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Ost und West · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1919) · p. Seite 113 - 114

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
Article
Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden
Date
1919-05-01
Page
Seite 113 - 114 (sequence 5)
Language
German
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113 Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden. 114 liehen Mittelalters geübt hat. Aber die lateinischen Uebersetzungen, aus denen die Scholastiker schöpften, sind aus den hebräischen Uebersetzungen, nicht aus dem arabischen Original geflossen. Und was die arabische Philosophie anbetrifft, so haben ihre Meister von den Ergebnissen der jüdischen Denkarbeit, wohl aus religiösem Vorurteil, keine nähere Kenntnis zu nehmen geruht, obwohl Maimu.ni unter ihnen besonders als Arzt sehr geachtet war. Während das hebräisch übersetzte Buch des arabisch-jüdischen Philosophen innerhalb des Christentums und des Judentums ungewöhnlich befruchtend wirkte, gewaltige Gedanken ströme weckte, blieb -die arabische Urschrift für das Arabertum steril. Die Blütezeit der arabischen Kultur war bald vorüber. Für dieses hochbegabte und energische Volk blieb die Uhr der Weltgeschichte stehen. Noch heute lehrt' man in den arabischen Hochschulen Philosophie nach den Handbüchern und nach den Methoden des 12. Jahrhunderts. Der ganzen arabisch - jüdischen Literatur in. ihren besten Erzeugnissen hat also die „tote" hebräische Sprache das Leben gerettet. Die aramäische, griechische, arabische,, nachher die lateinische, italienische und spanische Weltsprache sind hintereinander von ihrem Weltherrscherthron hinabgestiegen, die hebräische Sprache allein blieb in ihrer kleinen Welt immerwährende Herrscherin, wie sie stets gewesen. Dank ihrer religiösen Bedeutsamkeit wurde sie für alle Juden der Welt die universelle Literatursprache. Weil die Juden ■überzeugt waren, daß die ältesten und heiligsten "Urkunden ihrer Religion sich nur in der hebräischen Sprache allein unverfälscht erhalten haben nnd nur aus. ihr in voller Reinheit geschöpft werden können, wurde diese Sprache ihnen das Haupt - Instrument allen geistigen Lebens. Sie entwickelte sich und wuchs, ihr Wortschatz wurde reicher tiaid mannigfacher, der Umfang ihrer Begriffsveit erweiterte sich unendlich. Aber ihr Gepräge und ihr inneres Gefüge blieb das "gleiche, wie da sie noch im Munde ihres Volkes als gesprochene Sprache lebte. Jesajas oder Jeremias würden Gabirul und Jehuda Halewi, ebenso wie unsere heutigen Dichter, -ohne jede Schwierigkeit verstehen, und die Thannaiten würden üher einen der guten metaphysischen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, B. Mose Cordovero, oder über einen, hebräischen Schriftsteller der Gegenwart, wie Lilienblum oder Achad Haam, wohl die Köpfe schütteln, würden, sich aber sprachlich ohne weiteres mit ihm verständigen. Und wenn einmal; ein unbefangenes Zeitalter erwägen wird, was' die Juden, seit etwa 150 Jahren aus der hebräischen. Sprache für ein wundervolles Kulturinstrument gemacht haben, wird es dies als eine staunenswürdige Leistung einschätzen müssen, auf die der jüdische Stamm stolz sein darf. Einige scheinbar nebensächliche bibliographische Tatsachen, die aber kulturhistorisch äußerst merkwürdig sind, mögen, die Lebenskraft und den Herrschbereich der hebräischen Sprache bis auf den heutigen Tag kennzeichnen. „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" von Leopold Zunz , die 1832 erschienen, gelten als das Hauptwerk der modernen. Wissenschaft des Judentums. Das Buch hat bahnbrechend und richtungweisend gewirkt, konnte erweitert und in vielen Punkten überholt, aber nicht verdrängt werden; es ist noch immer (und wird wohl stets bleiben) ein unentbehrlicher Begleiter jedes Forschers auf dem so ausgedehnten Feld der über zweitausendjährigen jüdischen Literatur- und Geistesgeschichte. Der Gegenstand ist anziehend und interessant, Form und Stil sind anmutig und reizvoll. Man darf es getrost sagen: Zunz gehört zu den besten Darstellern historischer Stoffe in deutscher Sprache. Aber die zweite Auflage erlebte das Werk erst sechzig Jahre nachher, als der Verfasser schon am Rande (des Grabes stand, und wohl der größte Teil von ihr ruht noch heute in den Magazinen der Buchhändler. Eben dieser Zunz gab das -Werk seines 1840 verstorbenen Freundes Nachman Kroch mal „Moreh Nebuche ha zeman" heraus, das in einem zwar gediegenen, aber durchaus nicht leicht lesbaren Hehräisch die Hauptprobleme der jüdischen Geschichtsphilosophic behandelt, einen Gegenstand, der nur Rheine kleine Gemeinde Interesse hat und das breitere Publikum der Gebildeten keineswegs beschäftigt. Gleichwohl hat das Buch bis zu den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vier Auflagen in, Tausenden von Exemplaren erlebt und ist eins der meistgekannten Werke in der jüdischen Welt geworden. Als der Roman „Ahabath Zijon" ron Abraham Mapu erschien, wurde Abraham Geiger von seinem Herzensfreund und Mitstreiter Josua H. Schor in Brody auf diese entzückende Blüte der neuhebräischen Literatur aufmerksam gemacht. Geiger, der einseitig historisch und philologisch interessiert und überdies von seiner bilderstürmerischea Deidenschaf t beherrscht war, hatte keinen Sinn für kräftig pulsierendes Gegenwartsleben. Er äußerte sich daher recht geringschätzig über den Roman und über die ganzen: Bestrebungen, das abgestorbene Hebräisch (welches er selber übrigens meisterhaft handhabte) für die Jetztzeit „neu zu beleben". Nun. Mapus' herrliches Meisterwerk hat buchstäblich vielen Hunderttausenden von Lesern eine Welt köstlicher Poesie erschlossen, hat das Verständnis für die Schönheit und die Größe des biblischen Zeitalters in zwei oder drei Generationen ge-

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