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Ost und West · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1919) · p. Seite 109 - 110

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
Article
Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden
Date
1919-05-01
Page
Seite 109 - 110 (sequence 3)
Language
German
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109 Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden. 110 des nichtjüdischen Volkes, und von der Oberschicht waren sie in religiöser Beziehunggeschieden. Der allgemeine Kulturstrom nahm daher, wenn er in ihr Medium eindrapg, eine besondere Färbung an. Sie arbeiteten an der allgemeinen Kultur mit, sehr häufig in den ersten Reihen, aber sie brachten ihren, besonderen Ton herein, bildeten eine eigene Insel im großein Meere. Im Gebiete der arabischen Kultur kamen die Juden zuerst in innigere Berührung mit der Wissenschaft und der Philosophie, und dieser Umstand sowie das karäische Schisma im Innern bildete den Anstoß zum Herausarbeiten eines spezifisch jüdischen philosophischen. Systems von Gedanken, über die Fragen von Welt und Gott. Es erblühte die arabisch-jüdische Literatur und Wissenschaft, fast gleichzeitig mit dieser die hebräische Poesie. Die Juden in. den arabischen und angrenzenden Staaten waren die kulturell höchststehenden, ihre Muttersprache, das Arabische, war die Weltkulturspra'che. Die führenden Denker und Forscher unter den Juden schrieben also ihre philosophischen und wissenschaftlichen Werke meist arabisch, während sie ihre spezifisch religionsgesetzlichen Bücher und Entscheidungen überwiegend in hebräischer Sprache abfaßten. Dadas Arabische als We]tsprache, etwa wie heutzutage das Deutsche, auch außerhalb seines Volkskreiscs von den Intellektuellen verstanden und gepflegt wurde, so waren die arabisch schreibenden jüdischen Denker überzeugt, daß sie zu allen Juden der Welt, auch der kommenden. Generationen, sprachen. Dabei hatten sie den Vorzug, auch jene Kreise der Gebildeten zu gewinnen, die des Hebräischen nicht hinreichend mächtig waren. Man denke z. B. an jenen Juden, der in einem Brief an Maimuni klagte, daß er dessen Kodex ,,Misc.hneh Thora" aus mangelhafter Kenntnis des Hebräischen nicht mit vollem Verständnis lesen konnte und bat, der Verfasser möchte sein Werk ins Arabische übersetzen, lassen. — Es ist ein Glück für die kulturelle Entwicklung der Juden, daß das Hebräische auch außerhalb des spezifisch religionsgesetzlichen Bezirks einen hohen Aufschwung genommen. hatte und die besten Erzeugnisse der arabisch-jüdischen Literatur in diese Sprache übersetzt wurden. Denn nur dadurch sind sie dem gaaizen jüdischen Volke zugänglich gemacht imd der Nachwelt gerettet worden. Es dauerte nämlich nur noch eine, mit dem Maßstabe jüdischer Geschichte gemessen, kürze Spanne Zeit, und die arabische Sprache fing an1, die Stufen ihres hohen. Throns hinabzusteigen; sie horte auf, Weltsprache zu sein, der Kreis derer, nie sie außerhalb ihres engeren Bereiches pflegten und verstanden, schrumpfte immer mehr zusammen, aber auch unter den Arabern sank das Kulturniveau immer tiefer. Der wachsende Fanatismus und die Engherzigkeit, stete Begleiter des Verfalls, bewirkten, daß die jüdisch-arabischen Kulturzentren immer mehr erloschen, andere bil: deten sich weiter im Norden. Die arabischen Juden traten; ihre Rolle als führendes Element in der Judenheit an die anderen ab, und auch ihre Muttersprache verlor allmählich die ehemalige Bedeutung für die nichtarabischen Juden, sie sank in die Dunkelheit zurück. Nun male man sich aus', was aus den Juden aller Länder der nachfolgenden Jahrhunderte geworden wäre, wenn solche Bücher wie der „Morcli Nebuchim" des Maimuni, der „Kusari" des JeliudaHalewi oder die „Herzenspflichten." desBachja ibn Pakuda nicht ins Hebräische übersetzt worden wären. Mit seinem „Moreh" hatte Maimuni ein Licht angezündet, welches förmlich bis auf den heutigen Tag leuchtet. Obgleich das1 Fundament positiver wissenschaftlicher Weltanschauung, auf dem das Werk sich aufbaut, kaum noch zu einem geringen Teil aufrecht steht, so sind die tiefen philosophischen Ideen, die Methode und der Geist, von dem das Buch beseelt ist, noch heute lebendig- und wirksam, etwa wie dies von den Werken Plato£ gilt, ja in einem noch weiteren Sinne, denn dieser wenden sich am Ende nur an eine Elite von ausschließlich philosophisch Interessierten, während der ..Moreh" allen suchenden Seelen, die nach einer Klärung des Lebensinhaltes, nach einer Synthese zwischen Erkenntnis und Gewissen ringen, stärkende Geistesnahrung bietet. Kein erlauchter Geist ist' unter den Juden bis auf den heutigen Tag erstanden — man denke z. B. an Hermann. Cohen —, der ihm nicht mächtige, bisweilen entscheidende Anregungen verdankte. Aber er ist der gesamten geistigen Oberschicht des ganzen jüdischen Volkes in der Zerstreuung ein Führer gewesen durch die dunkelsten Ze-iten bis auf die Gegenwart. Er hat uns davor bewahrt, in dem Nebel der Kabbalah zu ersticken und in dem Hochofen des rabbinisch'en Legalismus zu verdorren. Es ist Unsinn, zu behaupten, Maimuni habe unter uns den einseitigen Rationalismus begründet. Was er, allerdings nicht erst begründet —- das hatten nämlich schon Samuel bar Chopni und Saadja Gaon getan —, sondern mit eiserner Faust fest verankert hat, das war der Zusammenhang' zwischen Judentum und Weltkultur, und dieser Zusammenhang wurde nicht mehr ganz gelöst, auch aLs die harten Schicksale uns mit einer chinesischen Mauer von dem Geistesleben Europas abschlössen. Ein Jahrhundert lang nach seinem Ableben tobte der Kampf gegen ihn, aber selbst die, welche ihn Verketzerten, konnten sich seinem Einfluß nicht entziehen. Und selbst unter den Chassidim der neueren Zeit, die ihm als gefährlichen Verführer zur klaren Vernunft in weitem Bogen auswichen,

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