Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Mein erster Fasttag
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 2)
- Language
- German
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Mein erster Fasttag. 100 drängten. Aber es war nicht mehr gutzumachen Wie verwünschte ich meine Naschhaftigkeit! Sollte ich ihr uiesmal wieder zum Opfer fallen?. . . Die rosigen und die grünen. Süßigkeiten schimmerten unter dem Glas, ich glaubte, ihren Duft und ihren Geschmack leibhaftig zu spüren. . . Schon hielt ich die Hand auf dem Knopf des Glassturzes ... ein Griff... Da kam mir 'der Neder in den Sinn. . . Das Bar-Mizwah-Jähr mit dem Bruch eines Neder zu beginnen. . . Neinl. . . Ich schlich mich rasch aus 'der Kammer, nicht ohne einen sehnsüchtigen Abschiedsblick nach den Schüsseln zu werfen. * . Unser Lehrer, Rabbi Akiba, rief uns jetzt zusammen. Wir setzten uns zur Erde auf die ausgebreiteten Matten, rings im Halbkreise um ihn herum, und es wurde die Geschichte von Kamza und Bar-Kamza11) vorgetragen. Unser Lehrer besaß gediegene chronologische Kenntnisse und hatte einen ziemlich guten. Ueb erblick über die weltgeschichtlichen Vorgänge, soweit sie sich aus der rabbinischen Literatur erwerben ließen. An der Hand der schlichten, naiven und innigen Schilderung der Zerstörung Jerusalems durch Titus, der Festung Tur Malka und Bethars belehrte er uns, wie kleine Ereignisse große, verhängnisvolle Wirkungen nach sich ziehen, wie bedeutungslose, unbedachtsame Handlungen, des einzelnen, wenn sie sich summieren, über ganze Reiche und Völker die furchtbarsten Schicksalsschläge heraufbeschwören. Er hatte nie etwas von HegeL gehört, und die Lehre von dem sich immer mehr bewußt werdenden absoluten Geist wäre ihm zweifellos als eine grobe heidnische Vcrirrung erschienen. Doch auch für ihn war der Gang der Weltgeschichte nichts anderes, als die Entfaltung des Geistes, aber des bewußten, transzendenten, der sich der Völker und Staaten als seiner Werkzeuge bediente, um das Menschengeschlecht zu dem höchsten. Ziele emporzuführen, dessen letzte Form und Inhalt den Sterblichen verborgen blieb, von. dem er aber einen Schimmer die Menschen schauen ließ, durch die seinen Propheten, geoff cnbarten Visionen: die höchste Erkenntnis und die Verwirklichung der vollen Gerechtigkeit in der Welt. Er würzte seinen Vortrag durch allerhand Erzählungen und Parabeln aus der Aggada und Zitaten aus dem Moreh Ncbuchim des Maimuni und dem Kusari des R. Jahuda Halewi, sogar den Sohar verschmähte er nicht, obwohl er uns jedesmal davor warnte, dieses Buch zu lesen, bevor wir die Vollreife des Verstandes erlangt und uns gesättigt haben an dem Studium der Thorah. .Der Sohar enthielt nämlich, wie er versicherte, viele dunkle Stellen, sogar Fälschungen späterer Ketzer, Heuchler und Spötter, darum richtete er in unreifen Geistern Verwirrung und Unheil an. Er munterte uns zu Einwürfen und Fragen auf und beantwortete sie mit aufklärenden Exkursionen, Parabeln und Vergleichen. Auf meine Frage, warum Gott so viele Leiden und Zerstörungen zuließ, antwortete er mit einem Zitat aus der Aggadda: alle großen Dinge können in der Welt nur gewonnen werden durch Leiden; die Leiden dienen dazu, die edlen Kräfte des Menschen aufzustacheln und aus der Verborgenheit hervorzulocken, sie zu prüfen, und zu ») Gittin 56 ff. läutern, damit sie wachsen und sieghaft werden, fähig, das Böse in der Welt zu überwinden; sie würden einrosten, wenn es im Leben nur ein Gelingen und Gedeihen gäbe. Wenn das Schicksal den Menschen verschont, müsse er freiwillig das Leiden auf sich nehmen, wenigstens in abgeschwächter und gemilderter Form, zum Beispiel durch Fasten, soweit es die Kraft nicht schädigt. Denn wenn das Leiden die Kraft zerstört und vernichtet, so wird es selber zu einem Teil des Bösen. Alle großen Kriegshelden., von Nebukadnezzar und San.cherib bis Napoleon I., waren für ihn nur Geißelruten in der Hand Gottes, Werkzeuge zur Bestrafung der Bösen und Beseitigung ihrer Werke; aber Gott läßt seinen Werkzeugen die volle Freiheit des Handelns; sobald sie sich überheben und in Hochmut und Grausamkeit anfangen, edle Kräfte zu vernichten und Werke Gottes zu zerstören, werden sie am Ende selber zerstört und vernichtet. Natürlich konnten wir Knaben diese ganze Geschichtsphilosophie nur teilweise erfassen, aber sie regte in uns eine Fülle von Gedanken an. Das Leiden, das wir übrigens nur vom Hörensagen kannten, erschien uns als etwas Begehrenswertes, und alles, was wir aus Erzählungen und Schilderungen davon wußten, verlor das Schreckhafte und Beängstigende. Die Welt gewann für uns ein freundliches Antlitz; was sich dahinter an Bösem und Schmerzlichem verbergen mochte, oh, das würden wir schon bewältigen, und überwinden. Wir würden schon gewahr werden, was wir konnten. Etwas Kindlich-Heroisches regte sich in uns. Eine heitere Zuversicht erfüllte uns. Mir dämmerte es auf, daß eine Aehnlichkeit zwischen der Völkcrwclt und der Stern.en.welt bestand. Gleich wie mein Lehrer mir die Welt der Sterne, in derer so heimisch war, als ein von der höchsten.Vernunft planvoll regiertes Reich zeigte, dessen letzter Zweck uns ewig verhüllt bleibt, so erschien mir die Welt der Völker als ein Gewimmel von Sternen, in dem die unerforschliche Weisheit eine müdem forschenden Auge erkennbare Ordnung walten ließ. 'Sonnen gingen auf, wandelten ihre Bahnen, von. Planeten begleitet, und erloschen, und andere tauchten aus der Dunkelheit empor. Alles aber war von einem geheimnisvollen Leben durchleuchtet und ruhte in einer allmächtigen, ewigen Hand, die es fest und gütig zu verborgenen, erhabenen Zielen lenkte. Das Leben hat uns seither die verschiedensten Wege geführt und manchen von uns weit von den Anschauungen dieses, bei aller Enge seiner Welt so weisen und gütigen. Meisters abgelenkt, aber ein Hauch seines Geistes blieb in unseren Seelen haften, wie ein unverlierbarer Duft, und bildete den unzerstörbaren Kern unserer Lebensstimmung . . . So verfloß uns der ganze Vormittag, indem wir den Worten unseres Lehrers zuhörten. Unterdessen lag Reb Chajkel im anstoßenden Zimmer und schnarchte friedlich. Er hielt sein. Vormittagsschläfchen und sammelte Kräfte, um sich den ganzen langen Tag ungehindert der tiefen Trauer hingeben zu können. Gegen Mittag kam Reb Chajkel in das große Wirtschaftszimmer, das an die Küche grenzte. Einige Male ging er in seinen schlürfenden Pantoffeln hin und her, die Pfeife mit dem langen Rohr in der Hand. Mutter und Großmütter, die