Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1919) · p. Seite 101 - 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-03-01
Page
Seite 101 - 102 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584087-2584089-2607650--17431-2607698
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

101 Mein erster Fasttag. 102 mit Wirtschaftsarbeiten 'beschäftigt waren, sahen sich an und Lächelten unmerklich. „Na, Reb Chajkel," sagte meine Mutter, „wie bekommt Euch das Fasten? Ein schwerer Tag heute. Gott sei Dank, er ist wenigstens kühl." Reb ChajkeL hielt das Gesicht abgewandt, er schaute Frauen nicht an, und hielt es auch für sündhaft, sich mit ihnen in lange Gespräche einzulassen. Meine Großmutter bemerkte: „Reb Chajkel kann sich das Fasten leicht machen, er braucht nur den heiligen Sohar aufzuschlagen, dann vergißt er gleich die ganze Weh ringsum." „Heute darf man den heiligen Sohar nicht lernen", erwiderte Reb Chajkel in belehrendem Jon und setzte seinen Spaziergang fort. ,,Ich habe ein wenig Herznagen, aber das macht nichts. Man muß sich peinigen, das Bethammikdasch12) ist heute verbrannt worden, die heilige Schechhtah ist seither in der Verbannung. Man muß trauern." „Aber, wenn Ihr ein Schnäpschen zu Euch nehmen wolltet,, hättet Ihr mehr Kraft zum Trauern", sagte meine Mutter. „Gott soll behüten I" schrie Reb Chajkel. ,,tch bin von schwacher Gesundheit, aber jetzt, gleich vor Mittag, einen Schnaps. . . „Und ein Stück Eierkuchen dazu," fuhr meine Mutter unbarmherzig fort, „das gäbe Euch Kraft, bis zum Abend zu fasten und zu trauern, Thr könntet auch ein paar Käsekräpfchen, oder eine Eierspeise genießen, oder meinetwegen zwei Buttersemmeln und einen Teller Rahm dazu. Das ist ja alles kein eigentliches Essen, nur ein Inibiß. Ein Mann von schwacher Gesundheit, wie Ihr". . . „Ei nein, hört auf!" rief Reb Chajkel und schmatzte ungeduldig. „Es ist schon Sünde, daran zu denken." „Wenn Ihr dann mit frischer Kraft anfangt zu trauern, wegen der Schecliinah, die in der Verbannung ist, wird das der Schecliinah sehr tröstlich sein." „Hm," seufzte Reb Chajkel, „aber ich ha.be heute noch nicht Thephillin gelegt". . . „Ah, das nah ich ganz vergessen. Jedenfalls würde euch eine Tasse Kaffee mit Sahne gut schmecken. Aber was nützt bloßer Kaffee ohne Pfannkuchen dazu? So gut wie gar nichts." „Eine Tasse Kaffee?. . . Hm, ja, der heilige Zaddik von Sadagora trinkt auch ein Täßclien Kaffee am neunten Ab zu Mittag, er ist leidend, und er muß sich die Gesundheit erhalten, denn er tut immerdar Fürbitte bei Gott für das ganze Volk Israel". . . „Dann dürftet Ihr wohl ohne Bedenken zwei Täßchen Kaffee trinken, solchen duftenden Kaffee, mit dicker, goldgelber Haut". . . Reb Chajkel ging immer aufgeregter hin und her und fuhr immer heftiger in seinem weiten Kaftan herum. „Na, wenn Ihr ihn auf keinen Fall jetzt trinken wollt, bekommt Ihr ihn abends, dazu ein großes Stück Butterkuchen, knusprig und mürbe, Ihr wißt ja sehr wohl, wie das schmeckt." „Ich habe ein starkes Herznagen. . . aber man muß sich peinigen, die Schechinah ist in der Verbannung". . . Er seufzte schwer. ..Ein Stück Rinderbraten mit Apfelkompott schmeckt auch nicht schlecht", fing meine Mutter l2) Der Tempel von Jerusalem. wieder an. „Aber das bekommt Ihr erst morgen, abend. Heute muß man seinen Leib peinigen. Die Schechinah ist in der Verbannung." „Du redest Kindereien", sagte meine Großmutter. „Für Reb Chajkel ist das gar keine Peinigung, wie für uns gewöhnliche Leute. Wenn er sich die Pfeife anzündet und an den Himmel denkt, vergißt er alle gemeinen Bedürfnisse des Leibes." „Gewiß, gewiß", brummte Reb Chajkel und tat einen tiefen Zug aus der Pfeife. „Ich habe ein starkes Herznagen. . . der Zaddik von Sadagora trinkt Kaffee am neunten Ab um die Mittagszeit. . . aber man muß sich peinigen. . . die Schechinah . . . hm . . . Ich habe nämlich ein starkes Hexznagen". . . „Wenn Ihr trotzdem nicht einmal eine Tasse Kaffee trinken wollt, werde ich Euch natürlich nicht dazu bereden", sagte meine Mutter. „Arn Abend wird es Euch um so besser schmecken."" * * * Als die Sonne sich ihrem Höhepunkt näherte und es sehr heiß wurde, rief uns unser Lehrer zusammen und sagte: „Na, Kinder, jetzt gehen wir auf den heiligen Ort." Das sollte ein schöner Spaziergang werden, eine gute VLertelmeile weit, durch die Felder bergauf, über gewundene Wege und Stege. Dort lag auf einem Hochplateau ein kleiner jüdischer Friedhof; von dichten alten Bäumen beschattet, ragten etwa hundert halbverwittcrte Grabsteine mit schwer Iesbaren Inschriften in schönen altfränkischen Zügen. Eine halbverfallene niedrige Mauer umgab den „heiligen Ort", und rings zog sich ein Graben hin, angefüllt mit Schlingpflanzen und Unkraut. Ueber eine kleine morsche Brücke gelangte man ins Innere. Der Friedhof war seit Jahren geschlossen, nur im Monat Ellul gingen die erwachsenen Männer dorthin, um die üblichen Totengebete zu verrichten; die Frauen zogen Fäden rings um die Grabstätten und flochten sie dann m die großen dicken. Wachskerzen für den Tom Kippur. Aber am neunten Ab pilgerten alle, die abkommen konnten, dorthin; man nahm sogar die Knaben mit. „Darf ich auch mitkommen?" fragte meine achtjährige Schwester, die in Begleitung ihres mächtigen Lieblingshundes Lemko herbeisprang. Sie führte die Herrschaft über den gesamten Hühnerhof und alles Kleinvieh im Haushalt und entfaltete einen komischen Ernst, der ihr den Namen ^,Großniütterchen" eintrug. Sie hatte unter den Tieren ihre besonderen Lieblinge: eine große prachtvolle gelbe Henne mit dunkelbraunen, glänzenden Flecken auf dem Gefieder, die sie seit Monaten vor dem blinkenden Schlachtmesser des Schochet schützte. Seit zwei Jahren hing ihr kleines Herz mit unwandelbarer Treue an dem Hund Lemko, der sie wie ehre unumschränkte Herrin des Hauses verehrte und ihr allein unbedingt gehorchte. „Du kannst mitkommen, Großmütterchen," antwortete Rabbi Akiba, „den Lemko mußt du daheim lassen. Ein Hund »darf nicht auf den Friedhof kommen, wenn es auch ein so frommer Hund ist -wie der deinige.'c Er faßte das Kind! bei der Hand und wir brachen auf. Aber Lemko wollte nicht von Großmütteichens Seite weichen. „Du mußt zu Hause bleiben, hörst du, dummer Kerl!" redete sie ihm gütlich zu. „Ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.