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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 207 - 208

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-07-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 4)
Language
German
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207 Mein erster Fasttag. 203 heit ausartete, dann dämpfte ihn seine, kleine zierliche, dunkell aarige Frau., die neben seiner herkulischen "Gestalt wie ein Schulmädchen aussah. 'Mit seiner donnernden Stimme, die wie aus einem ungeheuren Faß zu kommen schien, herrschte er alle Welt an, pokerte und stampfte mit den Füßen, wenn seine Patienten ihm nicht gehorchten. Aber hinter dieser Tauhen Hülle trug er ein grundgütiges Herz. Die Juden der ganzen Umgegend sagten von ihm: er habe einen gojischen Körper, aber eine . jüdische Seele. > „Hu, ihr seid eine schreckliche Familie," dröhnte er, ins Gastzimmer tretend, „nie ist einer von euch krank, euretwegen könnte ein armer Landarzt verhungern." „Aber Robert, was sprichst du da für häßliche Sachen," flötete seine Frau beschämt. „Sei nur still, edle Gattin, was wahr ist, ist wahr. Ach, gebt mir nur was zu essen, ich bin hungrig wie ein Wolf. Seit dem frühen Morgen fahre ich wie ein Hausierer in den Dörfern herum. Hundertundachtzig Bauernkinder habe ich geimpft, versteht ihr, was das heißt, meine Lieben? Jedesmal mußte ich mir die Kehle wund reden, diese Lümmel glauben nämlich, wir wollen sie verhexen oder ihren Sprößlingen das Blut abzapfen. Einen Tierarzt müßte die Regierung hinschicken;, nicht mich." Ergoß sich lachend ein paar Gläschen Schnaps hinter die Binde, dann hieb er kräftig auf den, Fisch und das Butterbrot los, sagte zwischendurch meiner Großmutter ein paar Artigkeiten über ihr frisches Aussehen, fragte den Vater nach dem Stand der Ernte und versetzte den Knaben einige freundschaftliche Knuffer hinterm Ohr. Seine Frau aß Kuchen, nippte Likör dazu und unterhielt sich mit meiner Mutter. „Warum bist du so blaß, mein Liebling?" fragte .sie, als sie meiner ansichtig wurde, Mich hatte sie besonders ins Herz geschlossen, sie war nämlich überzeugt, mir einmal als ganz kleinem Kind das Leben gerettet zu haben. „Bist du krank? Fehlt dir was? Robert, sieh mal nach, was ihm wohl sein mag." „Er fastet," sagte mein Vater stolz. . „Was? Einen so jungen Knaben lassen Sie fasten? Das ist aber hartherzig. Robert, sieh doch mal nach. Wie, wenn der arme Junge krank wird?" „Ach, der... der kann drei Tage fasten, es wird ihm nichts geschehen. Komm her, mein Sohn, stramm stehen, Anne hochbiegen!" kommandierte er, dann drückte er mir den Oberarm und versetzte mir einen Schlag auf die Schultern, daß ich wankte. „Faste nur ruhig Weiter, Kleiner." Er schnitt sich ein großes Stück Käse ab und legte es auf ein Butterbrot. „Ihr Juden seid aber auch ein gräßliches Volk. Wenn ihr fastet, so heißt es gleich, nicht einen Bissen, nicht einen Schluck in den Mund nehmen. Wir haben ja auch unsere Fasten, doch wir nehmen es nicht so wörtlich. Wir essen höchstens kein Fleisch, kein Fett; das heißt, was mich anbetrifft, so bin ich ja bekanntlich ein arger Sünder, aber auch meine Frau, die fromme Seele, fastet nur in der Theorie, verschafft sich jedesmal eine Dispens um den Preis von einem Dutzend Vaterunser oder Ave Maria. Ihr Juden dagegen versteht keinen Spaß. Euer Gott ist ein eifersüchtiger Gott, nimmt die Sachen viel zu strenge. Und ihr J uden seid ein hartnäckiges Volk, das hat schon euer Moses gesagt." „Jawohl, Herr Doktor, ein hartnäckiges Volk," bemerkte mein Vater, „auf uns kann Gott sich verlassen, wir halten durch." . ' „Hm, das weiß man. Ich habe da im Städtchen ein Dutzend jüdischer Patienten,^äuter alte Männlein und Weiblein, Zuckerkranke, Nieren- und Herzleidende. Im vorigen Jahr, als der große Fasttag im Herbst herannahte, geh ich zum Rabbiner und sagte ihm: Herr Rabbiner, verbieten Sie den paar Leuten am Jörn Kippur zu fasten, sonst geschieht ihnen ein Leids. Der Rabbiner spricht: Da kennen Sie meine Juden, schlecht. Wenn ich ihnen gebiete, noch eine paar Tage drüber zu fasten, werden sie ohne Murren gehorchen, aber wenn ich ihnen erlaube, am Jörn Kippur zu essen, so pfeifen sie sich eins auf mich; sie werden ihre Bücher nachschlagen, und dort steht deutlich geschrieben, daß man fasten müsse, solange keine unmittelbare Lebensgefahr besteht. Sie kennen alle das Gesetz ebensogut wie ich... Unmittelbare Lebensgefahr? dachte ich mir. Das machen wir. Sie müssen mir nämlich alle paar Tage am Morgen das Flaschchen bringen, zur Untersuchung, verstehen Sie mich. Ich verschreibe ihnen also eine gewisse Pille, ein ganz unschuldiges Ding. Aber die Folge war, daß sie sich eines Morgens kurz vor Jörn Kippur bei mir mit schreckensbleichen Gesichtern einfanden: das Wasser in den Fläschchen war tief rot oder* blau. Ich setzte eine unheilvolle Miene auf und sagte mit Grabesstimme kalt und ruhig: Es steht schlimm um euch; das bedeutet den Tod, es ist Lebensgefahr im Verzug, wenn ihr noch dazu am Jörn Kippur fastet, sterbt ihr unfehlbar tags darauf. Sie gingen alle von dannen mit einer Miene, als hätte ich ihnen das schönste Vergnügen geraubt. Ich hoffe, euer Gott wird mich nicht zur Hölle verdammen für diesen Betrug." Er lachte aus vollem Halse über seinen Streich. Dann hob er zum Abschied Großmütterchen in die Höhe und schwang sie herum, daß sie vor Vergnügen kreischte. * Ich kehrte zu meinem Midrasch Echah zurück. Aber allmählich fing es an, mir immer schwächer ums Herz zu werden, und ich mußte mich sehr zusammennehmen, um den Gedankengängen des Textes zu f-olgen. Ich biß die Zähne zusammen, strengte mich an, die Sätze laut herzusagen und sie mir zu verdeutlichen; schließlich fühlte ich mich so matt, daß ich mich auf das Sofa hinstrecken mußte. Das beruhigte mich ein wenig. Ich vertiefte mich aufs neue in die Schilderungen der Belagerung von Jerusalem, der Verbrennung des Tempels und der späteren Kämpfe des Bar Kochba und seiner Heldenscharen gegen die Armeen des Kaisers Hadrian ... Was war im Vergleich mit all dem das bischen Kneifen in den Gedärmen, welches ich jetzt empfand? ... Eine Erzählung erschütterte mich besonders: Die jungen Priester hatten sich im! Tempel verschanzt, entschlossen, eher zu sterben, als sich dem Feind zu ergeben. Schon züngelten die Flammen von allein Seiten empor, da erstieg der Schließer den Turm und sprach: Gott im Himmel, wir haben dein Heiligtum treu behütet, du aber hast uns verschmäht und den Tempel dem Feinde ausgeliefert.

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