Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 183 - 184 (sequence 3)
- Language
- German
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183 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 184 hatte. Einer seiner Schwiegersöhne war der Führer der „Hofpartei" unter den Polen im preußischen Abgeordnelenhause und im Reichstag, Hcrrenhausmilglied Josef von K o s c i e I s k i, dem man den Spitznamen A d m i r a J s k i gab, weil er die Flottenpläne des ihm persönlich befreundeten Kaisers eifrig unterstützte. Seine Gemahlin, die Toclder des ehemaligen jüdischen Trödlers, spielte, dank ibier großen Schönheit und ihrem Geist, bei Hofe eine hervorragende Rolle. Ein zweiter Schwiegersohn war der Baron Josef Weyßenhoff, Sprößling einer alten baltischen Freiherrnfamilie, Neffe eines berühmten Generals dieses Namens, der dritte Schwiegersohn war gar der Fürst R u s p o 1 i von der „schwarzen" (papsttreiaen) römischen Aristokratie. Außerdem erfuhr man, daß dieser vielseitige internationale Schwiegervater den russischen Ministern gegenüber die Sache der russischen Juden sehr energisch und hingebungsvoll verteidigte. Und eben dieser Bloch war zweifelsohne der Inspirator des Zaren gewesen. Grund genug für die Alldeutschen und Antisemiten dahinter eine Intrige der „goldenen Internationale", des jüdischen Großkapitals im Zusammenhang mit der Alliance Israelite Universelle usw. zu erblicken. Wie es sich in "Wirklichkeit damit verhielt, erfuhr man erst nach dem Tode Blochs aus den Tagebüchern der Baronin von Suttner. (Hier ergänzt nach der Mitteilung eines persönlichen Freundes Blochs) Die Petersburger Zensur, die im allgemeine« viel milder gehandhabt wurde, als .sonst in Rußland, unterbreitete das Buch „Der Krieg der Zukunft" vorschriftsgemäß dem Kriegsministerium zair Begutachtung, und dieses mußte dem Zaren Rapport erstatten. Üas Kriegsministerium stimmte für die Erlaubnis zur Herausgabe mit folgender Begründung: ein so umfangreiches, streng wissenschaftliches und technisch-fachmännisch gehaltenes Buch wird nicht viel gelesen werden, ist also weit weniger gefährlich als der Roman der Frau von Suttner „Die Waffen nieder!" Da die Zensur diesen freigelassen habe, so mag das Blochsche AVerk um so eher passieren. Der Zar kannte Blochs Namen und war neugierig, den Inhalt seines Werkes über ein für einen russischen Kaiser so wichtiges Thema kennenzulernen, er ließ sich also die Aushängebogen bringen. Man legte ihm die wichtigsten Kapitel vor und sie machten auf ihn einen niederschmetternden Eindruck. Aber vieles war ihm unklar, er befahl, den Verfasser aus Warschau telegrapliisch herbeizurufen. Der unglückliche Nikolaus II. war ein schwacher Charakter, ein Gemisch von Weichherzigkeit und Grausamkeit, von Furchtsamkeit und Starrsinn; seine Intelligenz war beschränkt, seine Bildung mangelhaft. Bloch hatte einen schweren Stand. Acht Tage hintereinander hielt er ihm stundenlang Vorträge über den Krieg, erklärte ihm die Diagramme, Tabellen und Zeichnungen des Buches, Dem Selbstherrscher aller Reussen ging ein Licht auf... So also würde 'das Ding aussehen! . . . Das war der Krieg! . . . Und das würden die Folgen sein! . . . Vom Krieg hatte er bis dahin nur gehört, die glänzenden Manöver und die schimmernde, goldstrotzende Außenseite, das war alles, was er davon mit eigenen Augen gesehen. Nun wurde ihm das wahre AVesen gezeigt . .. Mutlosigkeit und Angst bemächtigten sich seiner. Aber Bloch wußte ihn bei der Eitelkeit zu packen und machte ihm klar, daß er sich mit ewigem Ruhm bedecken würde, wenn er, der mächtigste Monarch auf Erden, den niemand der Furcht vor dem Kriege zu verdächtigen wagen würde, die Anregung gäbe, daß alle Staaten mit der Abrüstung anfingen und sich auf die Einsetzung von'Schiedsgerichten einigten. Nikolaus IL war von dem Vorschlag entzückt, und verfaßte zusammen mit Bloch das Manifest, an dem die Minister nur wenige formale Änderungen vornahmen, bevor sie es in die Welt hinausließen. Die Herren Minister Sr. Majestät und die ganze Bureäukratie waren in der größten Verlegenheit. Ihnen war, als wollte die Welt einstürzen, da der Zar, der berufene Beschützer des Krieges, diesem den Krieg erklärt hatte. Die Rüstungen waren für sie eine ewige Quelle von reichlicher! Nebeneinnahmen, die die regulären Gehälter zehnfach überstiegen. Bei jeder Kriegslieferung stahl man mit vollen Händen. Was sollte daraus werden, wenn es keine Rüstungen mehr gäbe? Der Kriegsminister verwünschte die ganze Geschichte von Herzen und äußerte Bloch gegenüber, daß er tief bedauere, das Werk nicht unterdrückt zu haben. Aber der Graf Murawjew zwinkerte schlau mit den Augen. Nun hatte der Zar der ganzen Welt gegenüber die Friedensliebe Rußlands auf das nachdrücklichste bekundet. Das konnte diplomatisch aufs glänzendste ausgenutzt werden, um den Argwohn der Konkurrenten einzuschläfern. Rußland war das friedfertigste Lamm von der Welt und konnte im stillen weiterrüsten. Einige Wochen nach dem Abrüstungsmanifest des Zaren bestimmte der russische Finanzminister das bescheidene Sümmchen von 200 Millionen Rubel für den Bau einiger neuer Kriegsschiffe .... Indessen blieb die diesbezügliche kleine Zeitungsnotiz von den meisten Zeitgenossen unbemerkt. In der Welt hallte es vom Friedensmanifest wider urid man traf überall Vorbereitungen zu der ersten Friedenskonferenz, die im Mai in der Hauptstadt von Holland zusammentreten sollte, um eine neue Epoche in der Geschichte Europas, ja vielleicht der ganzen Welt einzuleiten. Mittlerweile interessierte sich auch das breitere Publikum für das schwerfällige, sechsbändige Werk; lernte es jedoch nur aus Zeitungsartikeln kennen. Vor dem Verfasser aber richteten sich seine umfangreichen Folianten wie eine Mauer auf, hinter der er ganz verschwand. Nur die engen Kreise der wissenschaftlichen und praktischen Volkswirte und Finanzpolitiker kannten seinen Namen längst als den eines der bedeutendsten und erfolgreichsten Führer und Bahnbrecher auf dem