Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Moderne soziale Probleme
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 3)
- Language
- German
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95 Moderne soziale Probleme. 96 Männern nicht jenes persönliche Verhältnis des einzelnen, zu Gott: Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott — wie es besonders im Zentrum unserer Kirchenlieder steht. Das kann wieder als ein Mangel angesehen werden, aber es hat seine Wurzeln doch eben in der schon geschilderten Glaubenskraft. Diese ganz einseitige Einstellung auf das rein persönliche, private Verhältnis der Seele zu Gott, wo es nur darauf ankommt, daß man seine eigene Seele rette und alles andere dabei getrost gehen lassen kann, wie es mag, ist dem Alten Testament deshalb unbekannt, weil es immer auf das Ganze geht, auf Gottes Sieg im Ganzen hofft, an Gottes Verheißungen für das Ganze festhält und die persönlichen Schicksale von da aus betrachtet . . . Der Glaube an die ursprüngliche Güte der Schöpfung schließt alles andere ein: daß die ganze abgefallene Schöpfung doch wieder Gottes werden soll * . . Wir (Christen) glauben, daß der harte Kampf ums Dasein das ewige Gesetz sei — wenigstens bis ans Ende aller Tage. Aber das geht uns vorläufig noch nichts an. Das Alte Testament glaubt, daß diese Schöpfung der Herrlichkeit Gottes voll werden kann. Wir (Christen) richten unser Hauptbestreben darauf hin, daß unsere Seele still werde und in Einklang mit Gott komme. Das Alte Testament dagegen nimmt den einzelnen immer als ein unauflöslich mit dem Ganzen, zunächst mit dem ganzen Volk verbünd nes Glied." Die Richtung auf das Wohl des Ganzen, ist das Wesentliche, der entscheidende Zug der Gesetzgebung, die den Namen Mosis trägt. „Diese Gesetze »enthalten so viel Erstaunliches, daß •wir auch heute alle Ursache haben, über ihren Kern nachzudenken. Es offenbart sich in ihnen eine Menschlichkeit, die zwar in ihren einzelnen Ausprägungen vergänglich, aber mit ihrem ganzen Geiste noch heute vorbildlich ist . . . Durch das ganze Gesetz geht die göttliche Feststellung: du Mensch bist nicht für dich selbst da, nicht auf die Welt gestellt, um dich selbst zu behaupten gegenüber den anderen, sei es im Kampfe oder auf unblutige Weise, du bist gebunden, zu achten die Rechte, die Gott auch den andern gegeben hat. Das ist der Geist einer im Tiefsten, in, Gott und seinen großen Absichten verankerten Menschlichkeit, die hinter der mosaischen Gesetzgebimg steht, eine Offenbarung Gottes an die Menschen, die weit über politische Klugheit hinausgeht, welch letztere auch in den anderen Gesetzgebungen jener Zeit sich finden mögen . . . Sie bedeutet den Anfang ein er wahren Menschlichkeit für das Leben eines ganzen Volkes, das erste belle Aufleuchten einer neuen Orientierung des Gemeinschaftslebens. „Die Erde ist Gottes, und alles, was darinnen ist", das ist das Bekenntnis des Alten Testamentes. „Daraus folgt die selbstverständliche Grundwahrheit, die durch die mannigfachsten Verästelungen des Gesetzes ihren deutlichsten Ausdruck bekommt: du darfst nicht machen mit der Erde, was dir gerade einfällt. Du darfst an ihren Gütern als ein Teil des Ganzen Anteil haben, es wird dir vielleicht auch Land zum speziellen Lehen gegeben, aber davon kann keine Rede sein, daß du es beliebig absperren darfst, dir zum ausschließlichen Privatbesitz, so daß du davon beliebig profitieren kannst, während vielleicht andere darben. Nein! Die Erde ist Gottes, und das heißt, sie muß allen Menschen mit ihren Früchten dienen, wenn sie auch dem einzelnen zugeteilt ist..."- „Es kündigt sich darin eine neue Welt an, wo der Mensch wieder im Mittelpunkt der Schöpfung steht und sie im Bunde mit Gott wieder so bebaut, daß sie ihre Feindlichkeit verliert und die Quellen des Lebens wieder in ungeahntem Reichtum fließen für die nicht mehr meisterlosc, durch Privatwillkür zerspaltene, sondern in Gott geeinte Menschheit, deren Glieder ihre Einzelinteressen immer wieder freudig dem Ganzen unterordnen ..." Und derselbe Glaube, „daß Gott geltejn muß auf dieser Erd e", daß ihm die Ehre gegeben werden, muß auf dieser Erde in allen ihren Verhältnissen, hat einen noch klareren Ausdruck im Leben und in den Reden der Propheten erhalten . . . „Denn sie können sich nicht über alle Ungerechtigkeiten mit dem Hinblick auf ein besseres Jenseits trösten. Gottes Gerechtigkeit und Herrlichkeit muß sich offenbaren in diesem Erdenleben, sie wissen es nicht anders. Wenn dies nicht geschieht, dann ist alle Religion falsch. Eine Religion, die ein Ersatz wäre für die alle Menschenverhältnisse durchdringende, gestaltende und erneuernde Gerechtigkeit Gottes, anerkennen sie nicht — sie ist Götzendienst, nicht Dienst Gottes." „Das Alte Testament zeigt uns etwas Großes, was uns das Neue in dieser Art nicht zeigt: die Anfänge göttlichen Lebens in einem ganzen Volk mit seinem irdischen und geistigen Leben, während das Neue Testament in seinen sittlichen Anweisungen immer nur die Taktik einer kleinen Herde berücksichtigt." „Nirgends werden so große Anforderungen aai Gott von Seiten der Menschen gestellt wie im Alten Testament, und nirgends -so große von Gott an die Menschen." „Auch die Rachegebete in den Psalmen sind von da aus zu verstehen. Ihre Verfasser, glauben an den Sieg der Gerechtigkeit in dieser Welt. Man vergleiche damit die moderne christliche Theologie, die darauf so sehr verzichtet hat, daß sie . von einer Eigengesetzlichkeit dieser Welt fackelt, die Gewalttätigkeit rechtfertigt und im Kriege sich so sehr mit den Mächten dieser Welt verbündet, daß sie zu Rachegedanken kommt, die tief unter den alttestamentlichcn liegen, auf die sie früher so herabschaute. Die Bitte der Psalmisten um Bestrafung, ja Untergang der Uebeltäter und Mordgesellen ist immer noch mindestens so edel wie das „Gott strafe England" und der bejubelte Unterseebootkrieg. Jene erhofften wenigstens doch etwas Großes von Gott, di ese n'.ur von der Macht der Waffen. Es liegt ^diesen dringenden Gebeten. in den Psalmen weniger der persönliche Durst nach Rache zugrunde, als vielmehr die Sorge um die Ehre Gottes. Die Befriedigung, die -wir haben, wentn ein frevelhaftes System zusammenbricht, braucht nichts mit Rachegefühlen zu tun zu haben, wie sehr sie auch in Gefahr ist, in solche überzugehen. Ueber solch heißes Ringen um den Sieg 'der Gerechtigkeit in dieser Welt abzusprechen, ist billig für ein Geschlecht, das nicht mehr an den Sieg und den Segen des Guten, an das Aufbauende der Gerechtigkeit und den schließlichen Zusammenbruch der Ungerechtigkeit glaubt, sondern meint, daß man. eben mit Wahrheit und Gerechtigkeit im öffentlichen Leben nicht aus-