Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 2)
- Language
- German
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163 Die Judenfrage im künftigen Europa. 164 nalitäten neben- und untereinander leben werden, von denen jede das Selbstbesthnmungsrecht in Anspruch nimmt, ohne daß man recht weiß, was damit anzufangen wäre. Schließlich will jede Nation selbst bestimmen, zu wem das Territorium und der „Personalbestand" der andern gehören solle. In allen neugebildeten Staaten tobt jetzt schon ein bellum omnium contra omnes, welches in den nächsten Zeiten nur noch zunehmen 'wird. Was aber die Juden anbetrifft, die in den Gebieten aller dieser Nationalitäten leben, so glaubt jede von ihnen sich berechtigt, selber zu bestimmen, daß sie voi allem nicht zu der anderen gehören dürfen. Alle machen einander die Juden streitig — im negativen Sinne; jede spricht zur andern: du darfst auf meine Juden keinen Anspruch erheben; was ich mit ihnen anfangen will, ist einzig und allein meine Sache. Schließlich werden sich alle darauf einigen, daß der Jude als Fremder der gemeinsame Feind sei, den man gemeinsam zum Lande hinausboykottieren müsse. Die Aktion hat ja in einzelnen der iieugebildeten Staaten bereits mit voller Macht eingesetzt. Dazu kommt, daß die Juden jetzt überall in die politischen Parteikämpfe in einem viel höheren Maße als vordem hineingezogen sind. Gleich wie alle Nationalitäten, so erheben alle Parteien Anspruch auf sie; sie aber können nur mit wenigen Hand in Hand gehen, und auch von diesen wenigen werden sie, wenn sie ihren Dienst getan, nur zu häufig im Stiche gelassen oder gar heimlich bekämpft. Allein nicht nur in den politischen Partei-, sondern auch in den sozialen Klassenkämpfen erscheinen die Juden als solche in einem bisher nie dagewesenen Grade verwickelt. Diese Kämpfe aber verschärfen und verbittern sich immer mehr und drohen, in der nächsten Zeit äußerst heftige Formen annehmen zu wollen, namentlich in Mitteleuropa, also in den Gebietern, wo das Gros des jüdischen Volkes lebt. Haben die Schlagworte von der Sozialisierung der Privatbetriebe die Arbeiterklasse hypnotisiert, so hat das Schlagwort von der Nationalisierung des Bodens den unersättlichen Landhunger der Bauernschaft angestachelt, besonders in jenen Ländern, wo die Agrarfrage schon vor dem Kriege akut war, also in Polen, der Ukraine und Rumänien, die nahezu vier Fünftel aller Juden Europas beherbergen. Daß auch in diesen sozialen Kämpfen der Jude schließlich der Prügelknabe aller streitenden Parteien werden wird, unterliegt keinem Zweifel. Da aber die Erfahrung lehrt, daß die Verschlechterung der Lage der Juden in dem einen Lande unabweislich eine Verschlechterung in den andern, auch ferneren Ländern nach sich zieht, wenigstens hier die antisemitische Stimmung steigert und verschärft, so muß man damit rechnen, daß die nächsten Jahre eine Aufrollung der Judenfrage sehen werden, von deren Ausmaß und Schärfe man bisher sich nicht träumen ließ. Von allen allgemeinen Fragen, wie die Bauern-, die Arbeiter- und die Frauenfrage, unterscheidet sich die Judenfrage radikal dadurch, daß dort die Bauern, Arbeiter, Frauen die Fragenden, Fordernden, während hier die Juden die Gefragten sind. Bauern, Arbeiter und Frauen fragen mit einem Worte: „Warum sollen wir schlimmer daran sein, als die andern?" Und sie fordern für sich den gleichen Anteil an den Lebensgiitern und Lebensrechten, deren sich die anderen erfreuen. Bei den Juden verhält sich's umgekehrt. Sie sind es, an die die Frage ergeht: „Was für ein Recht habt ihr, unter uns zu leben und zu atmen"? Wir sind die Alleinbesitzer des Landes, aller Länder der Welt und beherbergen euch, solange es uns beliebt." Diese Frage stellten schon die Kaiser von Byzanz an die Juden in deren ureigenstem Heimatlande Palästina und beantworteten selber ihre Frage mit Ausrottung und Austreibung. Auf gleiche Weise wurde die Judenfrage bis ins 18. Jahrhundert beantwortet. Nur einmal waren die Juden die Fragestell enden, und ihre Wortführer waren Mendelssohn, Lessing und Dohm, nach ihnen Montesquieu, Abbe Gregoire u. a. „Warum sollen die Juden unter allen anderen Menschenkindern entrechtet sein?" Lange währte die Diskussion, und die Frage wurde mit der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden beantwortet, die im Zeitalter der französischen Revolution am frühesten den Juden in jenen Ländern gewährt wurde, die sich ihrer vor Jahrhunderten durch Ausrottung und Austreibung entledigt hatten und nunmehr kaum eine Handvoll beherbergten. Wo die Juden in größeren Massen lebten, wie in Mitteleuropa, mußten sie bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Gleichberechtigung warten, und diese machte bis zur Gegenwart Halt an der Schwelle der Reiche, in denen der größte Teil der Juden sich seit vielen Generationen angestaut hatte. Die günstige Beantwortung der Judenfrage kam also nur einem kleinen Teil der Judenheit zunutze. Es war, wie gesagt, ganz überflüssig, daß die Juden eine Antwort auf die Judenfrage gaben, denn die Fragesteller nahmen selber die Lösung in die Hand. Die Juden wehrten sich so gut sie konnten gegen die Ausrottung und gaben den Austreibungen nach, indem sie zum Wanderstab griffen. Wenn sich diesmal die Judenfrage wieder drohend erheben wird, so wird sie auch räumlich größere Dimensionen annehmen. Rumänien, welches bisher nur eine Viertelmillion Juden knechten durfte, wird ihrer fortab mehr als 800 000 haben, und die Grenzen des ehemaligen Zarenreichs scheinen sich weit gen West hineingeschoben' zu haben, bis dorthin, wo jetzt das