Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Moderne soziale Probleme
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 93 - 94 (sequence 2)
- Language
- German
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Moderne soziale Probleme. 94 ältere QueLlen und Muster zurückzuführen, Nun besaßen die beiden größten und einflußreichsten Nachbarvölker des alten Israel, Aegypter und Assyrer, einen sehr derben, weit ausgebildeten, massiven, handfesten Jenseitsglauben. Es erhob sich also für jeden Unbefangenen die Frage: warum sollen die alten Israeliten ihren mächtigen Nachbarn alles abgelauscht haben, Schöpfungssagen, Gesetze, Einrichtungen, Kultusinstitutionen, nur den Jenseitsglauben nicht? Hier klaffte ein Widerspruch, aber die Gelehrten übersahen ihn, wollten ihn einfach nicht-bemerken. Es blieb dabei: das Alte Testament ist obsolet, seine Lehre ist überwunden, mit dem Auftauchen des Neuen Testaments ist eine „neue Offenbarung" in die Welt gekommen, die alte hat alle Bedeutung und Kraft verloren, hat höchstens nur noch als ehemalige niedere Vorstufe der neuen ein historisches Interesse. Die an dem Alten Testament festhalten, irren als überflüssige, zwecklose Menschen in der Welt umher, die keine Aufgabe mehr zu erfüllen ihaben, deren Zeit längst abgelaufen ist; sie klammern sich an einen Schatten, lauschen dem Widerhall einer längst verklungenen Sprache . . . Oft schon regte sich in der christlichen. Welt selber eine lebhafte Opposition gegen diese breit ausgebaute und immer mehr befestigte Theorie. Meist kam sie von rechts her, tastend und vorsichtig, getragen von den Rechtgläubigen und Konservativen, die von. der Unterminierun g des Alten Testaments' einen Zusammensturz des neuen und mit ilim des ganzen. Christentums befürchteten. In neuester Zeit jedoch sind der , Judenhibel" Verteidiger erstanden auf einer Seite, von der mali es nicht hätte erwarten sollen. In der Schweiz hat sich vor einigen Jahren ■ein Kreis von evangelischen Theologen gebildet, die sich „teligiÖs-sozialistische Pastoren" bezeichnen. Zum Unterschied von dem, was man in Deutschland „praktisches Christentum" nennt und das auf erhöhte Wohltätigkeit und Armenfürsorgc hinausläuft, sind die „Religiösen Sozialisten" bestrebt, eine Reform der Gesetzgebung und der sozialen Verhältnisse herbeizuführen, die das reale Leben der Einzelmenschen und der Völker im Sinne der Gerechtigkeit auf Erden umgestaltet. Der Weltkrieg mit all seinen Greueln, hat diese Männer in ihren Vorsätzen nur bekräftigt. Es ist nun höchst, lehrreich, zu sehen, wie diese religiös-sozialistischen Pastoren eine förmliche Rückkehr zum Alten Testament predigen. Das sind nicht etwa Mucker und Rückschrittler, Finsterlinge, die veralteten Anschauungen huldigen und überlebte Zustände wieder heraufbeschwören möchten, sondern Männer von höchster moderner Bildung; ihre Ansichten werden sogar als revolutionär verschrien, obgleich sie von. dem landläufigen Sozialismus und Kommunismus weit entfernt sind. In öffentlichen Versammlungen und Vorträgen haben diese Männer vor der Welt ihre Ideen vertreten, die in einer Reihe von Schriften eingehend 'begründet worden sind. Eine dieser Schriften: „Vom Glauben des Alten Testaments", von Max -Gerber, Pfarrer in Feldis, Graubünden1), hat für •uns Juden ein besonderes Interesse, weil sie ungewollt euie der besten Apologien unserer Bibel •und deren Lehre bietet. „Die Bibel fängt an mit einem Lob der Schöp- Bern 1917. — Bei G. A. Bäschlin. fung und nicht mit der Feststellung unserer eigenen Sündhaftigkeit", konstatiert der Verfasser. „Das Alte Testament, dieses Buch des . alten Bundes Gottes mit den Menschen, fängt an mit. einer Behauptung, die auch heute noch ein Wagnis ist: Die Schöpfung ist gut... Dieses Bekenntnis bildet den Anfang. Der Mann, der das schrieb, wußte wohl, was Sommer und Winter, Frost und Hitze, Teuerung und Seuchen, Bruderzwist und Kampf der Stämme miteinander bedeute. Und dennoch: Die Erde ist gut . . . Dieser Schöpfungsjubel geht durch das ganze Alte Testament hindurch . . . Psalmen und Propheten sind voller Bewunderung, diejenigen, die das Heil in den Vordergrund stellen, und diejenigen, die vorerst Unheil bis zur Vernichtung "des Gottesvolkes verkünden. Auch das Buch, in dem Gott am schwersten angeklagt wird, das Buch Hiob. ist voll davon." Aber nun erhebt sich die Frage: wie ist in diese so herrliche und vollkommene Schöpfung der Kampf ums Dasein gekommen, all die Mühsal und die Schrecknisse, auf die wir jeden Augenblick stoßen, die uns hemmen? Darauf gibt die Bibel die Antwort: Die Uebel kommen nicht von Gott, sondern vom Abfall des Menschen von ihm. Nach dem Sündenfall erstwurde die Erde dem Menschen hart und feindlich. Aber auch nachdem Gott die Menschen aus dem Paradiese verstößt, wird er sie nicht verlassen, wenn sie sich wieder ihm zuwenden. „In dieser Erkenntnis geht die Heilsgeschichte vorwärts. -Immer wieder ein Bündnis versprechen, die dargebotene Hand Gottes zu den Menschen, sei es auch nur in der Envählung eines Mannes, einer Familie als Bewahrer der Verheißungen, wie wenn Gott Sehnsucht hätte nach einem solchen Bun.de mit den Mensche n." „Die Schöpfung ist gut, wenn sie der Mensch nicht verpfuscht. Das ist der Glaube des Alten Testaments." Aber diese einzelnen, diese Familien, die Gott auserwählt hat, sollten nur der Anfang, die Vorbereitung sein zu einem erneuerten, .alle .Menschen umfassenden Bunde. Schon dem Abraham gilt die Verheißung, daß in ihm sollten gesegnet werden alle Völker auf Erden. So will denn Gott zunächst e i n Volk haben auf Erden. Es ist Moses, der das Volk Israel dazu gemacht hat, indem er es herausgeführt hat aus der Knechtschaft der ägyptischen Despotie, in die Wüste hinaus. Er machte es erst zu einem Volk, indem er es band unter ein gemeinsames Gesetz, eine gewältige Offenbarung des Willens Gottes an die Menschen . . . Mag der größte Teil der Gesetze, die den Namen Mosis tragen, ihre Niederschrift und Festlegung -in späterer Zeit empfangen haben, darin hat die religiöse Ueberlieferung recht, daß der ganze Geist des Gesetzes von ihm stammen mußte, daß nur durch eine soziale Offenbarung gewaltigster Art, wie sie in den Grundlinien des Gesetzes vorliegt, eine solche beispiellose geschichtliche Tat ermöglicht wurde." Was ist nun das Wesen, dieses Gesetzes? „Es ist der Bund Gottes mit dem Menschen auf dieser Erde. 'Mit diesem Glauben an einen Sinn und ein Ziel dieser Erde als Ganzes — daß sie Gottes Herrlichkeit voll werde — hängt aufs tiefste und innigste ein anderes zusammen, was uns auffällt, wenn wir von unserer (christlichen) Frömmigkeit her an das Alte Testament treten. Es kennt in seinen großen Zeiten und