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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 187 - 188

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
Date
1919-07-01
Page
Seite 187 - 188 (sequence 5)
Language
German
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187 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 188 brechend und schöpferisch wirkte. Seine Schwester, eine junge Dame von erlesener Schönheit, wurde von den ersten Kavalieren Polens umworben. Aber sie verlieble sich in den Kompagnon ihres Bruders. Bloch bezahlte den Preis für ihre Hand mit der Annahme des Kalvinismus. . . . Ks zeigte sich bald, daß die Herstellungs- und Verwaltungskosten, der von ihm erbauten Bahnen sehr bedeutend geringer waren, als aller anderen russischen Linien. Das bewog die Regierung, ihm die Verwaltung des ganzen Eisenbahnnetzes von 2400 Werst zu übertragen, welches das Baltische mit dem Schwarzen Meer verband. Jetzt dachte Bloch daran, seine Bildung abzurunden und ihr eine solide wissenschaftliche Basis zu geben. Kr ließ sich in Berlin nieder, von wo aus er seine Geschäfte verwaltete und hörte an der dortigen Universität mehrere Semester hindurch Vorlesungen über Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie. Jetzt fing er an, seine erworbenen praktischen Kenntnisse auch theoretisch zu verwerten. Er veröffentlichte ein fünfbündiges Werk über die russischen Eisenbahnen, in welchem er die Mängel der bisherigen Bau- und Vcrwaltungsmethoden nachwies und Vorschläge zur Verbesserung machte. Das Werk, welches auch in französischer Sprache erschien, wurde aut der geographischen Ausstellung von Paris 1875 mit der goldenen Medaille erster Klasse gekrönt. Im Verein mit dem nachmaligenFinanzminister Wyschnegradzki verfaßte er ein weiteres Buch über das Eisenbahntransportwesen. Im Auftrage der Regierung schrieb er eine ausführliche Studie über die Einrichtung von L'cnsions- und Invalidenkassen für Beamte und Angestellte. Ein vierbändiges Werk über die Finanzen Kußlands im 19. Jahrhundert entwarf ein Bild des ganzen Verwaltungswesens des Zarenreichs, und bildete die Grundlage zur russischen Finanzreform. Bloch wurde darauf in das „Wissenschaftliche Komitee" des Finanzministeriums berufen, das ihm alsbald die wichtigsten Arbeiten übertrug. Immer mehr erweiterte er das Gebiet seiner Forschungen. Er verfaßte umfangreiche Werke über den Meliorationskredit und die Landwirtschaft in Rußland und im Auslande, über die Verschuldung des Grundbesitzes in Polen, über die Entwicklung der Industrie in Polen. Ein großes Werk über den Einfluß des Eisenbahnwesens auf die wirtschaftliehe Lage Rußlands brachte ihm die Ernennung zum Wirklichen Geheinten Staatsrat mit dem Prädikat Exzellenz sowie die Verleihung des Adels. Die meisten seiner Bücher erschienen in polnischer und russischer Sprache, manche auch in französischer Übersetzung und begründeten in fachmännischen Kreisen seinen Ruf als den eines der bedeutendsten Praktiker und Theoretiker auf vielen Gebieten der Nationalökonomie. Inzwischen vernachlässigte er seine geschäftliche Tätigkeit nicht. In Warschau konzentrierte er seine sämtlichen Unternehmungen in einem großen Bankhaus, welches sich besonders an der aufblühenden Zuckerindustrie beteiligte, gründete eine Feuerversicherungsgesellschaft, reorganisierte die Börse, indem er an deren Spitze ein Börsenkomitee stellte, dessen Präsident er wurde, unternahm den Bau mehrerer neuer Eisenbahnlinien. Er bekleidete die unter den damaligen Umständen besonders schwierige und verantwortungsvolle Stellung eines Ältesten der Kaufmannschaft. Eine so tief und reich veranlagte Natur konnte nicht umhin, über die religiösen Probleme nachzudenken. Der armselige Chederunterricht hafte ihm natürlich keine tiefere Kenntnis des Judentums übermittelt. Jetzt las er alle ihm erreichbaren Bücher über das Judentum, führte mit seinen jüdischen Bekannten eingehende Gespräche darüber. Der Vergleich zwischen der Lehre seiner jetzigen und seiner früheren Religion überzeugte ihn nicht von der Überlegenheit der ersteren. Aber in Rußland gab es für ihn kein Zurück mehr. Dafür nahm er an alLen jüdischen öffentlichen Fragen ostentativen Anteil, betrachtete sich als Mitglied der jüdischen Gemeinde in Warschau, entrichtete freiwilligjeneSteuern5 zu denen er seinem Einkommen nach verpflichtet gewesen wäre, unterstützte die große jüdische Gemeindebibliothek, war Mitglied aller jüdischen Wohltätigkeitsvereine und Kulturinstitutioncn, spendete besonders reichlich den Unterrichtsanstalten, sowohl den Talmud- Thora, als auch den Handwerkerschulcn, die der Regierung ein Dorn im Auge waren. Hebräische Publikationen hatten in ihm einen wohlwollenden Gönner. Wie jeder geistig und sittlich hochstrebendc Mensch war er innerlich ein Grandseigneur; klein, zierlich und schmächtig von Gestalt, hatte sein Auftreten gleichwohl etwas Imponierendes und Gebieterisches, trotz der großen Schlichtheit, Bescheidenheit und Herzensgüte. Die ungewöhnlichen materiellen Erfolge, die ihn zu einem der reichsten Männer in Rußland machten, hatten ihn nicht verblendet, er fühlte sich stets den Ärmsten und Niedrigsten verwandt, nahm für sie Partei und gab diesem Gefühl unzweideutigen Ausdruck. Seine Zugehörigkeit zu den Juden betonte er stets nachdrücklich. Die allseitige Hochachtung und Liebe, deren er sich in allen Kreisen der polnischen Gesellschaft erfreute, hat am meisten mit dazu beigetragen den aufkeimenden Antisemitismus in Polen bis zum Beginn dieses Jahrhunderts niederzuhalten. * » * Als mit dem Regierungsantritt Alexanders III. die. Aera der Pogrome anfing, trat an Bloch öfters die Aufgabe heran, sich mit der Judenfrage zu befassen. Zunächst bemühte sich die Regierung, die Pogrome nach Polen zu verpflanzen (der erste Versuch hierzu wurde Ende Dezember 1881 unternommen, mißlang aber kläglich), sodann wurden Maßregeln getroffen, Polen und Juden gegeneinander aufzuhetzen. Hierin zeichnete sich besonders der Generalgubernator Graf Gurko aus, der, einer polnischen Familie entstammend, als echter Renegat seinen ehemaligen Volksgenossen nach Kräften

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