Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 235 - 236 (sequence 1)
- Language
- German
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235 Die Judenfrage im künftigen Europa. 236 DIE JUDENFRAOE IM KUENFTIGEN EUROPA. IL WESEN UND ANTRIEB DES JUDENHASSES Der Judenhaß, der seit etwa 1878 oder 1879 den Namen Antisemitismus bekam, ist zwar so alt wie die Juden, aber immer von neuem, Avcnn ei auflodert, erscheint er uns rätselhaft und dringend erklärungsbedürftig; noch schlimmer, er macht uns im Innern wankend und erschüttert unsern Glaube«, an unsern Menschenwert, frißt sich in unsere Seelen hinein und erzeugt nicht jene gesunde, nüchterne Selbstkritik und Selbstprüfung, die jeder Einzelmensch wie jede Gemeinschaft benötigt, um moralisch und intellektuell zu wachsen und zu gedeihen, sondern einen krankhaften Uebcrkritizismus, der in die Irre geht, die. wertvollen Elemente unseres Wesens angreift, dagegen das wirklich Tadelnswerte und Verbesserungsbedürftige unangetastet läßt. In Wirklichkeit ist der Judenhaß nur der Einzelfall einer allgemeinen Erscheinung im Völkerleben. H. Taine sagt einmal, der natürliche Zustand des Menschen ist das Kranksein, die vollkommene Gesundheit ist ein Ausnahmefall, der einem seltenen Zusammentreffen von glücklichen Umständen zu danken ist; sobald die Wirkung dieser Umstände abgeschwächt wird, bricht die Krankheit sogleich hervor, da sie nur durch den äußeren Schein verdeckt ist; der ganze biologische Prozeß des Lebens besteht in einem unablässigen Kampf gegen die unter einer leichten Decke schlummernden Krankheiten. Aehnliches ist offenbar in <len Beziehungen zwischen den Menschen der Fall. Der natürliche Zustand des Menschen ist Haß gegen jeden, der anders ist als et\ sich von ihm durch! Aussehen, Abstammung, Sprache, Staatszugehörig- , keit, Beruf, Stand, Betragen, Umgangsformen, Begabung, Kenntnisse, Religion, Gesinnung, Denkweise unterscheidet. Dieses Grundgefühl wird noch verschärft durch den Neid und die Herrschsucht, die dem Menschen vor allen organischen Wesen eigen. Erst das langsam erwachende soziale Solidaritätsgefühl drängte allmählich, zuerst zwischen kleineren, dann immer größeren Gruppen, den natürlichen Haß zurück, verdeckte ihn aber bloß, vermochte bis heute jedoch nicht, ihn auszurotten. Die Menschenliebe ist als Forderung eine Frucht der sozialen und kulturellen Entwicklung, namentlich nach ihrer ethischen und religiösen Seite hin, die gegen die Natur ankämpft. Wäre der Haß nicht die Natur des Menschen, so hätten ja alle großen Gesetzgeber und Stifter der Kultur- und ethischen Religionen .nicht nötig gehabt, immer wieder die Forderung der Gerechtigkeit und der Liebe mit aller Macht einzuschärfen. Allein, die kurze Spanne Zeit, die die Kulturentwicklung des Menschengeschlechtes mißt, hat natürlich nicht ausgereicht, um seine Natur von Grund aus zu wandeln. Man bezeichnet heutzutage allgemein den 15. Juni des Jahres 4241 v. Chr., den Tag, an dem in Unterägypten der 365tägige Kalender eingeführt wurde, als das älteste sichere Datum der Weltgeschichte. Was bedeuten diese paar Jahre im Vergleich mit den Hunderttausenden von Jahren., während welcher der Mensch, nach der Lehre der Anthropologie, im Naturzustand verharrte, mir durch einige Fertigkeiten und Geschicklichkeiten im Erwerben der Nahrung und im Bereiten der Wohnung von den höheren Tiergattungen unterschieden? Es bedarf nur des geringsten Anlasses, und die Natur bricht hervor in ihrer ganzen Roheit durch die dünne Decke der Kultui und der Ethik. Nie zuvor ist diese Wahrheit drastischer zutage getreten als während des Weltkrieges. Rassen-, Stammes-, sprach- und religionsverwandte Völker, Nationen, die seit Jahrhunderten in staatlicher Gemeinschaft gelebt und Leid und Freud miteinander geteilt haben, stürzten sich, mitten aus einer noch nie dagewesenen wundervollen Kulturblüte, mordend, sengend und vernichtend aufeinander, schonten nicht ihre ältesten gemeinsamen Heiligtümer, nicht die kostbarsten Schätze erlesener Kultur, die sie in gemeinsamer Arbeit jahrhundertelang aufgehäuft hatten. Und noch trostloser als die Verwüstungen an Menschen und an dinglichem Kulturgut ist die Vergiftunig. der geistigen und seelischen Atmosphäre durch den aufgewühlten Haß, der das zarte Gewebe des Solidaritätsgefithls zerpflückt und in alle Winde verstreut hat, so daß es vielleicht einer Arbeit von Jahrzehnten bedürfen wird, bis die Kulturmenschheit wieder dort angelangt sein wird, wo sie vor Kriegsausbruch stand. Fürwahr, man muß sagen, daß der Judenhaß ein winziges Bläschen im Meere des allgemeinen Menschenhasses ist. Man glaubt, das Besondere des Judenhasses sei seine Allgemeinheit: die Juden würden ja überall in der Welt gehaßt. Natürlich kann es in Chile keinen Griechenhaß und in Südafrika keinen Armenierhaß geben, da in Chile keine Griechen und in Südafrika keine Armenier in merklicher Anzahl vorhanden sind. Dagegen weiden diese beiden Völkerschaften im ganzen nahen Orient von den Andersstämmigen glühend gehaßt, wahrend sie sich untereinander mit einem erlesenen Haß beehren, der ihren gemeinsamen Judenhaß wohl noch übersteigt. Und der Deutschenhaß, der jetzt in der ganzen Welt herrscht, gewährt das Beispiel eines allgemeinen Hasses, der