Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 173 - 174 (sequence 7)
- Language
- German
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173 Die Judenfrage im künftigen Europa. 174 höheren Standpunkt der Fall sein. Das Judentum steht .da als eine ebenbürtige, aber disparate Erscheinung neben den anderen Volkstumern, die ihm nichts anhaben, es nicht verdrängen, nicht ersetzen können, weil es einen anderen Inhalt hat, ebensowenig wie eine Grundfarbe die andere aufheben oder überflüssig machen kann. Da das Judentum nichts Unbewußtes ist, kann man es auch nicht unbewußt verlieren, sondern nur durch einen Akt bewußter Abtrünnig: keit ablegen, sich von ihm aus freiem Entschluß lossagen. Um aufzuhören Jude zu sein, muß man aus der jüdischen Gemeinschaft wissentlich austreten, vorsätzlich alle Bande zerrejßen, die einen mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpfen. Das ist der Abfall. Nun hat ja der Abfall zu allen Zeiten vom jüdischen Volke zahlreiche Opfer gefordert, mächtige Lücken in seine Reihen gerissen. Allein, sozialpsychologisch betrachtet, ist der Abfall vom Judentum stets eine pathologische Erscheinung, während die Angehörigen anderer Völker kraft eines normalen soziologischen Prozesses von der zahlreicheren oder kulturell und politisch stärkeren Umwelt absorbiert werden. Die Ursachen dieser wie jeder anderen pathologischen Erscheinung können innere oder äußere sein. Aber jede Pathologie hat ihre Therapie und auch ihre Prophylaxe und Hygiene. Nur müssen alle diese Mittel von tüchtigen und gewissenhaften Aerzten gehandhabt werden. Das Wichtigste jedoch ist, daß der unverwüstliche Organismus selber am Ende auf die Krankheitserscheinungen reagiert, die ungesunden Keime resorbiert oder ausscheidet und die Krankheitsherde trockenlegt. Wenn der Abfall sich zu häufen anfängt, erwachen sofort in der jüdischen Gemeinschaft Strömungen, die ihm entgegenwirken und ihn zum Stillstand bringen. Infolge des Massenabfalls ist noch nie und nirgends eine größere jüdische Gemeinschaft so spurlos verschwunden, wie dies bei anderen Völkerschäften infolge des natürlichen Zerschmelzungsprozesses innerhalb eines anderen Milieus zu allen Zeiten geschah und A'or unseren Augen in Amerika und Europa geschieht. Ja, was in bezug auf die Juden gleich als Massenabfall empfunden wird, kommt anderwärts überhaupt nicht zum Bewußtsein. Zwei Fälle aus der neuesten Zeit mögen als Beispiele angeführt werden. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts galt es als ausgemachte Tatsache, daß infolge der hrankistenbewegung „yiele zehntausende Juden" ihrer Religion den Rücken gekehrt hatten. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden die Kirchenregister durchforscht, und es stellte sich heraus, daß die Zahl der Abtrünnigen kaum einige Hundert erreichte. Aber schon diese Zahl allein machte einen so starken Eindruck, daß sie unendlich übertrieben wurde. Lange Zeit ging in ernsten Geschichtswerken die Fabel um, daß in den ersten Jahrzehnten des .19. Jahrhunderts die Hälfte einiger großer Gemeinden Preußens (Berlin, Königsberg) das Judentum verlassen hätte: auch diese Fabel wurde erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auf das wahre — sehr bescheidene — Mali zurückgeführt. Nein, nein; von seiten des „Massenabfalls" ist eine Auflösung des Judentums nicht zu befürchten — zumal da in den Einwanderungsländern der Anreiz zum Abfall und der Druck von außen auf ein Minimum hinabsinkt. Wir haben die Wanderungen der Juden vom kulturpolitischen Standpunkt aus betrachtet; eine Analyse ihrer wirtschaftlichen Bedeutung wird uns lehren, daß sie nicht geeignet sind, eine Lösung der Judenfrage herbeizuführen - nicht geeignet, aber auch nicht vonnöten.