Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 243 - 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Die Judenfrage im künftigen Europa
Date
1919-09-01
Page
Seite 243 - 244 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584087-2584092-2607918--17620-2607965
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

243 Die Judenfrage im künftigen Europa. 244 funden und hingestellt, und um sie nicht bedauern und ihnen helfen zu müssen, zieht man es .vor, .sie zu verleumden und ihr Schicksal als ein wohlverdientes hinzustellen. So verschieden voneinander aber diese beiden Arten des Boykotts sind, eines haben sie jedenfalls miteinander gemein: beide sind nur möglich durch die eigenartige wirtschaftliche Lage der jüdischen Massen, die die Folge einer Jahrhunderte alten Entwicklung ist. Die jüdischen Massen besitzen kein eigenes Wirtschaftsgebiet, das "Wort nicht im territorialen, sondern im rein ökonomischen Sinne verstanden. Ebensowenig nämlich, wie man den Landwirt überflüssig machen, ersetzen, aus dem Wirtschaftsgetriebe ausschalten kann, ebensowenig kann man den qualifizierten Handwerker und den Lohnarbeiter boykottieren. Freilich hat die europäische Landwirtschaft seit den siebziger Jahren, infolge der überseeischen Konkurrenz schwere Krisen durchgemacht; viele Zweige des Handwerks sind durch die Großindustrie vernichtet worden, und die Lebenshaltung der Lohnarbeiter wurde durch die Einführung von Maschinen oder chinesischen Kulis hcrabgedrückt. Aber in allen diesen Fällen trat einerseits die Organisation und andererseits die Anpassungsfähigkeit der Träger der bedrohten Berufszweige in Wirksamkeit und half ihnen, die Krisen zu überstehen oder sich noch bessere Lebensbedingungen zu erkämpfen. (Besonders für das Handwerk soll dies im Verlaufe dieser Studien nachgewiesen werden.) Wer nämlich die Urproduktion, d. h. die Möglichkeit, Rohstoffe mittels selbsttätiger Arbeit in Gebrauchsgüter zu verwandeln, in Händen hält, der besitzt ein Wirtschaftsgebiet, aus dem ci nie und nirgends ganz und auf die Dauer verdrängt werden kann. Er kann nicht boykottiert werden. Wenn er dazu noch durch Organisationen geschützt ist, was ihm hilft, sich der Konkurrenz zu erwehren oder ihr standzuhalten, und wenn er außerdem genügend Anpassungsfähigkeit und wirtschaftliche Einsicht erworben hat, um seine Tätigkeit etwaigen neuen Bedingungen geschickt einzufügen, sie zu erweitern oder nötigenfalls zu verlegen. — so ist er gegen alle Stürme gefeit. Der unvermeidliche Kampf ums Dasein wird seine: Kräfte stählen und die ganze Klasse^ der er angehört, zu einer höheren Lebenshaltung emporführen. , Von allen diesen Bedingungen besitzen die Juden in den Ländern, wo sie in Massen 'siedeln, keine einzige. (Die vielgerühmte jüdische Anpassungsfähigkeit eignet nur dem einzelnen, mangelt aber fast vollständig den wirtschaftlichen und sozialen Gruppen.) Und darin gründet das wirtschaftliche Elend der jüdischen Massen. Will man also „die Judenfrage lösen", d. h. dieses Elend aufheben oder wenigstens lindern, so muß man darauf hinarbeiten, den jüdischen Massen diese drei Bedingungen zu verschaffen. Eine Auswanderung der Juden aus Osteuropa, möge sie noch so sorgfältig reguliert und zielbewußt überwacht werden, wird nichts nützen, wenn sie nicht zugleich eine wirtschaftliche Umschichtung bedeutet, wenn ihnen nicht zugleich neue Berufsarten, neue Tätigkeitsgebiete erschlossen werden. Sobald dies aber eintritt, wird, wie wir weiter unten sehen werden, die Auswanderung zum weitaus größten Teil überflüssig. Die Juden müssen, mit einem Worte, der Urproduktion, nämlich der Landwirtschaft und dem Handwerk, zugeführt werden. Was die Landwirtschaft anbetrifft, so unterliegt es keinem Zweifel, daß ein Betätigungsgebiet hierin für größere Massen von Juden in Europa nicht vorhanden ist. Es muß im nahen Orient, also In Palästina, Syrien und Mesopotamien, sodann im fernen Okzident, also in Amerika, gesucht werden. Anders verhält sich's mit dem qualifizierten Handwerk; hier eröffnet sich für die Juden in Osteuropa ein weites, freies Gebiet, in dem sie festen Fuß fassen können. Doch mit der Erschließung eines Wirtschaftsgebietes allein ist noch nichts getan, wenn die Juden sich nicht zugleich eine praktische, gesunde Wirts cliaf tsgesinnung aneignen und wirksame Organisationen schaffen. Darauf muß die Arbeit an „der Lösung der J u d e n f rage" gerichtet sein. Daß dies keine Arbeit von heute auf morgen ist, sondern mindestens eine Generation lang anhalten muß, ist klar.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.