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Ost und West · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1919) · p. Seite 103 - 104

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-03-01
Page
Seite 103 - 104 (sequence 4)
Language
German
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103 Mein erster Fasttag. 104 komme bald "wieder, dann kannst du mit mir spielen." Lemko hatte seine langen weiten Ohrwatscheln heruntergelassen und tat, als ob er kein Wort verstünde. „Jag' ihn doch davon", sagte jemand aus der Gesellschaft und hob den Stock. „Nicht schlagen 1" schrie Großmütterchen und schlang ihre Arme schützend um den stolzen gebogenen Nacken ihres Freundes, der seine Herrin an Größe überragte. „Lemko, lieber, süßer Lemko, geh doch nur hinein, sonst darf ich doch nicht mit. Sie wollen mich ja nicht mitnehmen, wenn du dabei bist", bat Großmütterchen, fast dem Weinen nahe. Lemko hob seinen feinen, schmalen Kopf, betrachtete uns alle der Reihe nach mit seinen klugen braunen. Augen, dann schüttelte er etwas ungeduldig sein prachtvolles hellbraunes Fell und schmiegte sich nur fester an seine Gebieterin. Er dachte offenbar nicht daran, daheim zubleiben. „Bring' mal das Siddur heraus", riet unser Lehrer. Lemko war nämlich, obgleich unser Hausgenosse und Großmütterchens erklärter Liebling, immerhin seiner Rasse und Abstammung nach ein unreines Tier. In seiner Gegenwart durfte eine heilige Handlung, zum Beispiel ein Gebet, nicht verrichtet werden. Da er aber das Recht beanspruchte, überall mit dabei zu sein, sich mit den Kindern auf dem Boden herumwälzte, und Lei Tische zu Großmütterchens Füßen lag, so hatten wir ihn derart abgerichtet, daß er sich jedesmal, wenn seine Anwesenheit nicht erwünscht war, von selber entfernte, ohne daß wir nötig hatten, unhöflich gegen ihn zu sein. Sobald wir nach der Mahlzeit das Tischgebet spreclien wollten, schlugen wir das Siddur auf und zeigten es ihm von der Ferne. Sogleich erhob er sich, nahm den Schweif zwischen die Beine und schritt stolz erhobenen Hauptes zur Tür hinaus, als wollte er sagen: „Ich wünsche Sie nicht länger aufzuhalten, meine Herrschaften." Auch jet2t wurde das Siddur herausgebracht, aufgeschlagen und hochgehalten. Lemko schien anfangs erstaunt und schnupperte in der Luft umher. Was fiel diesen Leuten ein, da draußen unter Gottes freiem Himmel, mitten am hellichten Tag mit diesem Zauberding herumzufuchteln und ihn wegschicken zu wollen? Eine Weile überlegte er, dann sagte er sich: ich bin. der Klügere — und gab nach. Er leckte seiner Gebieterin die Hand, hob den Schweif in die Hohe und wandte sich gemessenen Schrittes dem Haustor zu. Unterwegs, wich ihm Reb Chajkel in weitem Bogen aus. „Beinahe hättet Ihr mich zu Hause vergessen'', jammerte er. „Aber, aber . . . habt Ihr Knoblauch mitgenommen? Was nützt die ganze Sache ohne Knoblauch 1 Man muß doch den Toten Knoblauch zuwerfen. Großmütterchen, lauf nur hinein und laß dir ein paar Häuptchen geben." „Nicht nötig", sagte unser Lehrer, und wir brachen auf. „Aber, Rabbi Akiba, wie kann man am neunten Ab ohne Knoblauch, auf den heiligen Ort gehen? Das ist ja ein heiliger Minhag, unsere Vorfahren übten ihn seit ewigen Zeiten." „Wozu sollten die Toten im Grabe Knoblauch brauchen, noch dazu am neunten Ab, da ja sogar die Lebenden nicht einmal ein Gläschen Schnaps trinken dürfen?" erwiderte unser Lehrer gelassen, und um seine Lippen spielte ein malitiöses Lächeln, wie immer, wenn sich zwischen ihm und Reb Chajkel derartige Diskussionen entspannen. „Wie dürfen wir uns unterfangen, zu fragen, wozu das nötig ist? Das ist ja die pure Ketzerei. Gewiß steckt ein tiefer, heiliger Söd dahinter. Der heilige Zaddik von Olesko sagte, daß der Knoblauch schon vom König David inden Psalmen angedeutet wurde. Es heifit: Bringet Gott das Lob seines Namens: Schern6 — das Wort besteht aus den Buchstaben Schin, Mem, Waw; das sind dieselben Buchstaben, aus denen das hebräische Wort für Knoblauch, Schum, sich zusammensetzt. Est das nicht deutlich genug?'r Ein donnerndes Gelächter antwortete auf diesen Vortrag. Reb Chajkel hatte uns im Namen seiner diversen Zaddikim oft mit schönen exegetißchen Proben erfreut, aber diese war die schönste. „Zu Zeiten des Königs David war ja der jrempel noch gar nicht zerstört, und man brauchte nicht am neunten Ab nach dem heiligen Ort zu gehen", sagte ich. „Du bist ein naseweiser Junge", erwiderte Reb Chajkel entrüstet. „Konnte König David nicht durch den Heiligen Geist vorausschauen^ daß der Tempel zerstört werden wird, und alles andere? In dem Knoblauch steckt ein großer Sod, auf den Zaddik von Olesko könnt ihr euch verlassen." „Der Sod ist nämlich der," bemerkte unser Lehrer ruhig, „daß in den alten, vor mehreren] hundert Jahren gedruckten Kinothbüchern der Vermerk zu lesen war, man solle am neunten Ab auf den Friedhof gehen, um die Gräber zu besuchen, und dabei auch die ,Kneblechc mitnehmen; in der Sprache, die unsere Vorfahren damals in Deutschland redeten, bedeutete das die kleinen Schuljungen, die man ja sonst beim Friedhofsbesuch nicht mitnimmt. Mit der Zeit änderte sich die Sprache. Das Wort wurde vergessen, aber die Drucker druckten es gedankenlos nach, und nun deuteten es die Unwissenden auf ,Knebelech\ worunter Knoblauchzähne verstanden werden." „Wenn man mit solchen Deuteleien anfängt," wehrte sich Reb Chajkel verzweifelt, „kommt man am Ende dahin, die ganze Thora und alle Mizwoth abzuschaffen. Die Lomdim machen es immer so mit ihrem Scharfsinn und ihrer Gelehrsamkeit. Wie viele sind schon dahin gelangt, sich die Schläfenlocken abzuscheren und sogar sich deutsch zu kleiden! Nicht umsonst sagen unsere heiligen Zaddikim, man müsse sich vor zu viel Gelehrsamkeit m acht nehmen, nicht klügeln, sondern alles nur tun, wie unsere Väter getan haben. Aber über Euch, Rabbi Akiba, wundere ich mich nicht. Ihr unterweist ja den Knaben" — damit war ich gemeint — „sogar jin diesen Dingen von den Sternen, wie sie sich drehen, und noch derlei Sachen. Das wird ein schlimmes Ende nehmen, sag' ich Euch. Es kann ihn, Gott behüte, noch tief in die Hölle verführen. Paßt nur auf, daß er sich nicht noch zu guter Letzt den Bart schert und ein Doktor wird." Sich den Bart zu scheren und ein Doktor zu werden, war für Reb Chajkel der Gipfel der Verderbnis.

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