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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 209 - 210

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-07-01
Page
Seite 209 - 210 (sequence 5)
Language
German
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209 Mein erster Fasttag. 210 Wir sind in deinen Augen nicht mehr würdig, den Schlüssel zu bewahren, hier hast du ihn wieder. Er hielt den Schlüssel hoch, und aus; den Wolken neigte sich eine Hand herab und nahm ihn in Empfang. . . Das Bild stand mir lebendig vor Augen; der junge Priester auf der Spitze: des Turmes, den Schlüssel zum Tempel in den Himmel zurückreichend . . . Ich vergoß heiße Tränen, auf dem Sofa liegend ... Aus diesen Träumen weckte mich Jagas Stimme : „Ach, mein armer Junge, was weinst du so bitterlich? Seht, wie das ganze liebe Gesicht in Tränen gebadet ist! Du vergehst ja vor Hunger. Komm schnell, ich gebe dir zu essen, drei Uhr ist längst vorüber." „Aber Jaga, ich bin gar nicht hungrig; ich muß den ganzen Tag fasten, das habe ich dir ja erklärt." „Rede keinen Unsinn, dummer Junge, steh auf, sag ich, und komm zum Essen." Das ganze Rudel Kinder stürmte herein, die Jüngsten kletterten auf Jagas Schoß, Großmütterchen streichelte mir mitleidig das Gesicht. Mein Bruder hielt mir lachend ein mächtiges Butterbrot vor die Lippen: „Da, beiß anl" „Wirst du still sein, herzloser Schlingel?" schrie ihn Jaga an. „Der arme Junge vergeht voi Schwäche, und der quält ihn mit Spaßen. Packt euch von dannen, ihr habt hier nichts zu tun!" J ' 1! 1!; Sie jagte die Kleinen hinaus und fing' von neuem an, mich zu bedrängen. Es wollte ihr nicht in den Kopf, daß ich eine moralische Verpflichtung haben könnte, ihr zu widerstehen. „Du kleiner Bock, du bist ganz so eigensinnig wie dein Vater in deinem Alter war. Na, wart, wir wollen sehen." „Geh doch mal hinein zu deinem Sohn, was bist du für eine Rabenmutter!" hörte ich, wie sie draußen meine Mutter anschrie. „Das arme Kind liegt auf dem Sofa und stirbt förmlich vor Hunger und Schwäche, und (du hast das Herz, hier Süßigkeiten einzumachen und Kräpfchen zu kochen. Was hat sich der Junge in den Kopf gesetzt, daß er sich kasteien müsse? Soll er alle Sünden der Ervachseneri abbüßen? Geh doch hinein und befiehl ihm, zu essen. Was denkst du denn?" Ich lauschte gespännt. Jaga. war gewöhnt, ihren Willen durchzusetzen. Um meine Aufmerksamkeit abzulenken, strengte ich mich an, die Lektüre des Midrasch Echah wieder aufzunehmen. Meine Augen flogen über das Buch hin . . . Da kam meine Mutter herein, setzte sich zu mir, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte: „Bist du gar nicht hungrig?" Mir wurde auf einmal sehr schwäch ums Herz. „Ja, Mutter. . . ach nein, nein. . . Wo denkst du hin? Ich hab ja einen Neder getan. Ich muß fasten!". . . „Ist das wirklich so strenge?. . . Wir wollen doch Rabbi Akiba fragen." .„Das nützt nichts, Mutter, ich weiß es' genau. Einen Neder muß man unbedingt halten, auch wenn man ein kleiner Junge. , . das heißt, ich wollte sagen, auch wenn man noch nicht Bar Mizwah ist." Die Mutter sah mich sehr barmherzig an und ging schweigend hinüber zu Rabbi Akiba. Unser Lehrer aber entschied, daß mein Vater das Recht habe, meinen Neder einfach aufzuheben, für null und nichtig zu erklären, und mir zu befehlen, daß ich esse. . . Aber nur der Vater allein, sonst niemand- . . Ohne viel zu überlegen, ging meine Mutter in das angrenzende Zimmer, wo mein Vater über seinen Geschäftsbüchern saß. Zu mir drangen folgende Bruchstücke des Gespräches: . . . „Es wird ihm nichts geschehen. Man stirbt nicht gleich, wenn man einen Tag nicht ißt. Er ist ein bißchen blaß," das macht nichts. Er kann's aushalten." Aushalten kann ich's schon, dachte ich bei mir, aber mir war der ganze Leib wie ausgehöhlt, im Kopf fühlte ich einen Druck und in der Magengegend richtige Schmerzen. „Geh doch nur hinein und sieh, wie er totmüde auf dem Sofa liegt, er atmet kaum. Ich kann das nachfühlen, ich bin eine Mutter von sechs Kindern." „So! Ich gestatte mir, dich zu erinnern, daß ich meinerseits ein Vater'von sechs Kindern bin. Es sind zufällig dieselben sechs Kinder." Mein Vater faßte die ganze Sache offenbar von der spaßhaften Seite auf. „Die Männer haben kein Herz!" schrie meine Mutter. „Es handelt sich hier gar nicht um das Herz, sondern darum, daß ider Junge einen Neder getan hat, den er halten muß. Das geht nun einmal nicht anders."' „Wenn ich dich aber bitte, sag' ihm, daß sein Neder gar kein Neder ist, daß er noch ein Kind ist, und du ihm einfach das Fasten verbietest". . . Nein, das wollte mir nicht mehr gefallen. . . Noch ein Kind? Mein Neder gar kein Neder?. . . Die Jungen würden mich auslachen. . . Voriges Jahr erst hatte ich meinen Neder getreulich gehalten, sechs Wochen lang, trotz der verlockenden, schönen Tinte, obgleich kein Mensch davon was wußte. . . „Weißt du was, ich übertrage dir die Vollmacht. Sag' du ihm das alles. Aber du übernimmst dann auch die Verantwortung dafür, daß dein Sohn sich gewohnt, sein Wort nicht zu halten. Was braucht man sich aus einem Ehrenwort zu machen, wenn mau einen Neder bricht? Weißt du nicht, was ein Neder ist?" Ganz recht. . . dachte ich bei mir. . . aber die Schmerzen in der Magengegend nahmein immer mehr zu. . . Natürlich mußte ein großer Junge seinen Neder streng einhalten, aber venn der Vater es nun einmal nicht dulden will. . . das wäre freilich sehr beschämend, auf Befehl des Vaters essen zu müssen; aber dem Vater muß man gehorchen, unbedingt gehorchen. . . Es schmerzt so sehr, da: ganz dicht unte'r dem Herzen. . . Der Vater ist immer so gut, nie setzt er sich allein zu Tische, immer muß ein Kind mit ihm' mitessen, er müßte eigentlich spüren, wie weh es tut. . . die Gedärme krampfen sich einem zusammen im Innern. . . „Gib dir keine Mühe, liebes Kind, es ist ver-' gebens. Ich will seinen Neder nicht aufheben. Es sind nur noch vier oder fünf Stunden, bis drei Sterne am Himmel stehen. Er wird es schon aus-

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