Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Article
- Die jüdische Geschichte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 225 - 226 (sequence 5)
- Language
- German
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225 Die jüdische Geschichte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung. 226 ben des Adels den heftigsten Widerstand entgegengesetzt, wobei aber nicht bloß rein ideale, sondern auch wirtschaftliche Interessen in Betracht kamen. Daß dieser ruhmreiche Kampf, dessen, geschichtliche Bedeutung auch durch Hervorhebung der anderen nicht religiösen. Momente nicht im mindesten herabgesetzt wird, nicht immer einen religiösen Charakter trag, zeigt das Verhalten der „Frommen" in mancher Episode dieses langwierigen Krieges. Sie, die vielleicht die einzigen warein, die den Krieg nur aus idealen Motiven führten und die größten Opfer an Gut und Leben brachten, waren zu einer Zeit bereit, den Kampf aufzugeben, als die Religionsfreiheit gesichert schien. Hingegen war es die hasmonäische Familie, die den Krieg, der nunmehr ihr Krieg wurde, fortsetzen wollte. Diese kleinadlige Familie war durch die Resolution in die Höhe gekommen; sie wollte und mußte sich jetzt behaupten ganz unabhängig von den religiösen und nationalen Strömungen, welche die revolutionäre Bewegung hervorgerufen hatten. Die „Frommen", die Ideologen unter den. Revolutionskämpfern, hatten die weltlichen Interessen der hasmonäischen Familie erkannt und standen ihrem usopatorischen Treiben feindlich gegenüber. Vor mehreren Jahren habe ich die These verteidigt, daß die Geschichte der hasmonäischen Erhebung nicht mehr vom rein theologischen Gesichtspunkt aus dargestellt werde. Mein Wunsch ging bald in Erfüllung, aber in einer Weise, wie ich ihn nicht gewünscht habe. Ein junger Marxist konzipierte eine geschichtliche Skizze im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung — eine wahre Karikatur — etwa nach dem bekannten Schlagwort: „Der Mensch ist, was er ißt." So habe ich es natürlich nicht gemeint. Eine objektive Geschichtsschreibung wird bei der Behandlung dieser ewig bedeutsamen Epoche neben den religiösen und nationalen, d. h. also neben den rein idealen Momenten auch die politischem, und wirtschaftlichen erörtern, wie sie an sich beschaffen waren und wie sie auf einander wirkten und einander förderten. Erst dann werden wir ein treues Bild jener Zeit gewinnen. 3. Der Kampf der Sadduzäer und Pharisäer. Ueber diese Episode in der jüdischen Geschichte besitzen wir eine umfangreiche Literatur; neben den diesbezüglichen Kapiteln in größeren- Geschichtswerken auch eine große Anzahl von Monographien,, von denen einige durch wissenschaftliche Gediegenheit, ich möchte sagen durch Klassizität, hervorragen. Aber auch dieses Bild bedarf dringend der Ergänzung. Im Talmud wird alles auf das rein Theologische zurückgeführt, wobei die Pharisäer als die Träger der igeschichtlichen Ueberlieferung und die Sadduzäer als Abtrünnige hingestellt werden. Geschichtlich ist diese Darstellung nicht. Josephus hat in seiner bekannten Manier aus den beiden Parteien philosophische Schulen gemacht und sie so der heidnischen Leserwelt vorgestellt: In der evangelischen Erzählung sind die Sadduzäer die reichen, hochmütigen und harten Aristokraten, während die Pharisäer scheinheilige und ehrsüchtige Demagogen sind, welche „Mücken seihen und Kamele verschlucken", den Splitter in den Augen ihrer Mitmenschen, aber nicht den Balken in ihren eigenen Augen sehen. Auch christliche Forscher haben bereits davor gewarnt, in diesem gehässigen Zerrbild die wahre geschichtliche Erscheinung zu suchen und sich insbesondere die Pharisäer nach der Schilderung der Evangelisten vorzustellen. Um die Mitt-e des vorigen, Jahrhunderts hat es Abraham Geiger zuerst unternommen, diesen Parteikampf als den des aufstrebenden Bürgertums gegen den sadduzäischen Adel geschichtlich zu skizzieren, und ihm ist Ernest Renan in der ihm eigenen glänzenden Darstellung gefolgt. Damit das Bild nicht ganz nach der politischen Seite verschoben werde, haben in jüngster Zeit einige Forscher (Elbogen, Leszynsky u. a. und von christlicher Seite Herford) wiederum den theologischen Inhalt des Pharisäismus zusammenzufassen sich bemüht. Bei dem allen aber fehlt noch immer die Untersuchung der wirtschaftlichen Klassengegensätze, die auch in diesen Parteiungen nicht gefehlt haben. Dies versteht sich fast von selbst, da man die Ursache solcher heftigen Kämpfe nicht lediglich in religiösen Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung d«r Thora, in der Deutung minutiöser Partikeln ([achin, rakin we-gamin, wie es im Talmud heißt) suchen kann. Aber wir haben im talmudischen Schrifttum für diese wirtschaftlichen Kämpfe eine Reihe von wichtigen Aussagen, die auch auf das Verhältnis dieser beiden um die politische Macht ringenden Parteien, des sadduzäischen Adels und der pharisäischen Bourgeoisie, zum eigentlichen Volk, zum Am haarez, ein helles Licht werfen. Man kan n diese Zeugenaussagen vernehmen, wenn man sie; hören will; man kann vieles sehen und dann auch verstehen, wenn man aufhört, die Dinge durch die theologische Brille zu sehen und in der theologischen Färbung zu erfassen. Es läßt sich dies nicht mit wenigen Sätzen begründen, denn die Entwicklung, die bis gegen Ende des 1. Jahrhunderts herabreicht, hat ihre Anfänge in viel früherer Zeit und hat deutliche Spuren auch in größeren Partien der Thora zurückgelassen. In einem größeren, hebräisch geschriebenen Werk über die Bibel, das ich für den Druck vorbereite, widme ich allen diesen wichtigen Einzelheiten ausführliche Untersuchungen.