Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Article
- Jakob Dienensohn
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 251 - 252 (sequence 1)
- Language
- German
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251 Jakob Dienensohn. 252 JAKOB D1ENENSOHN. Von Seh. Gorelik. Iiiner nach dem anderen gehen sie von uns. All die großen und hervorragenden Führer der ostjüdischen Literatur wandern vor unseren Augen von der Welt des Scheins in das Reich des ewigen Seins. Und wir stehen da schweren Herzens, denn um uns wird es immer trauriger und einsamer. In kurzer Zeit verloren wir Mendele, Perez, Scholen} Alechem und Frug, und nun schließt der gute, alte Dienen söhn die Reihe der großen Toten. Schon mit dem Tode Perez' war das Leben Dienensohns zerstört, denn eine tiefe Freundschaft verband beide das ganze Leben hindurch, und sie ergänzten einander harmonisch im Leben und Wirken. Es sah beinahe aus, als wenn Dienens o h n nur noch einige Jahre unter uns weilte, weil es seinen so heiß geliebten jüdischen Brüdern in dieser verhängnisvollen Zeit besonders schlecht ging und es Arbeit genug gab, helfend und schaffend einzugreifen. Und vielleicht blieb er noch in dieser Welt, die ihren Reiz für ihn verloren hatte, um die hinterlassenen Papiere seines Freundes Perez zu ordnen und druckreif zu gestalten. Es war nicht mehr der alte Dienen so Im. Jede Freude war von ihm gewichen und Todesschatten begleiteten ihn. Er erwartete den Tod als harmonischen Abschluß; er starb still und gefaßt, und das gutmütige, seelenvolle Lächeln wich nicht von seinem Antlitz. Bei Perez hatte der Todesengel keine leichte Arbeit, er kämpfte mit ihm, weil er das Leben glühend liebte. Dienensohn aber mit seiner sanft ergebenen, anspruchslosen Natur antwortete auf den Ruf: ,,Es ist Zeit, Alter", „Ja, ich bin fertig, ich komme." Nun ist er von uns gegangen und uns bleibt die Pflicht, diese still leuchtende, fein gestimmte Seelengestalt festzuhalten. In meiner Erinnerung lebt das vornehme, mit auserlesenem Geschmack ausgestattete Arbeitszimmer in der Jerusalemskigasse in Warschau. Mit lebhafter Gebärde und mit energischem Schritt spaziert darin Perez auf und ab. Er ist in froher Sitmmung, wie immer, wenn jemand zu ihm von literarischen Plänen und künstlerischen Ideen spricht, oder wenn er eben ein gutes Buch gelesen hat, oder wenn ihm die Uebersetzung eines Kapitels aus Fliob oder Mischle ins Jüdische besonders gelungen ist. Und wenn Perez in guter Stimmung ist, dann kann man sich etwas Schöneres kaum vorstellen. Dann wird er wieder jung, seine großen Augen leuchten, sein Inneres strahlt eine eigenartige Schönheit aus, seine Sprache wird plötzlich reich an Inhalt und Farbe und eine Feiertagsatmosphäre umgibt ihn. Im Vorbeigehen klopft er einem jungen Mann auf die Schulter und wendet sich dann zum schüchtern-keusch blickenden alten Mann, der am Nebentisch still sitzt und Zigaretten dreht, mit den Worten: „Was sagst du dazu, Dienensohn?" Ein Gast, der zum ersten Male Perez besucht, wendet sich bei diesen Worten überrascht um und sieht sich das Gesicht des alten Herrn genau an. Der Gastgeber hatte nämlich in seiner Zerstreutheit vergessen, seine Gäste einander vorzustellen. So, das ist Dienensohn, denkt er bei sich, ein Stück Vergangenheit aus der jüdischen Literatur, einer unserer beliebtesten Erzähler, dessen Romane einst die Herzen so vieler bewegt, dessen Helden den Lesern so viele Tränen gekostet haben! Es gab in der Tat eine Zeit, in der man fast in jedem jüdischen Hause der Provinz seelisch mit den Helden Dien<msohns lebte und tief das Schicksal der von ihm geschaffenen Gestalten Ruchame, Rosa, Josef mitempfand. Man liebte diese zarten Gestalten, man seufzte über das Geschick der traurigen, unglücklichen Seelen, und man haßte den „schwarzen jungen Mann", die Figur, in der der Dichter alles Böse und Niedrige verkörperte, aus tiefstem Herzen. Erinnerungen aus der Jugend tauchen in mir auf. Ein Dorf in der Ukraine. Es ist Freitag abend nach dem Abendbrot. Der Vater hat sich mit einem dicker Folianten in sein Zimmer zurückgezogen, und im Eßzimmer blieben die Frauen und die Jugend, um gespannt und mit anhaltendem Atem der Vorlesung eines Dienensohnschen Romans beizuwohnen, den ein wandernder Buchhändler aus Litauen hergebracht hat. Die Frauen müssen bei der Lektüre häufig die Tränen vom Gesicht wischen, sie sind hingerissen von Mitleid, denn Dienensohn redet stark zum Herzen und weckt die zartesten Gefühle. Nun muß auch der Vorleser mit einem energischen Ruck die Vorlesung abbrechen. Der Hals ist ihm trocken geworden und ein feuchter Nebel hat sich über seine Augen gelagert. Er fühlt salzige Tropfen in seinen Mundwinkeln, und bevor er noch den Versuch macht, seine Gefühle zu meistern, laufen schon die Tränen über seine Wangen. So groß ist die Wirkung, den der herzzerreißende Brief des Helden an seine Geliebte hervorruft. Sentimentalität ist nicht das Merkmal einer hervorragenden Dichtung, und der dauernde Wert eines Buches hängt nicht von der Wirkung auf die Tränendrüsen ab. Es ist kein Zweifel, im allgemeinen gehört Dienensohn als Schriftsteller der