Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
- Article
- Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 111 - 112 (sequence 4)
- Language
- German
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111 Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden. 112 schlichen sich die tieferen Geister heimlich zu ihm. In einem geringeren und milderen Grade war' die Wirkung des Kusari eine ähnliche. Das Herz krampft sich förmlich zusammen, wenn man sich ausmalt, was aus dem Geistesleben der Juden geworden wäre, wenn der „Moreh" sich nur in den paar zerfetzten und vergilbten arabischen Originalhandschriften erhalten hätte, die Salomon Münk in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts entdeckt, und nach deoen er die Uischrift des Buches wiederhergestellt und herausgegeben hat, die Urschrift, von den Nachkommen derer, für die sie ursprünglich verfaßt und deren Obhut sie anvertraut war, seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr verstanden und gewürdigt, Dieselbe Bedeutung wie der Moreli (und der Kusari) hat auf anderem Gebiete, nämlich dem der Verinnerlichung und Läuterung des religiösen Lebens, Bachjas Buch von den Herzenspflichten erlangt. Nur wenige Bücher haben eine so tiefgehende Wirkung auf alle Schichten des jüdischen Volkes geübt. Es ist rührend, in den Bekenntnissen schlichter Arbeitsmenschen, Kaufleute und Handwerker zu lesen, wie viel sie diesem lieben alten Buch verdanken. Auch dieses wäre verschollen und verges-sen, wenn es nicht einen hebräischen Uebcrsetzer gefunden hätte. Allein nicht alle großen Bücher der arabischjüdischen Epoche waren so glücklich. Manche wurden wohl übertragen, fanden aber leeine Verbreitung, vielleicht wegen ihres viel zu exklusiven Themas oder weil die Uebersetzung ungeeignet war, wie r. B. das Wurzelwörterbuch des J-onah ibn Gannach. Ein besonders tragisches Schicksal lrittc der Quell des Lebens" (Mekor Chajjini.) des genialen Dichters Salomon ibn Gabirul. Das in diesem Buch niedergelegte Gedankensystem, das uns heute wie ein Vorläufer von Schopenhauers „Welt als WilLe und Vorstellung" anmutet, wich von allen landläufigen jüdischen Philosophien ab, schien sogar in einem gewissen Sinne dem Judentum zu widersprechen. Man hielt es nicht für „jüdisdh" genug, um es ins Hebräische zu übersetzen. Dieses Buch aus der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts war seit dem Erlöschen, der antiken Philosophie das erste auf abendländischem Boden (Malaga), welches philosophische Probleme rein philosophisch, selbständig und originell, ganz untheologisch behandelte. Etwa 100 Jalnre später wurde es ins Lateinische übersetzt und übte auf die ganze christliche Philosophie einen tiefgehenden Einfluß. Man hielt den Verfasser für einen Araber, und Ibn Gabirul irrte unter allerlei verunstalteten Namen: Aviccbron. Avencchrul, wie ein heimatloses Gespenst durch das ganze Mittelalter herum, und keiner ahnte in ihm den Dichter des herrlichen Liedes von der Köhigskrone, welches wir an den Kol-Nidre-Abenden in den Synagogen singen. Erst Salomon Münk zog den ivon Falaquera um die Mitte des 13. Jahrhunderts angefertigten hebräischen Auszug' aus dem Werke ans Licht und stellte die Identität wieder her. En einem ergreifenden Briefe bedauert Maimuni am Ende seiner Tage, daß er sein philosophisches Hauptwerk nicht hebräisch geschrieben habe. Wir müssen das noch tiefer bedauern als er. Die heilvolle Wirkungdes Werkes wäre eine ungleich intensivere gewesen. Verhehlen wir es uns doch nicht: die beiden hebräischen Uebersetz ungen des Moreh sind mangelhaft und schwerfällig (dasselbe gilt übrigens vom Kusari). Wir werden dessen so recht Lnne, wenn wie die französische Uebersetzung von Salomon Münk lesen oder die paar Kapitel, die Mendel Levin nach der Thibbonscheu Version in den fließenden, biegsamen, modernisierten Stil der Mischnah übertragen hat. Die Schwerfälligkeit der Uebersetzung hat dem Verständnis und der Verbreitung des Buches unendlich viel Abbruch getan, hat eine Menge Kommentare tuidi Superkomnientare nötiggemacht, die den Text vielfach nur noch verdunkelt haben. Maimuni selber dagegen WAr ein hebräischer Stilist allerersten Ranges. Em „Mischneh Thorah" ist seine Sprache trotz mancher Arabismen klar, knapp lund klangvoll, unerschöpflich reich, fließt daher wie ein mächtiger, durchsichtiger und tiefer Bergstrom. Es ist die gebieterische Sprache des Gesetzgebers, bezwingend und hoheitsvoll, klingt >\üe die kurzen Kommando - worte eines Feldherrn, wie die Hiebe eines Schwertes gegen einen ehernen Schild. Bald klingt sie (z. B. in Hilchoth Theschubah oder in Hilchoth Zedakah) weich, tröstend und labend wie die Rede eines Propheten oder wie Mahnworte eines weisen und gütigen Vaters. Seine Kommentatoren polemisieren, diskutieren raiit ihm, widerlegen oder erweitern ihn, zu erklären brauchen sie ihn nicht, er hat keine Dunkelhaften. Jeder Satz ist bei ihm wie in Marmor geaneißelt, jeder Begriff bis in die feinsten Nuancen herausgearbeitet. Welch eine Bereicherung hätte die hebräische Sprache an Stilformen, an Wortschatz und wissenschaftlicher Terminologie erfahren, wenn er den Moreh hebräisch abgefaßt hätte! Wahrlich, dieser große 'Wohltäter und Nährvater des jüdischen Volkes hat eben an diesem Volke ein großes Unrecht begangen, indem er seiner Sprache einen so kostbaren. Schatz vorenthalten hat. Glaubt man etwa, Maimuni habe seinen Ideen, indem er sie in das Gewand einer "Weltsprache kleidete, die Wirkung ins Weite gesichert? Weit gefehlt. Wir wissen, velch starken Einfluß der Moreh auf die Philosophie des christ-