen, dem ihre nächsten Volksgenossen erst vor kurzem feierlich und begeistert gehuldigt. Treulosigkeit gegen Treulosigkeit war die Parole. Wie verheerend diese Beispiele von oben, von den verantwortlichen Trägem der öffentlichen Sittlichkeit, auf die Privatmoral der einzelnen gewirkt haben, das wird erst die Kriminalstatistik der künftigen Jahre ganz enthüllen. Selten wohl haben Treu und Glauben in der europäischen und amerikanischen christlichen Welt geringere Geltung gehabt als in unserer Zeit. ') "Wir haben knapp vor Ausbruch des Weltkrieges dieses Thema kurz behandelt. Es ist leider jetzt wieder aktuell geworden. Anmerkung der Redaktion. Und gerade diese unsere Zeit hält es für angemessen, die Frage der Treue und Heiligkeit des Judeneides, die bereits im 13. Jahrhundert durch R. Jechiel von Paris in öffentlicher Disputation behandelt wurde, wieder aufzurollen. Für den großen antisemitischen Angriffskampf wurde die alte verrostete Waffe hervorgeholt und blank geputzt. „Das jüdische G e h e i m g e se t z" wird in einer großen Anzahl von Veröffentlichungen „enthüllt" und dargelegt, in „gelehrten" Büchern und populären Broschüren und Flugschriften, in Monatsschriften und Tagesblättern. „Das jüdische Geheimgesetz0 nimmt neben dem „Anteil des Judentums an dem Zusa m m e n b r u c h Deutschlands" den ersten Platz ein. Das Hauptstück dieses „Geheimgesetzes" aber bildet der J u d c n e i d. „Wie berufene Fachmänner nachgewiesen haben, begünstigt die jüdische Religion eine laxe Auffassung des Eides durch das Kolnidrc -Gebet, das am Vorabend des Versöhnungstages in der Synagoge mit großer Feierlichkeit verrichtet wird. Ganz besonders ist es erlaubt, Andersgläubigen gegenüber einen falschen Eid zu schworen/" Die „berufenen Fachmänner'' der jüngsten Zeit sind ein Herr Helhvig und ein Herr (Schütze, die in dem von Prof. Hans Groß in Graz herausgegebenen Archiv für Kriminalanthropologie, einer nach dem anderen, zwei Studien über das Thema veröffentlichten. Der eine von ihnen zitierte das vielberufene „Kolnidre-Gebet" in der dem „Antisemiten-Katechismus" des bekannten Herrn F r i t s c h entnommenen, bewußt gefälschten Fassung und knüpfte daran die Aufforderung, „daß von jüdischer Seite die in Betracht kommenden Quellen nicht länger verheimlicht oder verschleiert werden mögen, damit die Prüfung ruhig und sachlich geführt werden könne". Prof. Groß fügte von seiner Seite die Bekräftigung hinzu, daß die jüdische Religion allerdings ihren Bekennern durch die Lösung von Gelübden in bezug auf den Eid ein „Kautschuckgewissen'" mache. Der Einwand, daß in dem von

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