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Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 239 - 240

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Die Judenfrage im künftigen Europa
Date
1919-09-01
Page
Seite 239 - 240 (sequence 3)
Language
German
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239 Die Judenfrage im künftigen Europa. 240 DER PRAKTISCHE ANTISEMITISMUS. jene ändert', akute Abart des Antisemitismus mit ihren praktischen Auswirkungen im Pogrom und im Boykott — das ist der wahre Feind, (leider Judenlieit gefährlich werden kann. Dieser praktische Antisemitismus kann sich allerdings nur dort austoben, wo die Juden in Massen siedeln und dem Feind breite Angriffsflächen bieten. Das ist nur in Mittel- und Osteuropa der Fall. Im Westen kann es einfach, sozusagen aus technischen Gründen, nicht zu Pogromen in größcrem Stile kommen, weil die hierzu nötige Anzahl von Juden nicht vorhanden ist, die auf engerem Raum zusammengedrängt wohnen und leicht von der nichnjüdischen Bevölkerung zu unterscheiden sind. Selbst die durch den Krieg verursachte tiefgreifende moralische Verwilderung dürfte schwerlich irgendwo in Westeuropa zu judenmetzelcien führen. Der klassische Boden der Pogrome beginnt auch fernerhin jenseits der Linie, die Osteuropa von Westeuropa scheidet, eine Linie, die sich jetzt allerdings bedenklich gen Westen verschoben hat. Allein jeder Pogrom im Osten macht sich den Juden im Westen auf eine tiefschmerzliche Weise fühlhar, und zwar, von allen Gefühls- und ethischen Momenten abgesehen, auf eine sehr greifbare und praktische Weise, besonders wenn der Pogrom eine Massencmigr;ition zur Folge hat, eine heftige Sturzwelle von Auswanderern;iuf einmal nach dem Westen und über den Ozean treibt. Seit dem Beginn der modernen Pogromcpoche, also seit Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, ist auch die Frage nach Ziel und Richtung der jüdischen Wanderungen aus Osteuropa nicht von der Tagesordnung gewichen; alle jüdischen Körperschaften und Einzelpersönlichkciten, die sich seither mit der Judenfirage befaßten, richteten denn auch ihr Augenmerk auf die Emigration als eine Folge der Pogrome. Im allgemeinen herrschte die feste Ueberzcagung, daß die Emigralion sich eindämmen ließe oder gar gänzlich aufhören würde, wenn die Pogrome von der Erde verschwänden. Das war ein Irrtum, und es wäre verhängnisvoll, wenn er in die heranbrechende neue Zeit hinübergenommen und die soziale Hilfstätigkeit der Juden bestimmen würde. Die Wahrheit ist nämlich, daß innerhalb des praktischen Antisemitismus der Boykott ein viel gefährlicherer Feind ist als der Pogrom. Dieser ist ein blutiges Geschäft, und auch der vertierteste Pöbel kann ihn nur eine Zeitlang praktizieren, die menschliche Bestie wird schließlich gesättigt und hört am Ende auf. Die jetzigen Pogrome in Polen haben ja ebenfalls seit einigen Monaten merklich abzuflauen 1>-..'gönnen. Der Boykott dagegen würgt seine Opfer im stillen, ohne Aufsehen, nach trockener Methode, unermüdlich. Während der Pogrom auf jeden Fall auch im Bewußtsein des verwildertsten Pöbels eine Verletzung der Rechtsordnung bildet und die Behörden schließlich zwingt, ihm ein Ende zu bereiten, auch wenn sie in Wirklichkeit seine Anstifter gewesen sind, pflegt der Boykott sich in das Gewand höherer politischer und moralischer Interessen zu kleiden, als deren höchster Wächter der Staat zu wirken verpflichtet ist. Es gilt den nationalen Wohlstand zu schirmen, die Produktionsmittel dem „Fremdbiirtigen" zu entreißen, die Wohlfahrt des „eigenen Volkes" zu sichern. Im Grunde ist der Pogrom nur ein Exponent des Boykotts. Wo man sich aus nationalistischen, politischen oder sonstigen Gründen bestimmt fühlt, die Juden aus dem Lande zu dränget!, sucht man ihnen durch administrative Anordnungen, durch Gesetze oder öffentliche Organisationen die Lebensmöglich-. keiten abzuschnüren, wobei zwischendurch ab und zu auch der Pogrom als willkommenes Mittel zur Anwendung kommt. I>i e g a n z e n russischen P o g r o m e waren nichts als eine B e g 1 e i t e r s c h e i n u n g der v o m Z a r i s - m us erstrebten Heraus d r ä n g u n g d e r Juden aus R u ß Und, also des K a m p f e s g c g e n d i e F r umdstä m m igen u n d F r e m d g l ä u b i g e u , eines Kampfes, der gegen die Juden natürlich mit besonderer Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit geführt wurde. Pobjcdonoszew sprach das unumwunden aus, indem er als Devise seiner jucknpolitik das Ziel aufstellte: „Ein Drittel der Juden soll auswandern, ein Drittel verhungern, ein Drittel totgeschlagen werden."' Gesetzgebung, Verwaltung und Pogrom sollten also harmonisch zusammenwirken, um das hehre Ziel zu erreichen, daß Rußland „judenrein" werde, Jn diesem einen Punkte, nämlich daß mit der Zeit die Juden aus dem Zarenreiche verschwinden müssen, waren mit den schlimmsten Pogromhetzern auch jene panslawistischen Kreise einig, die den Pogrom als barbarisch und verbrecherisch grundsätzlich verwarfen; nur unterschieden sie sich von ihnen in der Wahl der Mittel, die zu diesem Ziele führen sollten, sie hofften nämlich, es auf unblutigem Wege viel bequemer und gründlicher zu erreichen. [Vergleiche die Studie „Ein panslawistisches Programm zur Lösungder Judenfrage in Kußland", Ost und West, Mai/Juni 1916.) Also auch ohne die Pogrome wären aüc Mittel in Anwendung gebracht worden, um die Juden zur Auswanderung zu zwingen, die Ströme von Emigranten hätten sich nach Westeuropa und Amerika ergossen, nur wahrscheinlich in einem anderen

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