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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 211 - 212

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-07-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 6)
Language
German
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211 Mein erster Fasttag. 212 halten. Wenn ich seinen Neder störe, breche ich seinen Charakter, er wird ein Schwächling und ein Windbeutel." Meine Mutter war für diese Argumente nicht zugänglich. „Vier oder fünf Stunden!. . . Um Gottes willen, du hast kein Herz . . . Ich spüre leibhaftig, wie dem Kinde die Seele ausgeht, und du sagst fünf Stunden. . . Na, ich schicke dir gleich die Mutter.*'' ' Mir winkte ein Hoffnungsstrahl. Meiner Großmutter wagte der Vater nie etwas abzuschlagen. . . Es war sicher, daß er gleich hereinkommt und mir verbietet, weiter zu fasten. Das wird eine arge Schande sein. . . Ich werde gezwungen werden, menicn Neder zu brechen, schlimmer noch, es wird gar kein Neder gewesen sein, ein hohles Wort, von einem kleinen leichtsinnigen Jungen gesprochen, das gar keine Geltung hat. . . Ich werde mich natürlich weigern . . . Ich bin ja schon erwachsen, im nächsten Jahr bin ich Bar Mizwah. . . Ich werde mich entschieden weigern. . , Was mach ich mir aus Kaffee und Buttersemmeln und Kasckräpfchen?. . . Einen Neder muß man halten, ich bin kein kleines Kind mehr . . . „Mein Sohn," hörte ich die energische Stimme der Gioßmutter, ,,ich befehle dir, auf der Stelle hineinzugehen und deinem Sohn den Neder mefir2) zu sein." Ho, ho, die Großmutter faßt die Sache ganz anders an. Ihr ist nicht leicht zu widersprechen. Eine Weile herrschte Schweigen. Ich wartete mit verhaltenem Atem. Ich spürte nichts mehr von den Schmerzen in der Magengegend. „Liebe Mutter, wenn du befiehlst, muß ich gehorchen. Aber das wird ihm nichts nützen. Sein Neder ist nur dann ungültig, wenn ich ihn aus freiem Willen aufhebe, aber wenn ich es auf deinen. Befehl tue, bleibt der Neder bestehen, und er darf nicht essen." „Das verstehe ich nicht recht", sagte die Großmutter etwas unsicher. ,,Wie meinst du das?" „Das ist ganz einfach. Wenn ich seinen Neder nicht ganz freiwillig aufhebe, bleibt er in Kraft bestehen und es ist, als hätte ich kein Wort gesagt. Er darf nach wie, vor nicht essen. Wenn er ißt, hat er seinen Neder gebrochen." „Aber ich will ja, daß du es freiwillig tust." „Du hast mir ja soeben befohlen, es zu tun. Ich täte es bloß, um deinem Gebot nicht zu widersprechen. Von allein wäre es mir ja nicht eingefallen. Es hat also keine Geltung. Lies mal im Teutsch-Chummesch nach"... Aber wenn mein Vater glaubte, so leichten Kaufs davon gekommen zu sein, so hatte er die Rechnung ohne Jaga gemacht. Einige Minuten nachher stand sie vor ihm. ,,Hör mal. junger LIerr, was hast da dir schon wieder ausgedacht, um mir meine Kinder totzuquälen?" ,,Was hab' ich mir ausgedacht, Jaga? Ich verstehe kein Wort." ,,Spiel doch bloß nicht den Unschuldigen. Du zwingst das Kind, den ganzen Tag sich totzufasten. Meinst du, er ist so stark wie du, und kann das aushalten? Er ist ja noch ein ganz kleiner Knabe." „Na, so ganz klein ist er ja nicht mehr. Hast du schon heute was gegessen, Jaga?" „Ach, wo werde ich essen, wenn ihr alle fastet." „Ich habe dir schon oft gesagt, Jaga, daß du unsere Fasttage nicht mitmachen darfst. Ich erzähle es dem Pfarrer, du kommst in die Hölle." „Rede mir nur nichts vor. Für's Nichtessen kann der liebe Gott nicht strafen." „So. Dann mag der Junge auch einmal einen Tag lang nicht essen, Gott wird ihn dafür nicht strafen." „Aber weh tut es!" schrie Jaga mit Tränen in der Stimme. „Ein so kleiner Knabe kann nicht vicrundzwanzig Stunden ohne Nahrung aushalten." „Das kann er ganz gut. Du verhätschelst mir die Kinder immerzu. Wenn sie etwas angerichtet haben und ich sie strafen will, versteckst du sie unter deiner breiten Schürze; wenn ich mal eine Rute flechte, um einem, dieser kleinen Missetäter eine Züchtigung anzudrohen, wirfst du sie ins Feuer..." „Und du quälst mir die Jungen den ganzen lieben Tag mit Lernen. Jetzt fängst du auch schon mit dem kleinen Mädel an. Immerzu lernen und lernen. Im Winter muß der arme Knabe schon vor Tags aufstehen und den ganzen Tag über diesen großen dicken Büchern sitzen. Ich weiß nicht, wozu der liebe Gott so viele dicke Bücher erschaffen hat." „Der Knabe gedeiht trotzdem ganz wohl." „Gott sei Dank, ich passe schon auf... aber nun gehst du hinein und sagst dem Kinde, daß das Fasten augenblicklich ein Ende hat." „Das tu' ich nicht, Jaga." „Du willst mir also nicht gehorchen. Hast du schon vergessen, daß ich dich auf den Armen getragen habe?" , „Willst du mich vielleicht jetzt wieder auf den Arm nehmen, Jaga?" Ich merkte schon, daß Jaga eine verlorene Sache verteidigte: wenn der Vater aufbrauste, zornig wurde und mit der Faust auf den Tisch schlug, so gab er am Ende immer nach. Wenn er aber ruhig war und Witze machte, dann blieb er unbeugsam. Jaga gab indessen das Spiel nicht verloren, sie schlug einen anderen Ton an. „Ißt du gern Knisch?3) Aus feinem Weizenmehl mit Grieben und gerösteten Zwiebeln und Buchweizengrütze? Du weißt, keiner kann das so zubereiten, wie ich; nicht einmal deine Frau kann es." „Ob ich das gern esse! Das ist ja meine Leibspeise. Aber warum fragst du danach?" „Ganz einfach. Wenn du das Kind zwingst, den ganzen Tag zu fasten, so bekommst du keinen Knisch mehr. Vier Wochen lang bekommst du keinen. So wahr ich die heilige Jungfrau und den Herrn Jesus liebhabe. Du bekommst keinen' Du hartherziger Unmensch!" Der Vater lachte laut auf. „Geh', geh', Jaga, rede keine Dummheiten. Dein Knisch schmeckt ausgezeichnet. Aber mein Sohn hat geschworen, zu fasten, und das muß er halten, verstehst du?" Jaga entfernte sich und warf zornig die Tür ins Schloß. Ich mußte meinem Vater recht geben. Mir schwindelte es vor den Augen, und eine große ") Zu annullieren. 3) Eine Art Pastete.

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