Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 4)
- Language
- German
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167 Die Judenfrage im künftigen Europa. 168 mitgebrachte Sprache bei. Wenn nun heutzutage Italiener, Spanier oder Polen massenhaft über den Ozean wandern, so sind jdas die Nachkommen eben derselben Germanen, die in früheren Zeiten südwärts oder ostwärts gewandert, nur haben sie sich im Verlaufe der Jahrhunderte in Romanen oder Slawen verwandelt. Die Juden dagegen sind geblieben, was sie ehemals gewesen. Der Betrachter gewinnt daher den Eindruck, daß die Juden seit ewigen Zeiten wandern, während die Wanderepoche der Oermanen abgeschlossen erscheint, und eine solche bei den Romanen und Slawen angebrochen ist. Der gleiche Prozeß läßt sich in den vorangehenden Zeiträumen verfolgen. In den neueren Zeiten können wir ein ähnliches Schauspiel beobachten. Aus dem Häuflein jüdischer Familien, die, aus Wien vertrieben, vom Großen Kurfürsten eingeladen wurden, sich in Brandenburg niederzulassen, ist der Kern der judischen Gemeinschaft in Preußen entstanden, welche im deutschen und sogar im europäischen Judentum eine so bedeutende Rolle spielte. Die Holländer (und Franzosen), die um dieselbe Zeit in viel größerer Anzahl unter unvergleichlich günstigeren Bedingungen sich in Deutschland ansiedelten, sind, bis auf die Familiennamen, spurlos im deutschen Volkstum aufgegangen. Das ist bei den französischen Refugies, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes in Brandenburg und in Kurhessen Zuflucht fanden, um so auffälliger, als sie größtenteils eigene Re- Iigionsgemeinden bildeten und in Predigt, Gebet und Gemeindeverwaltung das Französische beibehielten. Trotzdem haben sie, -deren Religionsbekenntnis mit dem der neuen Umgebung identisch war, jeden seelischen Zusammenhang mit der früheren Heimat und dem ehemaligen Volkstum völlig verloren. Es macht einen seltsamen Eindruck, wenn man z. B. in dem schönen Buch von Jules Huret „En Allemagne" nachliest, wie der alte württembergische Hugenottenpastor dem Verfasser in schönem Französisch erzählt, wie viel seiner Pfarrkinder im Jahre 1870 in den Krieg gegen Frankreich zogen, wie tapfer sie gegen den „Erbfeind" kämpften, und wie viele von ihnen auf dem Felde der Ehre fielen. Der Pastor-sowie seine Pfarrkinder hatten offenbar nicht das geringste Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Frankreich und dem Franzosentum mehr. Jedes in den engen Grenzen eines kleinen Landes eingeschlossene Volk entsendet zahlreiche Auswanderer in die Fremde, wo sie neue Nahrungsmöglichkeiten suchen; so in unserer Zeit die Schweizer, Finnländer und Skandinavier. Von den Wikingern, die ehemals als Eroberer die Küstenländer zu beiden Seiten der Nordsee beherrschten, hat sich in der Normandie wenigstens der Name erhalten. Von den ungefähr 600 000 Skandinaviern, die z. B. im ersten Dezennium dieses Jahrhunderts nach den Vereinigten. Staaten allein ausgewandert sind, dürfte wohl die erste Generation noch die Anhänglichkeit an die alte Heimat und das Bewußtsein ihres Volkstums bewahren, aber schon das folgende Geschlecht wird sich vollständig als Amerikaner fühlen, ihr Skandinavierrum wird sich sehr bald ganz verwischt haben, dahingeschmolzen in den großen, amerikanischen Völkertiegel. Sollten sie etwa von Nordamerika aus weiterwandern, so werden sie dies nicht mehr als Skandinavier, sondern als Amerikaner tun. Wenn dagegen die Million Juden aus Osteuropa, die in demselben Zeitraum in den Vereinigten Staaten eine Zuflucht gefunden, abermals neue Siedlungsstatten aufsuchen würden, so wird der künftige Wirtschaftshistoriker konstatieren müssen: von den Juden, die in die Vereinigten Staaten am Beginn des 20. Jahrhunderts eingewandert, sind nach soundso vielen Jahren soundso viele in andere Länder ausgewandert; obgleich 'diese Juden ebenso gute und ebenso vollberechtigte 'Amerikaner sind wie die eingewanderten Skandinavier, obwohl sie ihre Sprache (die ja am Ende nur ein ihnen fremder Dialekt ist) ebenso rasch, oder noch rascher mit dem Englischen vertauscht haben wie die Skandinavier. Der Unterschied ist: die Skandinavier haben unterwegs ihr angestammtes Volkstum vertoren, die Juden haben es behalten. Hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zwischen dem jüdischen und den anderen Volkstümern. Die letzteren sind „fungibel'' (um einen mathematischen Terminus zu gebrauchen), jedes ist durch ein anderes ersetzbar, das jüdische nicht; sie sind fungibel, obwohl sie blutige Kriege untereinander führen und bisweilen „ewiger" Haß unter ihnen herrscht. Die Nordfranzosen, deren Gebiet Von den deutschen Armeen so arg zugerichtet \vurde, sind dem Blute nach ebenso Germanen wie die Polen, die jetzt racheschnaubend den Deutschen all die Demütigungen heimzahlen wollen, die sie seit den Teilungen ihres Reiches erduldet Der vielgenannte General Haller, der die polnischen Ententetruppen querdurch Deutschland führte, heißt H a 11 e r von Hallen bürg und ist Ankömmling einer deutschen Großgrundbesitzerfamilie, die vor 80 oder 90 Jahren aus Westösterreich nach Gaiizien eingewandert ist; er spricht das Polnische noch heute 'mit deutschem Akzent. Der Generalkonsul der tschecho-slowakischen Republik in Berlin heißt Körner, der der polnischen Rose, der der ukrainischen Porsch, sie entstammen also lauter 'deutschen Familien, und doch sind alle von Ihnen repräsentierten Staaten anglo-französisch'orientiert, die beiden ersteren ausgesprochen deutschfeindlich. Seit einem halben Jahre tobt in Ostgalizien ein mörderischer Krieg zwischen Polen und Ruthenen, und doch sind die meisten Ruthenen in diesem Lande ruthenisierte Polen, meist erst seit zwei oder drei Generationen. Das geistige Oberhaupt der ruthenischen (ukrainischen) 'Nationalbewegung, der Metropolit von