Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 165 - 166 (sequence 3)
- Language
- German
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165 Die Judenfrage im künftigen Europa. 166 neue Polen anhebt. Von der Mündung der Donau bis zu der der Weichsel wird jetzt an die Juden offen oder unter der Blume die Frage gerichtet: „Was habt ihr hier zu suchen? Ist das euer Land? Warum packt ihr nicht eure Siebensachen und zieht nicht schleunigst nach eurem Judenstaat?" Viele werden dieser Aufforderung Folge leisten wollen, aber nur eine geringe Minderheit wird imstande sein, es zu tun. Wohin wird der Rest, nämlicli die erdrückende Mehrheit, sich wenden? Hier stehen wir vor dem Kern des Problems. DIE WANDERUNGEN DER JUDEN. Ueber dieses Thema ist in der neuesten Zeit viel geschrieben worden, leider weniger vom wirtschaftlich-statistischen als vom geschichtsphilosophischen Standpunkt. Man hat versucht, das Wandern als besonderes Schicksal der Juden, als Hauptinhalt und vornehmste Triebkraft der jüdischen Geschichte, sogar als eine „Mission des jüdischen Volkes" oder auch als Mittel zur „endgültigen Lösung der Judenfrage" hinzustellen. Kurzum, man hat die Wanderungen der Juden als eine Art mystisches Prinzip betrachtet, geheimnisvoll in seinen Motiven wie in seinen Zielen. In Wirklichkeit sind die Wanderungen der Juden an Ausdehnung und Massenhaftigkeit eher noch geringer Als der andern Völker und Rassen, und ihre Ursachen und Ziele sind genau dieselben wie die der anderen: nämlich die Nahrungssuche, das Bedürfnis nach Lebensmöglichkeiten und Lebensraum. Wenn die Wanderungen der Juden eine andere Färbung haben, wenn sie von den ältesten Zeilen bis auf die Gegenwart ununterbrochen fortzudauern scheinen, so rührt das von der Eigenart des jüdischen Volkstums her, welches sich von allen anderen Volkstümern in seinen konstitutiven Elementen und seinem Wesensinhalt grundsätzlich unterscheidet. Die Ursachen, welche große Massen zur Auswanderungzwingen, können Naturvorgänge sein, wie Herabminderung der Bodenfruchtbarkeit infolge tellurischer oder klimatischer Prozesse, Absterben der Wälder, Versiegen der Flüsse; oder politische, wie Bezwingung durch einen mächtigen Eroberer, der den Boden wegnimmt und die Ureinwohner teils zu Hörigen macht, teils verjagt; oder wirtschaftliche, wie Entdeckung neuer Weltstraßen, die den Handelsverkehr von seinen bisherigen Wegen ablenken; oder schließlich Uebervölkerung, die die Massen zwingt, mit militärischer Gewalt oder auf friedlichem Wege neue Siedlungen zu suchen. Bei den Juden kam zu -all diesen Ursachen später noch eine hinzu, die anderen Völkern gegenüber nur äußerst selten in Wirksamkeit trat: die religiöse Verfolgung. Freilich hatte auch diese in den weitaus meisten Fällen einen wirtschaftlichen Grundkern und war an sich nur der ideologische Vor wand zur Austreibung; allein, wie dies in der Natur des Menschen liegt, der Vorwand verschärfte nicht nur die Wirkung des Hauptgrundes, sondern gewann selbständiges Leben, wirkte zeitlich und räumlich ansteckend, auch als der wirtschaftliche Hauptgrund verschwand. Der religiöse Gegensatz, in dem sich die Juden seit jeher zu ihrer Umwelt befanden, bewirkte auch, daß die Wanderungen des jüdischen Volkes seit den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart in geschichtlicher Kontinuierlichkeit sichtbar sind, die bei anderen Völkern verschwindet. Seitdem die Germanen aus ihrer nordischen Heimat aufbrachen, um das römische Reich zu bedrohen, über die Völkerwanderung hinweg bis tief ins Mittelalter hinein überfluteten sie die südlichen Länder, drangen über die iberische und die apenninische Halbinsel bis nach Nordafrika vor und über die Krim (wo noch im 15. Jahrhundert Spuren des Gotentums nachweisbar waren) bis nach Kleinasien. Aber da sie die herrschende Religion der neuen Heimat annahmen, so amalgamierten oder assimilierten sie sich rasch mit der einheimischen Bevölkerung, sie bildeten eine Lebensgemeinschaft mit ihr, hatten Sprache, Sitte und Kultur mit ihr gemeinsam, sie gingen bald in ihr auf. Nur das forschende Auge des Anthropologen vermag in den Gesichtszügen oder im Schädelbau mancher heutigen Romanen und Berbern die Merkmale der germanischen Rasse zu erkennen. Vom Volkstum ist jede Spur verschwunden. Wo die eindringenden Germanen numerisch und kulturell (denn beides gehört dazu) höher standen als die einheimische Bevölkerung, saugten sie diese in sich auf und verwandelten sie in Germanen. (Die ganze östliche Hälfte des heutigen Deutschlands war vor tausend Jahren noch völlig slawisch.) Andererseits ergossen sich seit der Mitte des 13. Jahrhunderts nach der Schlacht bei Liegnitz Ströme deutscher Einwanderer nach Polen, wohin sie von den Fürsten gerufen wurden, um das durch die Mongolen verheerte Land wieder aufzubauen und zu bevölkern, indem sie Städte gründeten, Ackerbau, Handwerk und Gewerbe wieder aufrichteten. Dieser Einwandererstrom wurde in den nächsten Jahrhunderten nicht unterbrochen. Die größeren Städte Polens waren noch im 17. Jahrhundert zum großen Teil deutsch. Auch die Einwanderung der Juden aus Deutschland fing in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an. Aber die Deutschen, die von der polnischen Ureinwohnerschaft durch keinen Religionsimterschied getrennt waren, verschmolzen nach und nach mit dieser Äund polemisierten sich vollständig, so daß mit Tier Zeit auch die Erinnerung an ihr ehemaliges Deutschtum verschwand. Die Juden dagegen behielten sogar ihre aus Deutschland