Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 2)
- Language
- German
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237 Die [udenfrage im künftigen Europa. 238 noch viel erstaunlicher ist als der allgemeine Judenhaß. Denn er, betrifft ein Volk, das mit seinen Hassern vielfach durch die innigsten Bande des Blutes, der Religion und der Tradition verbunden ist, und dem seine Gegner, was sie selber nicht bestreiten, auf allen Gebieten der materiellen und geistigen Kultur tief verschuldet sind. Ueberall in der Welt, wohin Deutsche als Ansiedler oder Kaufleute gekommen sind, oder wohin auch nur ihr Einfluß reicht, ist gegen sie, meist künstlich geschürt wie gegen die Juden, ein allgemeiner Haß erwacht, der auch in seinen Zielen und Methoden mit dein Judenhaß eine auffallende Aehnlichkeit hat. Wirtschaftliche Vernichtung, Austreibung, Einwanderungsverbot, das sind die Ziele Die Methode ist Verleumdung, Ehrabschneidung. Nicht eine von den . gegen die' Juden erhobenen Anklagen ist den Deutschen erspart geblieben. Urplötzlich sind die Deutschen au emem kulturunfähigen,geistig unproduktiven Vo3k gestempelt worden, das höchstens fremdeldeen vermitteln kann, aus Eigenem aber nichts besitzt, zu groben Materialisten, die nur nach der physischen Macht und dem Reichtum streben, aber aller idealen Bedürfnisse bar sind. Ganz zu schweigen von den1tdeutschen Greueln", die wolil auf Jahrzehnte hinaus den Unterhaltungsstoff sämtlicher Völker der Erde bilden und ihre Phantasie erhitzen werden, gleich wie die Märchen von den Hostienschändungen und den Ritualinorden der Juden. Betrachtet man alle diese Tatsachen im Zus;immenhang, so wird man zugeben müssen, daß der Judenhaß keine Ausnahmeerscheinung ist und keiner besonderen Erklärungen bedarf. Er hat nichts Unheimlicheres als der Völkerhaß im allgemeinen, und seine Gefährlichkeit für die Juden ist ebenfalls von keiner anderen Art als die jedes anderen Hasses für das Volk, gegen welches er sich richtet. Nur empfinden die Juden seine Acußorungen viel henher, schmerzlicher und drohender, weil sie überall eine kleine Minderheit bilden und die Abwehr und die Verteidigung ihnen deswegen viel schwerer füllt. HUGO KAUFMANN Bildnis des Abg. Scheidemann Uad dieser Punkt ist es, an dem die Judenfrage beginnt. Man muß unter den Aeußerungen des Judenhasses zwischen den akuten und schädlichen und den chronischen und unschädlichen, unterscheiden — das Wort unschädlich immer cum maximo grano salis verstanden. Die chronischen Aeußerungen des Judenhasses sind der sogenannte Gefühls- oder Stimmungsantisemitismus, der sich ästhetisch oder intellektualistisch verkleidet, mit Rassentheorien und mit geschichtlichem Lehren ausgerüstet und den „semitischen Geist" oder den ,,Geist des Judentums14^ u bekämpfen vorgibt, vor dem er die europäische oder die arische Kultur schützen will. Dieser Judenhaß arbeitet mit Theorien, er ist uralt, ändert nur je nach der Zeitepoche seine äußere Form und wird nur gefährlich, insofern er die Waffen füitr den akuten Antisemitismus liefert, der in Pogromen und im wirtschaftlichen Vernichtungskampf oder, wie man heute zu sagen pflegt, im Boykott praktisch zur Erscheinung kommt. Gegen den theoretischen, den Sthnmungs- oder Gefühlsantisetlsmus sind die theoretischen Mittel zur Abwehr da. Es ist zwecklos, zu erwarten, daß er jemals ganz verschwinden sollte, und, wie die Menschenna tur nun einmal beschaffen ist,, wäre dies auch gar nicht zu wünschen. Der Feind erhält uuis auf dem Qui vive, stachelt unsere Kräfte an und erhält in uns die Selbstkritik wach (die wohltuend und nützlich ist, solange sie nicht überspannt wird). Wir müssen ihn stets im Auge behalten, aber so lange er das bleibt, was er ist, nämlich theoretisch, brauchen wir von ihm eine ernstliche Bedrohung unseres Daseins nicht zu befürchten. Im künftigen Europa wird er ganz sicher noch üppiger wuchern als \m bisherigen, wird neue Giftblüten treiben, wird an Terrain gewinnen und sogar in jenen Ländern des Westens emporschießen, die bisher von ihm mehr oder weniger verschont geblieben waren. Aber nicht dieser Antisemitismus ist es, gegen den wir uns hauptsächlich wappnen müssen.