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Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 241 - 242

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Die Judenfrage im künftigen Europa
Date
1919-09-01
Page
Seite 241 - 242 (sequence 4)
Language
German
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241 Die Judenfrage hu künftigen Europa. 242 Tempo und in langsameren Schlägen. Galizien, wo der Pogrom bis zum Ende des vorigen Jahres etwas Unerhörtes und fast Unmögliches war, bildete etwa seit Ausgang der achtziger Jahre ein Auswanderungsgebiet, welches zeitweise sogar verhältnismäßig mehr jüdische Emigranten lieferte als Rußland. (Allerdings war dort der Boykott Iiis auf die neueste Zeit von ganz anderer Art als in Rußland.) Die nationaldemokratische Partei in Polen hat im Herbst des vorigen Jahres ihr Programm für die Herausdrängung der Juden aus Folcn eingehend entwickelt und gleichsam festgelegt (vgl. „Moyen. de resoudre In. question juive en Pologne" plar Fr. St. Micha lski, Lausanne 1918). Hier wird ein großartiges Boykottsystem bis ins einzelne dargelegt, der Pogrom jedoch und sogar das Ausnahmegesetz entschieden abgelehnt. Natürlich sind die polnischen Judenpogrome, diu seit November 191S gewütet haben, der polnischen Nationaldemokratie gleichsam als Introduktion zum geplanten Gcneralboykott durchaus nicht unwillkommen gewesen, und sie wird auch künftighin keine Trauer anlegen, wenn von Zeit zu Zeit eine Reihe wirksamer Pogrome die systematische Boykottaktion unterstützen wird. Aber das Hauptsächlichste ist der Pogrom nicht. Der Judenboykott in Polen von 1912 hat rein wirtschaftlich viel mehr Opfer gefordert und mehr Auswanderer jenseits des Ozeans befördert als mancher schaurige Pogrom, und dennoch ist er ganz trocken verlaufen, ohne daß ein einziger Tropfen Blutes dabei geflossen ist. Wenn man also in der Abwehr des praktischen Antiscmitismusdas Augenmerk allein auf den Pogrom richtete, so verwechselte man eine Nebenerscheinung mit der Hauptsache. Bei der Heliandlung der Judenfrage hat ■ man sich stets zu fragen: „Wie kann dem Boykott abgeholfen werden?'" Wenn dieses nicht gelingt, so sind alle Palliativmittel gegen den Pogrom vollständig nutzlos. Um aber den Wirkungen des Boykotts auf den Grund zu kommen, muß man zwischen dem HUGO KAUFMANN Goldschmieckbrunnen in Augsburg b e w ußte n und dem mechanischen Boykott unterscheiden. Die Verdrängung der Juden aus einem oder mehreren Wirtschaftsgebieten kann mit Vorbedacht ins Werk gesetzt werden durch die Regierung., wie im zaristischen Rußland,, oder du/ch „die Nation", d. h. durch bestimmte Klassen, die ihre ökonomischen Interessen mit der hehren nationalistischen Phrase drapieren, wie dies in Polen die Nationaldetnokratie seit 1905 offen predigte und im Jahre 1912 endlich in großem Stil erreichte. Der mechanische Boykott ist eine Folg;e der normalen Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse, die in ihrem Gang die veraltete« Produktionsweisen oder Formen des Handelsverkehrs beseitigt und deren Träger, insofern sie ungenügend organisiert sind oder der Anpassungsfähigkeit ermangeln, der Subsistenzmittel beraubt. Ein klassisches Beispiel der Wirkung des mechanischen Boykotts bietet das Schicksal der jüdischen Massen in Galizien. in diesem L'.nide erfreuten sich die Juden der vollen bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung, von der sie ausgiebigen Gebrauch machten; es gab dort auch keinen organisierten Antisemitismus tncl bis zum Weltkrieg auch keine Boykottbewegtm^'. Und dennoch verschlimmerte sich die Lage cU'r jüdischen Massen ungefähr seit Mitte der achtziger Jahre immer mehr, das Massenelend und seltie Folgeerscheinungen, vor allem die Auswanderung, griffen immer mehr um sich. Das war die Wirkung des mechanischen Boykotts, welcher der wirtschaftlichen Höherentwicklung des Landes entsprang und von der auch eine dünne Schicht von Besitzenden unter den Juden profitierte, während die großen jüdischen Massen ihr nicht folgen konnten und von ihr zermalmt und aus dem Lande getrieben wurden. Während der bewußte Boykott dem Antisemitismus irgendeiner Art entspringe, pflegt der mechanisclie eine antisemitische Gesinnung hervorzurufen; die Juden, welche Opfer der ökonomischeu Entwicklung sind, werden als Hindernis des wirtschaftlichen Fortschritts emp-

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