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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 191 - 192

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
Date
1919-07-01
Page
Seite 191 - 192 (sequence 7)
Language
German
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191 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 192 „judenreinen." Der Bodenpreis war im Ansiedlungsrayon um 19% höher als außerhalb dieses. Die Steuern liefen aus dem ersteren regelmäßiger ein als aus den judenreinen Gouvernements. Der Grund hierfür war darin zu suchen, daß innerhalb des Ansiedlungsrayons die Bauernbevölkerung um 8 Miüionen jährlich weniger für Schnips ausgab als draußen. Das warf ein Licht auf die Behauptung, daß die Juden es waren, die die Bauein zur Trunksucht verleiteten. Innerhalb des Ansiedlungsrayons kam ein gerichtlich bestrafter Jude auf 2170, dagegen unter den Nichtjuden ein bestrafter auf 715. In gleicher Weise zeigte Bloch, daß die christliche Bevölkerung sich in viel höherem Maße dem Militärdienst entzog, als <Lie jüdische. Diese jüdischet Ausbeuler bestanden 7.um größten Teil aus Proletariern, die 20 bis 66 Kopeken den Tag verdienten, bei einer Arbeitsdauer von 12 bis 16 Stunden. Bloch wies, auf unwiderlegliche Dokumente gestützt, nach, daß die Pogrome nicht, wie die offizielle russische Politik in die Welt hinausposaunte, die Antwort der „unterdrückten" ßauernbevölkerung auf die Ausbeutung durch die Juden waren, sondern von der Bureaukratie durch den städtischen Pöbel angestiftet; siekonnten, bei einigem guten Willen, leicht unterdrückt und unmöglich gemacht werden, -wie dies unter der Regierung des Grafen Diinitry Tolstoj geschah. Daß dies Buch der Regierung des Herrn, von Plehwe sehr unbequem werden konnte, ist klar, zumal Bloch inzwischen durch sein Werk über den Krieg eine europäische Berühmtheit geworden war. Da geschah ein Wunder: in der Druckerei brach Feuer aus, just indem Saal, wo die soel>en fertiggestellten Exemplare aufgestapelt waren, und vernichtete sie sämtlich, bis auf fünfundzwanzig, die an den Verfasser nach Warschau bereits unterwegs waren und nicht mitverbrannt werden konnten. Kurz darauf, am 25. Dezember 1901, verstarb der Verfasset. Das Buch, welches unschätzbares Material zur Kenntnis der Judenfrage in Osteuropa-enthalt, konnte nicht wieder aufgelegt werden und bildet eine der größten "bibliographischen Seltenheiten. Prof. Subbotin veröffentlichte eine gedrängte Angabe des Inlialtes im 10. Bande der „Jewrejskaja Biblioteka"; auch in einer besonderen Broschüre „Allgemeine Denkschrift über die Judenfrage" St Petersburg 1905. In französischer Sprache erschien ein kurzer Auszug daraus in dem Sammelband „Oeuvres politico-statistiques de J. de Bloch", Paris 1902. ' Als imjahre 1876 der russisch-türkische Krieg bevorstand und die Möglichkeit vorhanden war, daß Österreich- Ungarn in Polen einmarschierte, wurde Bloch von der Regierung beauftragt, ein Gutachten über die Verproviantierung Warschaus im Falle einer Belagerungauszuarbeiten. Sein umfassender Geist blieb bei dieser FTage nicht stehen, sondern zog alle Probleme der wirtschaftlichen Folgen des Krieges in Betracht, dann den Krieg selbst in seiner Bedeutung für das Völkerleben. Und er, der Großunternehmer, Handelsherr und Bankier, den jeder Krieg um Millionen reicher machte, lernte den Krieg gründlich hassen. Und da er wußte, daß man den Feind genau kennen muß, um ihn mit Erfolg bekämpfen zu können, studierte er den Krieg in allen seinen Erscheinungen, Werkzeugen, Mitteln und Wirksamkeiten, nahm förmlichen Unterricht in Taktik, Strategie und Waffenkunde, lernte mit Gewehren hantieren, verbrachte Tage und Wochen auf Schießstätten, Übungsplätzen und Manöverfeldern, ließ sich in die Geheimnisse der modernen Sprengmittelfabrikation einweihen; nicht minder studierte er die Seekriegstechnik, lernte Bau und Verwendung der Kriegsschiffe aller Art kennen, bis auf das Unterseeboot, das erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts seine ersten Triumphe feierte. Ferner studierte er die Kriegsgeschichte, von der Urzeit angefangen, vertiefte sieh in die Erforschung der Ursachen, die zum Kriege führten, und der Möglichkeiten, ihn abzuwenden. Je mehr er die Erfahrungen der Vergangenheit auf die lebendige Gegenwart anwendete, desto mehr drängte sich ihm die Überzeugung auf, daß ein Krieg unter modernen europäischen Tölkern zur Vernichtung der europäischen Kultur führen müßte. Zwanzig Jahre widmete er der Arbeit an seinem Werke, von denen die letzten zehn der endgültigen Fassung und .Niederschrift gehörten. Im Verlauf der Arbeit änderten sich die Zustände immer mehr, die Rüstungen aller Staaten wuchsen ins ungeheuerliche, die Kriegstechnik und ihre Mittel vervollkommneten sich unheimlich und während einerseits das Leben der einzelnen Staaten und Völker sichgegenseitigimmer mehr verflocht, verschärften sich die Gegensätze zwischen den Diplomatien der Regierungen. Trotz der unaufhörlichen Friedensbeteuerungen der Staatsoberhäupter und der ewigen Bündnisse ..zur Sicherung des Weltfriedens" trieb die Eroberungspolitik die großen Staaten einem Weltkriege zu. Bloch sah ihn mit visionärer Deutlichkeit voraus, ihn und seine Folgen, wie wir sie jetzt schaudernd erleben und er erhob seine prophetische Stimme, um vor ihm zu warnen. Die Ergehnisse seiner Forschungen lassen sich in folgende Leitsätze zusammenfassen: Die Epoche der „kurzen" Kriege, die in einem halben oder einem Jahre beendet werden, ist unwiederbringlich vorüber. Ein Krieg zwischen europäischen Großmächten, muß infolge der Stärke der Armeen, der vervollkommneten Waffentechnik und der entwickelten Verkehrsmittel sehr langedauern. Er kann nicht zwischen zwei Parteien oder Bündnisgruppen ausgefochten werden, sondern müßte infolge der vervielfältigten Beziehungen zwischen den Ländern, nach und nach den ganzen Erdteil in Brand stecken, imd, wie immer er ausfällt, Anlaß zu neuen Kriegen geben. Aber die modernen wirtschaftlichen Zustünde und die ungeheuren Kosten eines Krieges würden .binnen kurzem die Kriegführenden ariden Rand des ökonomischen Ruins bringen und seine Fortführung unmöglich machen.

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