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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 215 - 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-07-01
Page
Seite 215 - 216 (sequence 8)
Language
German
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215 Mein erster Fasttag. 216 Großmütterchen stürmte herein, faßte meinen Vater an den Rockschößen und zog ihn hinaus. „Komm Vater, ich zeig' dir was, komm schnell 1" Sie traten hinaus vor das große Fenster. „Sieh, Vater, es stehen schon drei Sterne am Himmel! Da, da und dal*' „Wo denn? Ich sehe nichts." „Heb' mich nur auf den Arm, ich zeig' sie dir gleich 1" Sie stocheirte mit dem kleinen Finger in der Luft herum und beteuerte, drei kleine, ganz kleine Sternchen zu sehen. „Es sind Glühwürmchen, Kind, auf die Sterne muß man noch eine Viertelstunde warten." Ich lag ganz resigniert in meinem Stuhl und wartete. Die Viertelstunde dauerte entsetzlich lange. . Aber schon wurde das Abendgebet angestimmt. Ich war so schwach, daß ich mich an meinen Vater lehnen mußte, um nicht umzusinken. Er fuhr mir einige Male liebevoll mit der Hand Uber die Stirn. Noch eine Weile. , .. Ich nahm mich zusammen und betete mit. Jetzt war ich wieder ganz frisch und munter, als hätte ich überhaupt nicht gefastet. Das war alles eine Kleinigkeit gewesen. . . Die Tür öffnete sich, und meine Mutter erschien mit einem großen Tablett auf den Armen, voller Flaschen, Gläser und einem Teller mit Kuchenschnitten. Es war der Imbiß für die Fastenden. In mir hüpfte das Herz bei diesem Anblick. Für mich war ein« Tasse Kaffee und Gebäck bestimmt. Alle setzten sich gemächlich um den langen viereckigen Tisch, gössen sich bedächtig die Gläser voll und tranken einander zu. Reb Chajkel setzte sich mit ernster und würdevoller Miene an den Tisch und seufzte laut: „Auf euer Wohlsein, Brüder, auf euer Wohlsein, und auf das Wohlsein von ganz Isiael . . . Die Schechinah ist in der Gefangenschaft, und wir trinken einander zu und tun uns gütlich... Gott möge sich erbarmen!" Dann schlürfte er das Glas hinunter. „Das Fasten an einem so langen Tilge ist schwer," bemerkte Rabbi Akiba, „aber den Go'ttesfürchtigen gibt Gott die Kraft dazu." Erst jetzt durfte ich nach meinem Kaffee greifen. Nie im Leben hat mir seither ein Getränk so geschmeckt! „Na, wie ist dir das Fasten heute bekommen, kleiner Baal Neder?" fragte mich Beil, der Brauer. „Ausgezeichnet! Am Jörn Kippur . faste ich abermals!" „Sag doch beli Neder, dummer Junge", rief mein Vater. AUS DEN WUNDEROAERTEN DER AOOADA. Der Ewige und der Sterbliche. Komm und sieh: nicht wie die Handlungsweise der Sterblichen ist die Handlungsweise Gottes. Unter den Sterblichen sieht der Hochgestellte nur Seinesgleichen an, aber den Niedrigstehenden übersieht er gern. Gott aber ist der Höchste, und er 'sieht (liebevoll) auf die Niedrigen. "Wie es in den Psalmen heißt: „Hoch thront Gott, und auf die Niedrigen "blickt er." Habbi Joehanan sagte im Namen des Rabbi Simeon ben Jochai: Was gesagt worden ist: „Ich, der ewige Gott, liebe Gerechtigkeit, hasse Raub, auch mir als; Ganzopfer dargebracht," ist mit dem Wort jents Königs zu vergleichen, der an der Zollstation vorbeifährt- Er befiehlt seinen Knechten, den Zoll zu entrichten. Sprachen die Knechte zu ihm: Unser Herr und König, aller Zoll gehört ja. dir, was Terschlüge es, wenn wir den Zoll nicht entrichteten? Sagte der König: Entrichtet den Zoll, damit alle, die da vorbeikommen, an mir sich ein Beispiel nehmen und sich dem Zoll nicht entziehen. So spricht auch' Gott: Alles, was auf der Welt ist, gehört mir; wenn 'man mir geraubtes Gut als Opfer darbringt, so gibt man mir das, was mein ist. Aber ich hasse geraubtes Gut, auch als Opfer dargebracht. Von mir mögen meine Kinder lernen und sicli fernhalten vom Unrecht. Sagte Rabbi Jochanaü: Ueberall, Wo von der Größe und der Macht Gottes die Rede, findest du dicht daneben seine Demut. Das steht in der Thora geschrieben, ist in den Propheten wiederholt und in den heiligen Schriften abermals verzeichnet. Es steht in der Thora: „Denn der Ewige, euer Gobt, ist der Mächtigste unter allen Mächtigen," und. dicht daneben steht: „Er tut das 'Hecht der Waise und der Witwe." In den .Propheten heißt es: „Denn also spricht der Hocherhabene: loh1 thronte in d-en Höhen"; und was steht dicht dabei? „Aber bei dem MutieVeladenen woile ich, und bei dem demütigen Geiste." Und in den Psalmen heißt es: „Huldiget dem, der über den höchsten Himmel dahinfährt, sein Name ist Ewiger Gott," und dicht dalei: „Er ist der Vater der Waisen und der Richter der Witwen."

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