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Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 223 - 224

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Die jüdische Geschichte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung
Date
1919-09-01
Page
Seite 223 - 224 (sequence 4)
Language
German
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223 Die jüdische Geschickte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung. 224 Schreibung "beruht, ziemlich deutliche Hinweise darauf, daß die unter vielfachen Erschütterungen vor sich gegang-ene Konsolidation der religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse Palästinas in jenem Zeitalter auch von wirtschaftlichen Erscheinungen ausging und solche zur Folge hatte. Gewiß zielten die Bestrebungen Esras und Nehemias auf die Befestigung der Lehre Israels hin, und zwar jener Lehre, wie sie in der noch nicht abgeschlossen gewesenen and auch damals noch nicht abgeschlossenen Thoia in der Hauptsache niedergelegt ist. Aber die Lehre Israels umfaßt nicht bloß das religiöse Ritual, sondern auch die Bestimmungen der sozialen Einrichtungen, in denen die Ethik des Judentums zum Ausdruck gelangt. Es ist geschichtlich falsch, wenn man die Propheten zu Schöpfern dieser Ethik macht. Die Propheten haben sie -vertieft und sind gleichzeitig für ihre Verwirklichung mit aller Schärfe eingetreten. Aber schon der ülteste Teil der Thora, das sog. Bundes - buch, enthält zahlreiche soziale gesetzliche Bestimmungen, deren sozial-ethischer Gehalt dem des Deutoronomium in nichts nachstehen. Und die Staatsverfassung, die' sich die heimgekehrte Gemeinde im Zeitalter Nehemias gab, beruht nicht bloß auf dem religiösen Ritual, sondern mit gleichem Gewicht auch auf dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit. Zweifellos stand damals nicht bloß die Erhaltung der Lehre Israels in ihrem religiös-monotheistischen Inhalt in. Frage, sondern auch die soziale Gesetzgebung, wie sie sich seit irralter Zeit, mindestens aber seit dem Zeitalter der Richter, entwickelt hat und nunmehr im Leben verwirklicht werden sollte. Dies ging aber nicht ohne schwere Kämpfe vor sich. Den Widerhall dieser Kämpfe vernehmen wir aus verschiedenen Stellen in den Aufzeichnungen Nehemias, und dazu leommen noch andere geschichtliche Zeugnisse, die man bis jetzt entweder gänzlich übersehen oder mindestens nicht in ihrem vollen Umfange gewürdigt hat. Es seil damit nicht gesagt werden, daß sich die geschichtliche Darstellung jener wichtigen Epoche ganz auf die Schilderung der Klassenkämpfe aufbauen müßte, die zweifellos von großem Einfluß waren. Aber es soll ihnen die ihnen zukommende Bedeutung zugewiesen werden, wodurch erst das geschichtliche Bild ein wahres und naturgetreues wird. Neben den religiösen, und nationalen Gegensätzen, die in den Aufzeichnungen Nehemias im Vordergrund stehen, sollen auch die wirtschaftlichen Klassenintcressen untersucht und erforscht werden, und zwar hauptsächlich dahin, inwiefern sie durch die religiösen und nationalen Interessen der verschiedenen Klassen hervorgerufen und verschärft wurden und andererseits, in welchem Umfange sie auf die Zuspitzung der Gegensätze in religiöser und nationaler Beziehung eingewirkt haben. 2. Die hasmonäis che Erhebung. Eine der wichtigsten Epochen in der Geschichte des jüdischen Volkes bildet die hasmonäische Erhebung, deren Folgen in der Geschichte kaum ganz überblickt werden können. Es hat sich damals um Sein oder Nichtsein des jüdischen VoLkes und des Judentums gehandelt, die beide vom Schauplatz der Geschichte verschwunden wären, wenn die Hellenisierungspläne des Antiochus Epiphanes und dessen Helfershelfer unter dem Ade! Judäas durchgeführt worden wären. Wohl bildeten die palästinischen Juden im Vergleich zu der ganzen Judenheit in der Diaspora bloß eine kleine Minderheit. Aber das Judentum außerhalb Palästinas war damals noch lange nicht so weit gefestigt, um dem vom heiligen Land ausgehenden Assimilationsprozeß auf die Dauer widerstehen zu können. Es war gewiß ein Kampf der Geister, der sich in dem kleinen Ländchen Vorderasiens abspielte. Aber auch in diesem Kampf um die Erhaltung der Religion Israels gegen den Hellenisierungsplan des Antiochus Epiphanes, dem in alter Zeit Tacitus und in unserer Zeit Wellhausen, und Willrich universelle Bedeutung beimessen, spielten wirtschaftliche und politische Klassengegensätze eine viel größere Rolle, als man gewöhnlich annimmt. Ich drücke mich hier vielleicht falsch aus. In den geschichtlichen Darstellungen jener Epoche, die eine umfangreiche, fast unübersehbare Literatur "bilden, ist immer nur von dem Religionskampf die Rede, von dem Kampf um die Gewissens- und Religionsfreiheit, welchen die kleine todesmutige Heldenschar gegen den. verräterischen Adel im Innern und gegen die ungeheure syrische Uebermacht von außen geführt hat. Das Ziel der Religionsfreiheit hat ohne Zweifel den Gesetzestreuen in ihrem schweren Kampf vorgeschwebt, und um dieses hohe Ideal setzten sie sich „dem Schwert, den Flammen, der Gefangenschaft und der Schmach" aus, wie es in der apokalyptischen Schilderung jener Zeit heiß t. Aber nichtsdestoweniger ist vieles auch auf die Klassengegensätze zurückzuführen, die damals in Judäa aufs schärfste zugespitzt waren. Abgesehen davon, daß.das Eindringen der Assimilation in die adligen und reich begüterten Kreise und der Widerstand, den diese Bestrebungen in den unteren und minder begüterten Volksschichten fanden, auf die wirtschaftlichen Verhältnisse zurückzuführen sind. Nur die herrschenden Klassen konnten sich assimilieren und fanden ihre Rechnung dabei, während die unteren Schichten weder die Möglichkeit dazu hatten noch sich einen Nutzen davon versprechen konnten. Aus einem richtigen nationalen Instinkt heraus haben die breiten Volksmassen dem verräterischen Trei-

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