Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 195 - 196 (sequence 9)
- Language
- German
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195 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 196 den künftigen Krieg in Kuropa ausnützen, um die europäische Industrie zu ruinieren, alle Märkte an sich zu reißen und sie nicht mehr aus der Hand zu lassen." „Was kann man dem Volk nach einem Krieg als Lohn für seine ungeheuren Opfer bieten? Der Besiegte wäre ohne Zweifel so erschöpft, daß keine Kontribution in Geld von ihm zu erhalten wäre, daher nur möglich durch Abnahme seiner Grenzprovinzen, Avelche gänzlich verwüstet und eher eine Last, als eine Erwerbung wären." „Man kann unter den jetzigen Umständen nicht die entschiedene Ueberzeugung haben, daß die Massen auch in Kriegszeiten unbedingt passiv bleiben und nicht in den Zustand offener Gärung übergehen werden. Nock mehr: man kann nicht dafür bürgen, daß bei dem Zustand der jetzigen Heere eine solche G-iirung der Massen nicht auch in den Reihen der Armee sich äußert. Die Offiziere sind unzweifelhaft ein zuverlässiges Hlement, aber wie weil sie imstande sein werden, die Disziplin aufrechtzuerhalten, das hängt von der Kraft der im Volke vorgehenden .Bewegung ab." An manchen Stellen sagt er so unumwunden, als die Zcnsurverhältnissc es zuließen, den Sturz der Monarchie als Folge eines europäischen Krieges voraus. — Vor zwanzig Jahren hätte kein anderer in Europa den Mut gehabt, alle diese Sätze auszusprechen. Die zur ersten Haager Friedenskonferenz in der zweiten llälfle des Mai 1899 zusammengekommenen Diplomaten aller Staaten der Welt waren, mit ganz vereinzelten Ausnahmen, entschlossen, Komödie zu spielen herrliche Reden zugunsten des ewigen Völkerfriedens zu halten und sich gegenseitig hineinzulegen, indem jeder den andern bewegen wollte, mit der Abrüstung zu beginnen, um ihn auf diese Weise militärisch zu schwächen, während er selber einen Vorwand zum V'eiterrüsten fand. Wir haben gesehen, wie die russische Diplomatie mit schönem Beispiel vorangegangen war. Allein, es liegt im Wesen dieses verlogenen, auf Heuchelei, Verstellung, Treubruch Verrat, Betrug und Spionage beruhenden Handwerkes; daß seine Meister sich öfter in ihren eigenen Netzen verstricken und so wider W7illen das Gute schaffen, obgleich sie vdas Böse wollen. Die feurigen Reden für den Weltfrieden schufen in ganz Europa eine kriegsfeindlichc Stimmung, die am Ende die Diplomaten zwingen konnte, mit ihren Reden wenigstens zum Teil ernst zu machen. Zum Unglück hatte Deutschland Bevollmächtigte entsandt, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren. Von den militärischen Vertretern ganz zu schweigen, die auch hier nach alter Gewohnheit mit dem Säbel rasselten, hielt es der Zivilvertreter Professor Freiherr von Stengel für nötig, kurz vor Zusammentritt der Konferenz eine Broschüre unter dem höhnischen Titel „Der ewige Friede" zu veröffentlichen, die in echt Treitschkesclicm Geiste Abrüstung und Völkerfrieden als verwerfliche und alberne Utopien brandmarkte, und den Krieg als die gottgefällige Weltordnung, als den Heilbringer der Menschheit feierte. Es wirkte wie stumpfsinniger Zynismus, wenn der Verfasser gegenüber der „jüdischen Utopie" vom ewigen Frieden die Segnungen des Krieges feiert, der u. a. auch die . . . Chirurgie beträchtlich fördere. Dem entsprechend - war auch das Verhalten des Freiherrn von Stengel auf der Konferenz. Die alldeutsche und konservative Presse, sowie die Organe der Schwerindustrie, z.B. Lokalanzeiger, Neueste Nachrichten in Berlin, Dresden, München, Hamburg, sprachen von der „Konferenz der Absurditäten", dem „widerwärtigen Schauspiel vom Haag" von dem „gegenwärtig betriebenen heillosen Unfug, der bei allen klar denkenden und deutsch empfinderden Männern ehrliche Entrüstung wecken muß", „für den Gang der "Weltgeschichte wird die Komödie im Haag fast dasselbe bedeuten, wie für das Leben des einzelnen ein Besuch von Charleys Tante". Niemandem waren diese Ergüsse willkommener, als den offenen und versteckten Feinden Deutschlands. Der Russe Prof. J. Nowikow antwortete dem Freiherrn vom Stengel in einer satirischen l iroschüre „Der ewige Krieg", die sofort in alle Sprachen übersetzt wurde. Der englische und französische Pressedienst fing an, Deutschland vor aller Welt als den ewigen Unfriedenstifter, den Feind des Menschengeschlechtes hinzustellen, als den Hord des Militarismus, der durch seine hartnäckige Weigerung, dem Projekt der Abrüstung beizustimmen, die ganze Welt unter Last der Waffen halte, eine ewige Bedrohung der kleinen wie der großen Völker bilde. Seit -damals datiert der furchtbare allgemeine Haß gegen die Deutschen, der mit Ausbruch des Krieges in hellen Flammen aufloderte. Freiherr von Stengel und die Seinigen sind es gewesen, die die Deutschen nach Versailles geführt haben. Aber zum Kongreß versammelten sich auch die Friedensfreunde aus allen Ländern. Den Mittelpunkt bildete Baronin Bertha von Suitner, die unerschrockene Vorkämpferin der Weltfriedensidee. Auch Bloch, dessen Werk das größte Aufsehen machte, fand sich ein, und hielt eine Reihe von Vorträgen, zu denen auch die versammelten Diplomaten erschienen. Baronin Suttner schreibt: „Alle vernehmen jetzi mit Spannung, was der Autor selbst über die Begründung seines Werkes und dessen Schicksale erzählt. Dabei spricht Bloch so sachlich, ruhig und bescheiden. Man fühlt, seine Überzeugung ruht auf gewissenhaft durchstudierten Tatsachen; er weiß, daß er die einfache Wahrheit zusammengetragen und in ihrem ganzen Umfang mitgeteilt hat." Das Bibelwort „mipne ha raah necsaph ha zaddik" deutet der Talmud: „Vor dem Hereinbrechen des Unheils wird der Gerechte heimberufen." Das hat sich an den drei großen Vorkämpfern des Völkerfriedensidee bewährt. Bloch starb 1901, Tolstoi 1910 und