Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Article
- Die jüdische Geschichte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 219 - 220 (sequence 2)
- Language
- German
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219 Die jüdische Geschichte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung. 220 betont werden, daß Hegel keineswegs den Einfluß des Wirtschaftslebens in der Menschheitsgeschichte verkannt hat, nur mißt er ihm eine untergeordnetere Bedeutung bei, als es Karl Marx in seiner materialistischen Geschichtsauffassung tut. Es ist somit nicht eine völlige Umwälzung der geschichtlichen Theorien bei Marx, sondern, bloß eine Art Umstellung oder Umwertung der geschichtlichen Werte. Im übrigen hat sich Friedrich Engels, der an der Formulierung der materialistischen Geschichtsauffassung zweifellos seinen Anteil hatte, kurz vor seinem Tode in einem Brief an Eduard Bernstein der Hegeischen Geschichtsphilosophie um ein Beträchtliches wieder genähert, indem er schrieb: ,,Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, ■ künstlerische usw. Entwicklung beruht a.uf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren aufeinander und auf die ökonomische Basis. Es ist nicht, daß die ökonomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendigkeit . . . Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber in einem gegebenen, sie bedingenden Milieu, auf Grundlage vorgefundener tatsächlicher Verhältnisse, unter denen, die ökonomischen, so sehr sie auch von den. übrigen politischen und ideologischen beeinflußt werden mögen, doch in letzter Instanz die entscheidenden sind und den durchgehenden, allein zum Verständnis führenden roten Faden bilden . . ." (Dok. d. Sonalism., II, S, 74.) Mit dieser Fassung der marxistischen Geschichtstheorie könnte man sich im allgemeinen einverstanden erklären. Die geistigen uaid sittlichen Kräfte, die in der Geschichte wirken, erkennt Engels an und hiilt sie nicht bloß für sekundäre, sondern für primäre Erscheinungen. Sie stehen in steter Wechselwirkung mit den wirtschaftlichen. Es ist nur zu bedauern, daß in jüngster Zeit manche Marxisten sich marxistischer gebärdet hrdben als Marx selbst und jedenfalls als Friedrich Engels, in welchem man doch den. berufensten Interpreten marxistischer Gedanken sehen darf. So wurde in diesen Kreisen vielfach versucht, die materialistische Geschichtsauffassung zu dogmatisieren und sie in grobsinniger Weise zum Ausgangspunkt der Geschichtsforschung zu machen. Es seien lediglich Wirtschaftskämpfe, welche die Geschichte machen, während alles andere nur äußerer Firnis sei, bewußter Betrug oder im günstigsten Fall Selbsttäuschung. Bevor wir daran gehen, die jüdische Geschichte im Lichte der materialistischen Geschichtsauffassung, wie sie Engels verstanden hat, zu betrachten, muß auf einen andern wichtigen Punkt hingewiesen werden, der in der letzten Zeit ebenfalls einen Streitpunkt unter den Jüngern Marxens gebildet hat. Einige Marxisten, so vornehmlich Plechanow, haben die materialistische Geschichtsauffassung mit dem philosophischen Materialismus verquickt. Das hieße den Materialismus auf die Spitze treiben und so die Theorie wissenschaftlich unhaltbar und ganz unannehmbar machen. Dagegen hat sich Max Adler, einer der besten Marxforscher, mit aller Schärfe gewandt. Gleichviel, ob Marx die Feuerbachsche Weltanschauung geteilt hat — was höchstwahrscheinlich nicht der Fall ist —, die materialistische Geschichtsauffassung hat mit dem philosophischen Materialismus nicht das mindeste gemein. Viele der besten Marxisten, so z. B. Max Adler und Ed. Bernstein, führen den Sozialismus auf den Kantschen Idealismus zurück, ohne jedoch die materialistische Geschichtsauffassung preiszugeben. Wir können uns nunmehr dem Problem zuwenden: Wie erscheint die jüdische Geschichte im Licht dieser Theorie, wie sie Engels nach verschiedenen Erörterungen in den oben angeführten Sätzen formuliert hat? Wenn wir die Lösung dieses Problems vorurteilslos versuchen, so werden wir zweifellos zu neuen wichtigen Ergebnissen gelangen, und der zukünftigen Geschichtsschreibung wird ein Weg gezeigt, den sie wohl wird betreten müssen, wenn sie aufhören will, einseitig theologisch 7,u sein, wenn sie sich auf dem Boden der strengen wissenschaftlichen Forschung stellt. Es ist hier vieles nachzuholen, Avas bisher versäumt wurde. Man hat schon lange in der Darstellung der jüdischen Geschichte die Schilderung des Kultur- und Wirtschaftslebens vermißt, und in einer künftigen großzügigen Geschichte des jüdischen Volkes wird diese einen breiten Raum einzunehmen haben. In dieser Forderung' braucht kein Vorwurf gegen unsere früheren Historiker erblickt zu werden, da sie ihre geschichtliche Darstellung nur auf dem Material aufbauen konnten, das ihnen geboten war. Das Kultur- und Wirtschaftsleben des jüdischen Volkes in den verschiedenen Epochen und in den verschiedenen Ländern der Diaspora ist noch nicht ausreichend erforscht. Man hat seine Bedeutung erst in den letzten Jahrzehnten erkannt und damit begonnen, die vorhandenen zahlreichen Quellen nach dieser Richtung hin zu durchforschen. Wird diese wissenschaftliche Arbeit, von der einige bedeutsame Anfänge bereits vorliegen, vollendet oder wenigstens bis zu einem gewissen. Grad gefördert sein, so wird, falls auch die andern dazu nötigen Bedingungen geschaffen sein werden, d i e jüdische Geschichte kommen, die wir zu erwarten berechtigt sind. Sie wird nicht mehr eine Gelehrtengeschichte sein oder die politische Ge-