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Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 247 - 248

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Jakob Guttmann
Date
1919-09-01
Page
Seite 247 - 248 (sequence 2)
Language
German
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Aufgaben der jüdischen Ethik. 248 und wies gleichzeitig nach, daß der von christlichen Scholastikern häufig erwähnte Avicebron oder Avicebrol, den man bislang für einen arabischen Philosophen gehalten hatte, kein anderer als Salomo ibn Gabirol war. Es war dies eine in gewissem Sinne epochemachende Entdeckung. Später 'fand man jedoch eine vollständige lateinische Ubersetzung der Gabirolschen Schrift: ,,Fons vitae". Guttmann widmete daraufhin der Philosophie Gabirols seine obenerwähnte Schrift, in der uns zum erstenmal eine gründliche zusammenfassende Darstellung von Gabirols Gedankenwelt geboten wird. Ebenso wichtig ist die Schrift „Das Verhältnis des Thomas von Aquino zum Judentum und zu der jüdischen Literatur". Thomas von Aquino nimmt in der christlichen Religionsphilosophie des Mittel* alters die erste Stelle ein und behauptet diese Stellung noch jetzt im Katholizismus. Aber dieser hervorragende Lehrer des Christentums ist, wie Guitmann unwiderleglich nachweist, stark von jüdischen Denkern abhängig, insbesondere von Maimonides, in dessen Gedankengängen er sich häufig bewegt. Es ist eine verdienstvolle Arbeit Guttmanns, diese Abhängigkeit des Thomas von Aquino von jüdischen Philosophen nachgewiesen zu haben. Nicht nur das Christentum hat soviel vom Judentum entnommen, sondern die versuchte philosophische Begründung der Tochterreligion stammt aus dem Rüstzeug der Mutter — cfcpselben Mutter, die die christlichen Heißsporne "nicht genug verspotten und schmähen konnten. Eine Anzahl von Abhandlungen auf diesem Gebiet hat Guttmann in seinem Buch „Die Scholastik des dreizehnten Jahrhunderts in ihren Beziehungen zum Judentum und zur jüdischen Literatur" (1902) vereinigt. Auch dieses Buch wie alle in Zeitschriften verstreuten Aufsätze Guttmanns sind von bleibendem Wert und bieten namentlich für eine großzügige Geschichte der Philosophie reichhaltiges Material. Sie sichern dem verstorbenen Gelehrten im Reich der Wissenschaft ein unaus* löschliches Andenken. AUFGABEN DER JUEDISCHEN ETHIK. Von Rabbiner Dr. Lewkowitz-Berlin. Lieber Fragen der jüdischen Ethik 3n wissenschaftlicher Absicht zu schreiben, scheint ein überflüssiges Unternehmen zu sein. Was ließe sich über dieses so oft behandelte Thema noch Neues sagen? Die Grundsätze der jüdischen Sittenlehre, aus denen sich das Detail der Moralgebote ableiten läßt, sind häufig genug dargestellt und auf ihre Gültigkeit hin untersucht, und es hat sich stets ihre Uebereinstimniung mit dem ethischen Fühlen der Gegenwart ergeben. Ebenso ist die Ligenart der jüdischen Ethik, der Unterschied zwischen der realistischen, besonnenen Denkweise der Bibel und der schwärmerischen, wirklichkeitsfremden Moralanschaiiung des Evangeliums deutlich genug erkannt. Welche wissenschaftlichen Aufgaben hätte also die jüdische Ethik noch zu lösen? Vielleicht ist aber der Begriff der Ethik weiter zu fassen, als es in jüdischen Kreisen gewöhnlich geschieht. Alan versteht darunter im wesentlichen die Darstellung und Untersuchung der Normen, die das sittliche Verhalten der Menschen gegeneinander regeln wollen. In der Bibel aber finden wir nicht nur die Forderung der Gerechtigkeit und der Menschenliebe, sondern, abgesehen von der Fülle zeremonieller und kultischer Vorschriften, eine große Anzahl rechtlicher Bestimmungen für die Gestaltung des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens. Ist diese Verbindung verschiedenartiger Gesetze nur die Folge davon, daß in der antiken Kultur Religion, Sittlichkeit und Recht noc ' ungeschiedene Einheit bilden, also eine histoi Lache Zufälligkeit? Wenn die Bibel ihrer Aufgabe, eine geschlossene religiöse Weltanschauung zu bieten, gerecht werden will, darf sie an den Tatsachen des politischen und wirtschaftlichen Lebens nicht vorübergehen, sondern muß uns Ithren, wie wir uns zu den großen kulturbildenden Mächten, die wir Staat, Wirtschaft und Recht nennen, zu stellen haben. Ihrer ganzen Methodik entsprechend, gibt sie uns diese Anleitung nicht in allgemeiner und abstrakter, sondern in konkreter Form, indem srie für diese Lebensgebiete spezielle Gesetze aufstellt. So entsteht ein religiöses Recht, das das staatliche uncl wirtschaftliche Leben Israels beherrschen und gestalten will. Diese ganze Gesetzgebung steht im engsten Zusammenhang mit den sittlichen Idealen der Bibel, es herrschen in ihr die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Menschenliebe. Schon ihrer ethischen Tendenz wegen sind diese biblischen Gebote für die Erkenntnis der jüdischen Ethik aufschlußreich. Sie zeigen uns aber auch, welche Stellung die Bibel dem Staat, der Wirtschaft und dem Recht gegenüber einnimmt. Aus den speziellen Bestimmungen kann man auf die allgemeine Anschauung schließen, auf der sie beruhen. Diese grundsätzlichen Lehren nun bilden einen wesentlichen Teil der jüdischen Ethik. Es genügt ja nicht zu wissen, welches Verhalte» das Judentum dem einzelnen Menschen, oder'

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