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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 171 - 172

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Die Judenfrage im künftigen Europa
Date
1919-07-01
Page
Seite 171 - 172 (sequence 6)
Language
German
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171 Die judenfrage im künftigen Europa. 172 Judentums, seine Vorstellungs- und Gefühlswelt, seine ganze Tradition vorzüglich übermittelt. An jüdischer Geistesnahrung fehlt es ihnen nicht. Und das Hebräische ist so jung und so frisch wie vor dritthalbtausend Jahren. Man führt in den Familien und in der Miniaturgemeinde ein intensives jüdisches Leben, empfindet den innigsten geistigen Zusammenhang mit den vergangenen Geschlechtern ebenso wie mit allen Volksgenossen auf dem weiten Erdenrund, trägt die moralische und kulturelle Verantwortlichkeit für die Gesamtheit. Jede Nachricht von einem Pogrom im fernsten Lande erregt die tiefste Teilnahme, man schickt seine paar Dollar hin oder gar einen Abgesandten nach der nächsten Großgemeinde zur gemeinsamen Beratung über Abhilfe. Dabei ist man ebenso wie die Litauer, Finnland er oder Norweger in das Amerikanertum völlig hineingewachsen, aber das Amerikanertum hat das angestammte Volkstum im Gegensatz zu jenen nicht zerfressen und aufgelöst, sondern sich wie ein frisches Gewand, eine schützende Hülle darübergelegt. Der Kern ist unversehrt geblieben. Die (?0 Kinder der neuen Generation haben dreißig Familien gebildet, aus denen ein halbes Menschenalter später neunzig hervorgehen, und so weiter. Nach einem bestimmten Zeitraum ist aus der unbedeutenden Zwerggemeinde kraft natürlichen innern Wachstums, ohne Zuwanderung von außen, eine stattliche „Congregation" geworden. Diese errichtet alle überlieferten jüdischen Kultur- und Wohlfahrtsinstitutionen (Chebra Kaddischa, Bikkur Cholim, Malbisch Arumim, Hachassath Kallah, Gemiluth Chassadim usw., vor allem aber Thalmud Thora), aber in großem Maßstab und mit modernen Mitteln, sie nimmt hervorragenden Anteil am Gesamtleben der Judenheft — ja sie entsendet sogar ein paar Delegierte zum Zionistenkongreß, der jüdische Nationalfonds hält hier reiche Ernte, die Shares der Nationalbank finden großen Absatz. So ungefähr pflegt sich die Sache zu entwickeln. Die Auswanderung, die Zerstreuung durch weite Länder bedeutet nicht den Untergang, sondern die Verbreitung und das Wachsen des jüdischen Volkstums. Das ,.portative Vaterland", über das so viel gespottet wurde, ist gar keine schlechte Erfindung gewesen. Worin aber besteht der Wesensunterschied ■zwischen dem Volkstum jener Litauer, Finnländer, Norweger usw., das auf fremdem Boden dem Untergange geweiht ist, und dem Volkstum der Juden, welches unter allen Himmelsstrichen und in allen Zeiten unter den schwierigsten Umständen sich nicht nur erhalten hat und sogar wuchs und gedieh? Der Wesensunterschied besteht darin, daß die anderen Volkstümer Daseinsformen sind, die die Menschen mit anderen, gleichwertigen oder gar höheren, leicht vertauschen. Das Judentum dagegen ist eine Aufgabe, eine Verpflichtung, ein Befehl, ein Auftrag, eine Tradition, eine Lehre, eine Bestimmung, eine Mission, ein Bekenntnis. Jedes andere Volkstum ist ein Sein, das Judentum ist ein Sollen. Der Mensch schlüpft leicht, schmerzlos, unmerklich aus einer Daseinsform in eine andere. Eine bestimmte Aufgabe, eine ausgeprägte Lehre, einen Auftrag kann er nicht mit einem anderen vertauschen, auch wenn dieser dem seinigen vollkommen gleichwertig, ja auch wenn er höher als der seinige ist. Das Volkstum des Litauers, Finnländers oder Norwegers wird im amerikanischen Milieu langsam, stückweise aufgelöst und Stück für Stück durch das amerikanische ersetzt. Die soziale, wirtschaftliche und politische Interessengemeinschaft mit dem Heimatlande löst sich in der Ferne von selber auf. Die Jugenderinnerungen an die heimatliche Landschaft und die heimatlichen Menschen verblassen, die Muttersprache muß den Klängen des energischen, knappen Englisch weichen, die unaufhörlich das Ohr umrauschen und in die Seele dringen. Sogar die deutsche Sprache, obwohl sie in Europa selber von etwa 80 Millionen gesprochen und weiteren 20 oder 30 Millionen verstanden wird, obgleich sie eine der ersten Kultursprachen der Welt und an geistigen Schätzen unermeßlich reich ist, wird in Amerika durch das Englische verunstaltet und schließlich ganz verdrängt. Schon die erste Einwanderergeneration wird nach einem oder zwei Jahrzehnten zweisprachig, die zweite und vollends die dritte Generation spricht schon nur noch Englisch allein. Die kleineren Sprachen und Mundarten halten noch weniger stand. Wenn der Einwandererzustrom aus den verschiedenen Sprachgebieten Europas aufhören sollte, würde in Amerika binnen weniger Jahre das Englische alleinherrschend werden. Das Volkstum der europäischen Völker ist etwas Unbewußtes; und unbewußt, ohne es zu merken, legen es seine Träger nach und nach ab, bis es am Ende gänzlich verwittert, verduftet. Das Judentum ist etwas Bewußtes; jede Generation übernimmt es von der vorhergehenden und überliefert es der nachfolgenden. Jeder Jude kann, je nach Maßgabe seiner allgemeinen Kulturstufe, jeder anderen Lehre, dem Christentum, dem Islam, dem Buddhismus mit größter Ehrfurcht, sogar mit tiefer S}rmpathie gegenüberstehen; Salomo Gabirul, Maimuni, Iehuda Halewi und Jakob Emden haben die hohe kulturelle Bedeutung und welthistorische Mission der beiden Tochterreligionen des Judentums voll anerkannt. Philo hat sogar im antiken Heidentum den göttlichen Kernfunken wahrgenommen und hochgeschätzt. Aber darum gewann das Judentum in ihren Augen nur noch erhöhten Wert. Bei einem modernen Menschen muß dies noch, aus ganz anderen Motiven, in einem ungleich, weiteren Gesichtskreis und von einem viel

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