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Ost und West · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1919) · p. Seite 221 - 222

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
Article
Die jüdische Geschichte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung
Date
1919-09-01
Page
Seite 221 - 222 (sequence 3)
Language
German
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221 Die jüdische Geschichte im Liclite der materialistischen Geschichtsauffassung. 222 schichte des jüdischen Volkes, in der es leider zumeist Objekt ist, der Gegenstand blutiger Verfolgungen oder der politischen Gesetzgebung, die seine Ausschließung aus dem politischen Leben, seine gesellschaftliche Aechtung bezweckt — vielmehr sollen wir aus der Geschichte erfahren, wie das Volle in den breitesten Schichten gelebt hat, wie seine wirtschaftlickert und kulturellen. Lebensbedingungen beschaffen waren, wie es arbeitete und sich ernährte, wie es sich kleidete, wie es sich vergnügte oder trauerte, wie die jüdischen Familien begründet wurden usiiid wie es in ihnen aussah, welche Stellung die Frau in der Familie einnahm und wie die Kinder erzogen wurden. Den Mittelpunkt einer geschichtlichen Epoche darf nicht mehr ein großer Gelehrter, ein hervorragender Denker oder ein genialer Dichter biLden — mögen sie njoch so bedeutend sein. Denn die großen Männer haben nicht ihre Zeit geschaffen, vielmehr hat die Zeit sie hervorgerufen. Sie sind die Kinder ihres Volkes und ihres Zeitalters, und wir müssen, wenn wir zu wahrer geschichtlicher Erkenntnis geLarngen wollen, das Milieu kennen, aus dem sie hervorgegangen sind, und zwar das Milieu mit seinen Licht- und Schattenseiten. Denn auch dies muß gesagt werden. Die jüdische Geschichte soll nicht idealisieren, soll auch nicht apologetische Schönfärberei treiben, sondern der Wahrheit dienen, und die Kenntnis von Mißständen, mögen sie welcher Art auch sein, tragt ebenfalls zum wahren Verständnis der Geschichte bei. Es darf nichts hinzugefügt werden, aber man braucht auch nichts xu verschweigen. Auch das Gemeinde- und Geseilschaftslebcn in all seinex_ Mannigfaltigkeit, sogar auch mit allen seinen Absonderlichkeiten, wie es sich im Ghetto unter dem Druck der äußeren Verhältnisse und zum Teil auch unter dem moralischen Einfluß von außen entwickelt hat, gehört zur jüdischen Geschichte. Schon in älterer Zeit war eine Reihe von Gemeindeverordnungen bekannt, in denen sich das jüdische Volksleben abspiegelt — Verordnungen, welche das äußere und innere Leben der Gemeinde regelten, die Familienfeste und die Zahl der Gäste, die Kleidung und überhaupt den Verkehr mit den jüdischen und christlichen Mitbürgern, mit den Mitbewohnern des Ghetto und den Nachbarn jenseits d«r Ghettomaueni. Man hielt jedoch derartige Dinge für zu geringfügig, um sie als Bausteine für die Geschichte des jüdischen Volkes zu benutzen. In neuerer Zeit ist das Volksleben in allen seinen Aeußerungen vielfach erforscht worden, und auch den wirtschaftlichen Verhältnissen wurde größere Aufmerksamkeit zugewandt. Es ergibt sich fast von selbst, daß die jüdische Geschichte nicht bloß das Geistesleben betrifft und betreffen kann, oder — was viel wichtiger ist —, daß auch das Geistesleben von den wirtschaftlichen. Verhältnissen bedingt und stark beeinflußt ist. Eine jüdische Geschichte, die bloß das geistige und politische Leben zum Gegenstand ihrer Behandlung macht, spiegelt lediglich die äußeren Erscheinungen wieder, ohne ihre Ursachen und auch ohne ihre Folgen, mit denen sie im innigsten Zusammenhang stellen. Dabei muß noch bemerkt werden, daß es ganz und gar ungenügend ist, wenn man 'das Wirtschaftsleben der Juden in den verschiedenen Epochen und in den. verschiedenen Ländern nach dem gesetzlichen Bestimmungen, zu schildern versucht, die gegen die Juden erlassen wurden. Gewiß hat die Gesetzgebung das Wirtschaftsleben der Juden beeinflußt und in bestimmte Bahnen gedrängt, aber sie war doch nicht von entscheide« der Wirkung. Die Gesetze, die oft nicht bloß halt, sondern sogar undurchführbar waren, sind eben häufig umgangen worden. Aus den jüdischen Quellen, die zahlreich vorhanden sind, schöpfen wir die Kenntnis der Dinge, wie sie in Wahrheit beschaffen waren. Da zeigt sich das VoLks- und Wirtschaftsleben, nicht wie man es gegen außenhin zeigen wollte und zeigen mußte, soEidern wie es wirklich war. Auch die jüdische Volkskunde bildet ein wichtiges Kapitel der jüdischen Geschichte. Von diesem Gesichtspunkt aus wird die jüdische Geschichte von der ältesten Zeit an eine neiae Beleuchtung erfahren. Ich möchte einige wichtige Epochen hervorheben, die in der. gesell ichtlichen Darstellung als völlig geklärt gelten und von denen wir in der einseitigen Behandlung, die sie erfahren haben, doch kein richtiges Bild besitzen. 1. Das Zeitalter E s r a s und Nehemias, mit dem erst die eigentliche Geschichte des jüdisdken Volkes in seiner universellen Bedeutung beginnt, ist bereits vielfach zum Gegenstand der geschichtlichen Darstellung gemacht worden; mau. kann beinahe sagen, daß es nach allen Richtungen. hiEi von jüdischen und christlichen Gelehrten bis auf die weitgehendsten Einzelheiten, durchforscht wurde. Es sind wohl in der jüngsten. Zeit manche neue wichtige Tatsachen bekannt geworden, welche das Gesamtbild zwar ergänzen, aber keineswegs verschieben. Da dies Zeitalter jedoch von den religiösen Strömungen in der palästinischen Judenheit stark beherrscht ist, so trägt seine Geschichte einen durchaus theologischen Charakter, zumal die Historiker, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, fast ausnahmslos jüdische, protestantische oder katholische Theologen waren und die Ereignisse von ihrem geistlichen Gesichtspunkt aus salien. Und doch bieten selbst die biblischen Urkunden, auf denen hauptsächlich die Geschichts-

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