Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 5)
- Language
- German
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169 Die Judenfrage im künftigen Europa. 170 Lemberg, Graf Szeptycki, ist der leibliche Bruder des Generalstabschefs der polnischen Armee; im väterlichen Schloß unweit Lemberg weideten die Brüder ihre Augen an dem Anblick der Kriegstrophäen, die einer ihrer Ahnen an der Seite des Polenkölligs Jan Sobieski aus dem Kampfe gegen die Türken vor Wien (1682) 'heimbrachte. Die Beispiele ließen sich ins Unendliche vermehren, und sie zeigen zur Genüge, wie leicht umtauschbar und ablegbar die Volkstürner der europäischen Nationalitäten — im Gegensatz zum jüdischen — sind. DIE KULTURPOLITISCHE BEDEUTUNC Wie sollte es auch anders sein? Nehmen wir an, zehn jüdische Familien, und zehn finnländische, litauische oder norwegische Familien, von denen jede sechs Kinder hat (wie es bei allen diesen Völkerschaften gang und gäbe ist), siedeln sich' in einer rein amerikanischen Stadt an. Die jüdischen, gleich wie die andern, hangen mit gleicher Liebe und Treue an ihrem Volkstum. Sie werden im Hause jede ihre Muttersprache reden, sie werden auch die Beziehungen zur alten Heimat pflegen, eine Zeitung von dorther beziehen, die heimatlichenVolkslieder singen, Bücher in der Muttersprache lesen. Aber das mächtig wogende Leben ringsum ist stärker. Mit dem Kunden, dem Geschäftsfreund, dem Arbeitgeber oder -nehmer muß man englisch reden, man muß die lokalen und Landeszeitungen lesen, man muß am öffentlichen Leben teilnehmen, muß sich mit der lokalen Gesellschaft vermischen, man hat tausend gemeinsame Interessen mit ihr, die bald auch in die Gefühlssphäre eindringen, man muß an ihren Festen teilnehmen, ihre Lieder singen, man muß sich mit ihrem Geistesleben vertraut machen; am Ende ist ja die englische Sprache und Literatur auch nicht zu verachten. Das angestammte Volkstum der Litauer, Finnländer oder Norweger wird allmählich zu einer romantischen Erinnerung verblassen. Die nächste Generation hat die amerikanische Schule besucht, das Englische ist ihre Muttersprache geworden, aus ihr haben sie die besten geistigen Kräfte gesogen, die Sprache der Eltern klingt ihnen schon erheblich fremder und hat ihnen wenig zu sagen. Die Jugenderinnerungen aus der' Heimat, welche die Alten mit seliger Wehmut erfüllten, fehlen der neuen Generation ganz, nicht Litauen, Finnland, Norwegen ist ihre Jugend heimat, sondern die amerikanische Stadt. Sie werden dem Volkstum der älteren Generation mit kindlicher Ehrfurcht, aber ohne seelische Teilnahme gegenüberstehen, denn es hat ihr Gefühlsleben nicht 'berührt, ihnen keine unmittelbaren Emotionen gegeben. Sie sind Vollamerikaner und fühlen sich wohl dabei. Wenn aus einem Litauer, Finnländer, Norweger ein Amerikaner wird, so ist er auf der Leiter der Kultur nicht um eine Stufe hinabgestiegen, er ist kein geringerer Mensch geworden. Nach dem Absterben der älteren Generation zeugt nur noch der Name von dem ehemaligen Volkstum, die nächste Generation ist einen Schritt weitergegangen, die Familiennamen werden bald anglisiert, und nun ist jede Erinnerung i DER JUEDISCHEN WANDERUNGEN. an das angestammte Volkstum erloschen, jeder Zusammenhang mit der alten Heimat zerrissen. Das ist ein unerbittlicher, soziologischer Prozeß, dem die Angehörigen nicht nur kleiner, sondern auch sehr großer und mächtiger Völker als Zerstreute in einem fremden Milieu unterliegen. Auch die zehn jüdischen Familien unterlagen ihm; aber daneben hat sich an ihnen (vorausgesetzt, daß sie an ihrem Volkstum mit der gleichen Treue festhielten wie die anderen) noch ein anderer Prozeß vollzogen. Die zehn Familien mit ihren 60 Kindern bildeten eine kleine Gemeinde, eine ganzkleine, eine Zwerggemeinde. Einer der Hausväter übernahm die Funktionen des Rabbiners, Lehrers, Schochets, Mohels und Vorbeters in einer Person; in einem kleinen Zimmer haben sie eine Miniatursynagoge eingerichtet, die auch als Schule dient. Am Freitagabend, vielleicht auch am- Sabbatmorgen, sicher aber an den fünf großen Festtagen, versammeln sie sich zum Gottesdienst. Am Sabbat- und am Sonntagnachmittag wird Schule gehalten, die Schüler werden in den jüdischen Dingen unterrichtet, alles in englischer Sprache natürlich; die begabtesten bringen es so weit, daß sie die Bibel in der Urschrift geläufig lesen, die Gebete, wohl auch etwas von der Misch nah und der späteren Literatur gut übersetzen können. Aber sicher ist keines so unbegabt, daß es nicht mindestens das Schema Israel und was dazu gehört, rezitieren könnte. Daheim befolgt jede Familie getreulich die Sitten der Väter wie in der alten Heimat; insofern die harte Notwendigkeit des Lebens dies nicht zuläßt, wird die eine oder die andere Vorschrift, werden vielleicht die meisten Vorschriften übertreten, aber man tut es mit Schmerzen und im festen Entschluß, wenigstens das Wichtigste und Heiligste wieder aufzunehmen und den Kindern einzupflanzen, sobald die Umstände dies wieder erlauben. Unter den Alten fand sich mancher Schriftkundige, der in den Mußestunden die Bibel oder den Talmud, das Buch von den Herzenspflichten, den Ikkarim oder Akeda vornahm. Das Jiddisch der Alten hat sich in wenigen Jahren so verändert, daß man es in der alten Heimat nur mit Mühe verstehen würde, aber in englischer Sprache gibt es eine große jüdische Publizistik und eine reichhaltige Literatur über alle Zweige des jüdischen Geisteslebens in der Vergangenheit und Gegenwart, die den Lehrinhalt, die Weltanschauung und die Weltstimmung des