Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
- Article
- Die kulturelle Bedeutung der hebräischen Sprache für die Juden
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 107 - 108 (sequence 2)
- Language
- German
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107 Die kulturelle Bedeutung der hebräischeai Sprache für die Juden. 108 oder von Formen, die eine griechische Phantasie geschaut hat. Darum wird die Kultürmcnschheit stets' darauf bedacht sein müssen, daß in. den Kreisen der Höchstgebildetcn das Griechische intensiv gepflegt und der u n m i 1t e 1 bare Kontakt mit seiner Geisteswelt nie verloren gehe. Auf das Lateinische könnte die europäische Kultur viel eher verzichten, denn dieses war immer nur der Schleppträger und der Dienstbote des Griechischen. Das Beste, was das Lateinische bietet, ist ein Abglanz des Griechischen, und es kann durch Uebersetzungen dem Kulturbewußtsein nicht schlechter übermittelt werden als durch das' Original. Aus dem griechischen Born muß unmittelbar geschöpft werden. Niemand wird die hohe Schönheit des Lateinischen und seine Anpassungsfähigkeit in Abrede stellen. Allein andere, viel weniger verbreitete Sprachen besitzen diese Eigenschaften in einem noch höheren Grade. Der ausgezeichnete eng'.ische Sprachforscher W h i. t n e y versichert1), das Tamil, ein südindischer Dialekt, der zur dravidtschen Gruppe gehört, ,,sei viel schöner und viel geeigneter zum Sprechen und zum Denken als jede europäische Sprache.(Die ganze dravidische Gruppe, zu der auch das Tclugu, das Kanaresische und das Malabarische gehört , wird von etwa 30 bis 40 Millionen Asiaten gesprochen/, Seit Ausgang des Mittelalters haben sich vornehmlich das Italienische, das Französische und das Spanische in der Weltherrschaft abgelöst. Am Anfang des 16. Jahrhunderts galt den Italienern das Französische als ein rauher, ungeschlachter romanischer Dialekt und die Franzosen als Barbaren. Noch am Ende des 18. Jahrhunderts aber konnte jeder Franzose, der in Europa reiste, glauben, er befände sich in Frankreich. Alle Kultur der höheren Schichten, vom Kriegswesen bis zur Kochkunst, war in französische Formen gekleidet. Zu Shakespeares Zeiten sprachen etwa fünf Millionen Menschen Englisch. Bacon sagte, es lohnte sich überhaupt nicht, über -wissenschaftliche Dinge englisch zu schreiben, da man so wenige Leser fände. Heutzutage bildet das Englische die Muttersprache von etwa 125 Millionen Menschen, und es herrscht in einem Bereich von ungefähr 500 Millionen aller Rassen und Zonen. Das Französische wich überall langsam, aber notwendig vor dem Englischen zurück. In der anderen Hälfte des 18. Jahrhunderts trat das Deutsche seinen Siegeszug als Weltsprache an, einzig und allein dank den unvergleichlichen Leistungen seiner Denker, Dichter und Forscher. Kant, Goethe, Schiller, Herne, Humboldt und nicht die Männer des Schwertes sind es gewesen, die der deutschen Sprache neue Welten eroberten. l) „Life and growth of Language", S. 2-14. Der hebräischen Sprache ist eine eigenartige Weltherrschaft in Raum und Zeit beschieden gewesen — eigenartig und sonderbar wie das Schicksal des jüdischen Volkes. Während ihre Herrschaft im eigenen Bereich an Umfang und Intensität verlor (jedoch ohne jemals ganz aufzuhören), schritt sie über ihre ethnischen Grenzen hinaus und eroberte sich unter fremden Völkern ein, Reich von Anhängern; es war ein kleines, enges Reich, die Anhänger waren wenig zahlreich, aber sie gehörten zur Elite der damaligen Kulturschicht. Von. der Zeit der Kirchenväter, welche Kommentare zu den biblischen Büchern schrieben und zu den Juden gingen, um den rechten. Sinn dunkler Verse und Worte zu erforschen, hat das Studium des Hebräischen unter den christlichen Völkern nie aufgehört, wenigstens als wichtiges Postulat, unter den Lenkern der Kirche zu figurieren. Mit dem Aufblühen der Wissenschaften am Ausgang des Mittelalters nahm das Studium des Hebräischen einen neuen Aufschwung, wandte sich im nächsten Zeitalter auch dem nachbiblischen Schrifttum zu. Es dürfte wohl ohne Beispiel in. der Geschichte dastehen, daß man mit heiligem Eifer die Sprache eines Volkes studierte, dessen zerstreuten TJeberresten mau mit allen Mitteln das Lebenslicht auszublasen bestrebt war. Und merkwürdigerweise hat in der neueren. Zeit trotz der scheinbaren Abnahme des religiösen Interesses das Studium des Hebräischen im Wissenschaftsbetrieb der europäisch-amerikanischen Völker eine so große Bedeutung gewonnen, daß es — mit Ausnahme etwa der slawischen Länder — keine größere Universität gibt, die nicht mindestens zwei Lehrstühle für diese Sprache hätte. Aber während die hebräische Sprache von den christlichen Völkern ausschließlich wegen ihrer religiösen Bedeutsamkeit gepflegt wurde und ihr Interesse an. ihr sich damit erschöpfte, gewann sie etwa seit dem neunten Jahrhundert für die Juden eine hohe allgemeine kulturelle Bedeutitng. Die „heilige" Sprache, die von alters her nmr die religiösen und ihnen eng verwandten Urkunden enthielt, wurde zur Vermittlerin der außerreligiösen, ,.profanen" Geistesprodukte. Naturwissenschaften, vornehmlich Astronomie, Mathematik und Medizin, wurden von den Juden immer eifriger gepflegt, und die Forscher legten ihre Erkenntnisse in hebräischen Schriften nieder, die vielfach sogar ins Lateinische übertragen wurden. Unter den Völkern des ganzen Kulturkreises zerstreut, ohne politische Selbständigkeit und ohne zusammenhängendes Wirtschaftsgebiet, waren die Juden auch kulturelL jeweils mit ihrer Umgebung eng verflochten. Aber sie standen geistig, und sozial im Durchschnitt höher als die große Masse