Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
- Article
- Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 115 - 116 (sequence 6)
- Language
- German
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115 Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden, 116 weckt,-', hat die Sehnsucht - nach .einem natürlichen Leben in schöpferischer Arbeit undfrischer Urproduktion angefacht, es. hat den Sinn für Schönheit mächtig angeregt, den Geschmack geadelt, kurz, es ist einer der mächtigsten .Faktoren in der kulturellen Entwicklung von Millionen Juden geworden, und gehört noch heute, mehr als siebzig Jahre nach seinem Erscheinen, zu den Lieblingsbüchcni der jüdischen Jugend. Abraham Geigers ,,Urschrift und Uebersetzungeji der Bibel" war das Ergebnis der zwanzigjährigen Ai'beit einer erstaunlichen Gelehrsamkeit und eines bewundernswürdigen Scharfsinns. Es fand sogleich nach seinem Erscheinen leidenschaftliche Bestreiter und Verfechter. Es sollte, nach der Absicht des-Verfassers in der Wissenschaft und sogar im religiösen Leben umwälzend wirken. In der Tat haben manche seiner gewagt scheinenden Hypothesen; durch neuere Genisahfunde eine überraschende Bestätigung gefunden. Dabei ist es glänzend geschrieben, aber seine Wirkung auf die Welt blieb gleich Null. Es im acht einen jämmerlichen Eindruck in Geigers Briefen zu lesen, wie er beglückt an seine Freunde schreibt, irgendein Professor der Theologie habe ein Kolleg: angekündigt mit ausdrücklicher .Bezugnahme auf sein Werk. Die.-„Welt", die es revolutionieren sollte, nahm keine. Notiz davon. Die Exemplare vermoderten in den Buchläden. Die einzigen Werke von Abraham Geiger, die einen weiten,.-interessierten Leserkreis gefunden, sind seine hebräischen Schriften, die Poznanski zum 100. Geburtstag des Verfassers mit lehrreichen Anmerkungen versehen, neu herausgegeben hat. Als Isaak H. Weiß achtzig- Jahre alt wurde, bedauerte ein Berliner jüdisches Wochenblatt in einem Jubiläumsartikel, daß das Hauptwerk des ausgezeichneten Forschers in hebräischer- Sprache geschrieben ist, wodurch "es der gebildeten Welt unzugänglich bleibe. Das Blatt wußte nicht, daß das fünfbändige, verhältnismäßig, sehr kostbare Buch bereits damals die fünfte S t e r e o t y p a u f - läge erlebt, hatte, also in vielen Zehntausenden von Exemplaren abgesetzt worden war. und somit hunderttausende Leser gefunden, hatte. Dieses Buch hat gewirkt und fährt fort zu wirken. Es hat; Gene- Tationen zum kritischen Denken undzur aufgeklärten Betrachtung der Geschichte erzogen. Und doch empfiehlt es sich wahrlich nicht durch die äußeren Reize des Stils und der Form. Güdematins dreibändige „Geschichteder Kultur und des Erziehungswesens der Juden im Mittelalter" ist eine Meisterleistung an gründlicher Gelehrsamkeit, hoher allseitiger Bildung-und an Klarheit und Schönheit der Darstellung. Es gibt nicht viele Bücher, die jeder Gebildete mit mehr Nutzen und Genuß lesen wird als dieses Buch. Der Verfasser stand bei allen Kreisen der Gesellschaft in hohem Ansehen, nahm ungefähr den Rang eines jüdischen Erzbischofs von Wien ein. Seine „Diözesanen" kauften auch aus . Respekt vor. ihm das Buch und stellten es nnaufgeschnitten und fein gebunden in den Schrank. Güdemann war als Kanzelredner bei allen Wiener Juden berühmt. Der Ruhm seines-Buches dagegen drang nicht über die Schwelle der paar Buchhandlungen, in denen die aufgestapelten Exemplare vermoderten, bis sie endlich auf den Rollwagen als Makulatur feilgeboten wurden. Ein breites Publikum von wißbegierigen, fleißigen, verständnisvollen und dankbaren Lesern fand es erst, als es in den neunziger Jahren, mit Anmerkungen und Verbesserungen des -Verfassersversehen, von Friedberg ins Hebräische übersetzt wurde. Das sind Tatsachen, die zu denken geben. Wenn in;m so manches wertvolle jüdische Buch in. deutscher oder englischer Sprache liest, welches; nur von einem Kreis beschränkter Fachmänner gewürdigt und von einem halben Dutzend deutscher Professoren;iusgeschrieben wird, fragt man sich unwillkürlich,. ob nicht eine künftige Generation es ausgraben _und ins Hebräische wird übersetzen müssen, um es dem Publikum, dem es gehört, zugänglich zu machen ...