Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Article
- Jakob Guttmann
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 245 - 246 (sequence 1)
- Language
- German
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245 Jakob Guttmann. 246 JAKOB GUTTMANN. (12. April 1845 - 29. September 1919) Von A. Hebraeus. Am 29. September hat Jakob Guttmann, ein hervorragender Gelehrter und Forscher auf dem Gebiet der Wissenschaft des Judentums, sein arbeits* reiches Leben beendet. Der im 74. Lebensjahr ver* storbene Gelehrte versah ein halbes Jahrhundert hindurch das Rabbineramt, und obwohl er, nament* lieh während seiner Amtierung in Breslau, in seiner Gemeinde und auch draußen praktisch in hervor* ragender Weise tätig war und in allen Angelegen* heiten der Juden in Deutschland rege und eifrig mitarbeitete, fand £r genügende Muße, die Wissen* schaft des Judentums erfolgreich zu pflegen. Ins* besondere wurden von ihm die jüdische Religions* Wissenschaft und die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters — zwei wissenschaftliche DiszEpline, die sein Hauptarbeitsfeld bildeten — durchforscht und bearbeitet. Allerdings fehlte es nicht an guten Vorarbeiten auf diesem Gebiet; aber Jakob Guttmann, der ein selbständiger Forscher war und ein gediegenes Wissen besaß, hat die Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie nicht nur durch wertvolle Arbeiten bereichert, sondern sie auch einheitlich zusammengefaßt und zur Darstellung gebracht. Er beherrschte die umfangreiche Literatur der Scholastik und kannte wie selten einer die Stellung der jüdischen Religionsphilosophie zu ihr, die Beziehung der arabischen und christlichen Scholastiker zu den jü* dischen Religionsphilosophen und den Einfluß der Juden auf die christliche Scholastik, auf die philo* sophische Begründung des Christentums durch dessen hervorragende Lehrer. Die große Bedeutung der Forschungen Gutt* manns liegt in dem Aufsuchen der Quellen, aus denen die philosophischen Gedanken, oder sagen wir das philosophische Denken des Mittelalters flössen. Aus den vielen Einzelheiten, die uns z. T. bekannt waren, oder die er erst ans Tageslicht förderte, schuf er ein Gesamtbild: die philosophische Welt des Mittelalters in ihrer reichen Mannigfaltig* keit, in ihren Tiefen und in ihren Subtilitäten, aber auch in ihren Verzerrungen. Was die jüdische Religionsphilosophie betrifft, so behandelte sie Guttmann in ihren inneren Zusammenhängen seit ihren ersten Anfängen, in ihrer Entwicklung seit Saadja bis auf ihren letzten Ausläufer, aber auch in ihren Beziehungen zu der arabischen und zu der christlichen Religionsphilosophie. Aus seinen Arbeiten gewinnen wir klaren Einblick in den Organismus der mittelalterlichen Philosophie in allen ihren Schattierungen, in ihren Strömungen und Gegenströmungen, in allen ihren Versuchen, die Religion entweder durch den Rationalismus zu Mären oder durch die Mystik zu vertiefen, aber ebenso in den Anläufen einer kühnen Kritik, welche die un* eingeschränkte Herrschaft der Religion über die Gemüter zu untergraben oder gänzlich zu zerstören unternahm. Grade das Judentum, das sich von jeder dogmatischen Gebundenheit freizuhalten wußte, bietet uns ein interessantes und überaus anziehendes Bild vom Kampf der Geister, der im Mittelalter, während die christliche Welt tief in der Dunkelheit lag und in ihr Todesstille herrschte, den Höhe* punkt erreichte. Ein Blick auf die zahlreichen selbständigen Arbeiten und auf die in Zeitschriften und Sammel* büchern zerstreuten Beiträge Guttmanns zeigt uns, wie umfassend sein Wissen und wie fast uner* schöpflich seine Arbeitskraft war. Selbst seine Hauptwerke eingehend zu besprechen und deren Inhalt wiederzugeben, würde einen zu großen Raum in Anspruch nehmen. In die Wissenschaft* liehe Welt hat sich Guttmann 1868 mit einer latei* nischen preisgekrönten Schrift über die Philosophie Descartes* und Spinozas eingeführt. Später schrieb er: „DieReligionsphilosophie desAbraham ibnDaud aus Toledo" (1879); „Die Religionsphilosophie des Saadja" (1882); „Die Philosophie des Salomon ibn Gabirot" (1889) und „Das Verhältnis des Thomas von Aquino zum Judentum und zu der jüdischen Literatur" (1891). Die zwei zuletzt genannten Werke müssen doch etwas ausführlicher behandelt werden, da sie be* deutsame Kapitel in der Geschichte der Philosophie betreffen. Salomo ibn Gabirol, der geniale Denker und Dichter des jüdischen Mittelalters, hat seine pantheistische Weltanschauung in einem arabisch geschriebenen Buch: „Lebensquelle" niedergelegt, wobei er ganz und gar nicht vom Gesichtspunkt des Judentums ausging, sondern denNeuplatonismus zu einer einheitlichen Auffassung der Materie und des Geistes weiterentwickelte. Dieses selbständige Denken wurde ihm von seinen Zeitgenossen ver* argt, und es scheint die Ursache der Vereinsamung des Philosophen und der Anfeindungen zu sein, über die der schwermütige, dem Weltschmerz huldigende Dichter so oft klagt. Die arabische Urschrift ging verloren, und auch die Bedeutung Gabirols als origineller Denker blieb später un* bekannt. Man wußte von ihm nur aus Anführungen in verschiedenen Schriften Abraham ibn Esras, der insbesondere Gabirols Bedeutung in der Psychologie nicht genug rühmen konnte. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts förderte Salomon Münk hebrä* ische Auszüge aus Gabirols „Lebensquelle" zutage