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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 213 - 214

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-07-01
Page
Seite 213 - 214 (sequence 7)
Language
German
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213 Mein erster Fasttag. 214 Schwäche überkam mich. Es war mir trostlos zumuto. . . Vier oder fünf Stunden . . . das wai furchtbar lange. Ich strengte mich an, an den jungen Priester zu denken, der auf der Spitze des Turmes stand und den Schlüssel zum Tempel in den Himmel hinaufreichte, aber in den Gedärmen fühlte ich ein gräßliches Kneifen; durch Hände und Füße ging, es mir wie ein seltsames Zuckern, das bis zu den Zehenspitzen reichte. Mich umschwirrto der Duft von frischem Kaffee und Kuchen; vergebens bemühte ich mich, das Bild des jungen Priesters mit dem zum Himmel erhobenen Arm festzuhalten. Immer wieder drängte sich, vor mein inneres Auge der Anblick von einem Stück Schwarzbrot mit Butter bestrichen; ein Stück Schwarzbrot auch ohne Butter erschien mir jetzt als der köstlichste Leckerbissen von der Welt. Schließlich verwirrten sich meine Gedanken, und ich schlief ein. . . „aten auf, mein Sohn'*', weckte mich eine Stimme aus dem Schlafe. Mein Vater stand bei mir und erfaßte meine Hand. „Komm ins Cheder, man hat eben Mincha angefangen." Ich folgte ihm schlaftrunken, Im ,,Chederri bot sich mir ein seltsamer Anblick. Die Sonne war im Untergehen. Auf dem, Betpult neben der Heiligen Lade brannten trübselig zwei Kerzen und warfen einen düstern Schimmer auf den schwarzen Vorhang. Die versammelten Männer legten Tallith und Thephillin an, was mir sehr auffiel, da man ja sonst niemals Thephillin am Abend legte. . . Ich stutzte eine Weile, dann entsann ich mich, daß heute der neunte Ab war... Ich hatte den ganzen Tag gefastet... Nun musterte ich die Männer. Sie sahen alle etwas müde und abgespannt aus. Aber sie hatten den ganzen Tag schwer gearbeitet, sonst merkte man ihnen nichts an. Nur mein Freund Schalom saß in einer Ecke ganz zusammengesunken, den Kopf gesenkt, als wäre das Gehäuse des Thephillin über seiner Stirn eine fürchterliche Last. Bei seinem Anblick erwachten meine ganzen Hungerqualen ... Ich beneidete die Erwachsenen, die aufrecht dastanden, und clenen das Fasten nichts anzuhaben schien. Das kam mir als ein großes Unrecht vor. Aber dann bedachte ich, daß ich in einigen Jahren auch erwachsen und genügend kräftig sein würde, um mir aus einem Fasttag nichts zu machen... Doch bis dahin war es weif, und mittlerweile nagte und bohrte es in meinem Innern, meine Knie wankten. Ich mußte mich an den Rand des Tisches klammern, um nicht umzusinken. An der Ostwand in einem Winkel stand Reb Chajkel mit abgewandtem Gesicht und betete mit lautem Jammern und Stöhnen. Er hatte immer ein besonderes Stelldichein mit Gott und liebte es nicht, sich unter das gemeine Volk zu mischen.. Mittlerweile wurde der schwarze Vorhang beiseite geschoben, die Heilige Lade öffnete sich und eine Thorarollc wurde herausgehoben und aufgerollt. Es kam Leben in die etwas schläfrige Gesellschaft. Mein Vater, der ständiger Vorleser unserer kleinen Gemeinde war, stimmte den Abschnitt des heutigen Tages an. Es war merkwürdig, wie sich alles ringsum auf einmal verwandelte. Yor meinen Augen schwebten gewaltige Bilder, durch die Verse der Bibel hervorgezaubert, die jetzt in jener erschütternden Vortragsweise erklangen, aus beschämter Reue und herzinniger Hoffnung gemischt, wie wenn ein Sohn seinen beleidigten Vater um Verzeihung bittet. Immer wieder, an jedem Fasttage zur Erinnerung an ein gioßes nationales Unglück, gedenken wir von neuem der ersten unseligen Ycrirrung unserer A7orfahren in der Wüste .. . Da weilt Mose auf dem Berge, und Gott offenbart ihm die Gesetze, die er sein Volk lehren soll. Da schickt Gott ihn plötzlich weg. „Steh' auf -und steig' den Berg hinunter, denn dein Volk, welches du aus Aegypten geführt, hat Verderben gestiftet,.." Ein gegossenes Kalb haben sie gemacht und es als ihren Gott ausgerufen . . .;,Laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme und ich sie vernichte, und dich dafür zum Stammvater eines großen Volkes mache..." „Wajjechal Moschc ..." . ., . Da flehte Mose vor dem Antlitz des Ewigen, seines Gottes, und sprach: „O Ewiger, laß deinen Zorn nicht entbrennen gegen dein Volk, das du aus Aegypten herausgeführt hast mit großer Macht und starker Hand. Sollen. die Aegyptcr sprechen dürfen: zu ihrem Unheil hat-er sie hinausgeführt, um sie in den Bergen zu töten und sie von der Erde zu vernichten??"... Hier hält der Vorleser innc, und die ganze Gemeinde stimmt den folgenden Vers an, es klingt wie eine stürmische Anrufung und Beschwörung, in dem Ton liegt schmerzliche Zerknirschung, unendliche Sehnsucht und trotzige Zuversicht: „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn, und laß dich gereuen des Unheils, das du deinem Volke zugedacht!" . . . Das breite Fenster gen Osten war weit geöffnet, ich sah die üppigen. Gärten und jenseits des Flusses die wogenden Aehrenfelclcr, die bis zum Kamm des Gebirges hinanstiegen, hoch oben schimmerte der Eichenwald im Golde der untergehenden Sonne. Dann schloß ich vor Mattigkeit die Augen und sah schauernd, wie Mose den Berg hinunterstieg, „und die beiden Bundcslafein hielt er in der Hand. .. Und die Tafeln -waren das Werk Gottes, und die Schrift darauf war die Schrift Gottes, eingegraben in die Tafeln''. Unten in der Niederung tobt und braust es, ein ungeheures Getöse erfüllt die Luft... Das Volk umtanzt ausgelassen und wild das goldene Kalb . .. Bei diesem Anblick verfinstert sich das Antlitz Mosis, er erhebt die Arme, schleudert die Tafeln fort und sie zerschellen krachend am Fuße des Berges . . . Etwas Ungeheuerliches, Namenloses ist geschehen . .. Ich schrecke zusammen. Mir ist, als legte sich eine furchtbare Last auf mein Herz, noch eine Weile, und der Atem würde mir ausgehen .. . Ich zucke empor und erwache.. . Und die Stimme meines Vaters, der aus der Thora vorliest, klingt erleichtert und triumphierend: „Wandle du, Ewiger, in unserer Mitte, denn es ist ja ein hartnäckiges Volk, vergib unserer Missetat und unserer Sünde, und laß uns dein ewiges Erbe sein"..... * Minchah war zu Ende, in der langen sommerlichen Abenddämmerung setzten sich die Männer hin und plauderten gemächlich, bis drei Sterne am Himmel erschienen und man das Abendgebet beginnen konnte. Mein Vater trat zu mir, streichelte mir die Wangen und erfaßte meine Hand. Ich war so schwach, daß ich mich nicht rühren konnte.

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