Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Moderne soziale Probleme
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 97 - 98 (sequence 4)
- Language
- German
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97 Mein erster Fasttag. 98 komme." „Dieser mächtige Glaübe des Alten Testaments bleibt selbstverständlich nicht an den Grenzen des eigenen Vaterlandes stehen, sondern erhebt sich zum Schauen eines in. Gott geeinigteoi Völkerbundes. Es ist wieder der Zug zum Ganzen, dem das Einzelne dienstbar ist. So wie die Männer, . die Gott in früheren Zeiten erwählte, Vorläufer eines erwählten Volkes waren, so sollte wiederum dieses erwählte Volk dar Vorläufer einer göttlichen Menschheit werden, eines neuen Reiches der Gerechtigkeit, der Liebe und des Verstehens, wo Gott sein wird Alles in Allem-. . „Das ist der Glaube des Alten Testaments, eine Botschaft, der wir in unserm Innersten recht geben müssen." „Noch etwas drängt sich in diesen Zeiten mit Macht auf: wir sehen, daß es mit der bisherigen, auf privates Heil eingestellten Frömmigkeit nicht weitergeht. Wir müssen — die Not <ler Zeit verlangt es gebieterisch von uns — diejenigen Wahrheiten auf den Leuchter stellen, auf die alle Welt wartet, die allen Schwächen einer aufs Heil des einzelnen, abzielenden Kirche ein Ende machen." „Es ist der Glaube an eine neue Welt Gottes, der uns hell aus dem Alten Testament entgegenstrahlt, der Glaube, in den wir wieder hineinwachsen müssen, von dem wir leben können." MEIN ERSTER FASTTAG. Aus den Erzählungen des alten Professors der Astronomie. (Fortsetzung.) „Ihr sprecht wie ein Ketzer/' erwiderte Reb Chajlcel. „Wer sich erst den Bart kämmt, der kann sicher sein, daß sein Sohn sich den, Bart scheren wird, und sein Enkel wird ihn rasieren.. So sagte Reb Feiwusch von Berzan. Ihr könnt euch darauf verlassen. Ich habe allen Respekt vor Eurer Gelehrsamkeit, Rabbi Akiba, aber was nützt Thora ohne Chassiduth? Das ist auch nur so eine Art Kelippa. Man sieht es ja . . Er seufzte tief, dann kratzte er sich bekümmert. Wir Jungen waren indessen alle viel zu ununverständig, um von dem Allgemeinen und Historischen dieses Trauertages ergriffen zu werden. Mich beschäftigten mehr die ergreifenden Melodien, mit denen die Klagelieder vorgetragen wurden, als deren Inhalt und die großen Ereignisse, auf die sie sich bezogen. Tief erschüttert wurde ich erst, als ich in die Stube meiner Großmutter kam; dort saßen die Frauen auf dem Boden, lasen bei mattem Kerzenschein aus dem Teutsch-Chumesch die Geschichte von der Verbrennung des Tempels und der Zerstörung Jerusalems und zerflossen in Tränen . . . „Säuglinge wurden aus den Armen der Mütter gerissen und aufgespießt . . . Kinder und Greise wurden nicht geschont . . Meine kleine achtjährige Schwester saß daneben und weinte herzbrechend. Mich verfolgte das Bild der aufgespießten Kinder und der gemordeten Greise bis in den Schlaf hinein. * * 1 * _ Am folgenden Morgen versammelten sich alle zum Gottesdienst. Seltsam und beklemmend wirkte auf mich der Anblick der Männer, die an einem Wochentage ohne Thephillin das Morgengebet verrichteten. Schmuck durfte ja am heutige Tage nicht angelegt werden. Nachher setzten sich alle, wie am vorigen Abend, zur Erde und man sang die Klagelieder. Hirsch Dorfmann, der eine schöne Stimme hatte, trug zum Schluß das „Eli Zijjon" nach der alten Melodie vor, die wie ein feierlicher und erschütternder Trauermarsch klang. Dann gingen die Erwachsenen, später und gelassener als sonst, z:u ihrer Alltagsaroeit, aber wir Knaben hatten frei. Ich stürmte hinaus in den wunderschönen Sommertag, der so gar nichts Trauriges hatte, und alsbald vergaß ich ganz meiner Würde als angehender Bar Mizwah. Ich lief durch den Garten, ringsum atmete aLlcs die Frische des Sommermorgens. Die von Tautropfen glitzernden Fliederbüsche verbreiteten einen berauschenden Duft. Die alten mächtigen Birnbäume prangten in ihrem schneeweißen Blütenschmuck; aus dem Laub der Apfelbäume winkten verheißungsvoll die zartgrünen heranreifenden Früchte. Die Kirschbäume hingen voll beladen wie mit Tausenden und Tausenden blutroter Korallen. An der Hecke, die unsern Garten einsäumte, blitzten aus dem grünen Dickicht die reifen Johannisbeeren wie aufgereihte Glasperlen an zahllosen Schnüren; blasse, rotgeäderte Stachelbeeren schaukelten an den feinen Aesten des Gebüsches. Durch das friedliche Schweigen ringsum rauschte nur der nahe Strom, und es 'dröhnte aus dem Walde das Rufen eines Kuckucks. Es war eine besondere Grausamkeit von diesem Bösewicht Titus, just an einem so schönen Sommertag den Tempel anzuzünden und die heilige Stadt zu verbrennen, dachte ich bei mir. Wäre heute kein Trauertag, was gäbe es für eine Lust, in den Fluß zu springen, dann durch die blumenbesäte weite Wiese in den Wald zu laufen ... Jetzt aber hieß*es umkehren.., Auf dem Rückweg geriet ich unversehens in die große, lichte Speisekammer, wo meine Großmutter ihrReich der eingemachtenFrüchte und aller anderen Herrlichkeiten hatte. Da standen mächtige Schüsseln, jede unter einem Glassturz, voll geprägeltcr saurer Kirschen, Erdbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, schwimmend in einem' dickflüssigen, glitzernden Saft, sahen mich verlockend an und ließen mir das Wasser im <Munde zusammenlaufen... Ich brauchte nur einen Glassturz abzuheben. . . Im vorigen Jahre, ebenfalls am neunten Ab, war mir dasselbe passiert. Ich hatte mir ehrlich vorgenommen, bis zwölf Uhr zu fasten, das war eino Kleinigkeit für einen elfjährigen Knaben. Da war ich aber in die Speisekammer geraten, die Schüsseln standen, ganz wie jetzt, in Reih und Glied. . . Ich konnte nicht widerstehen. . . Das war eine häßliche Geschichte. Ich verdarb mir das ganze schöne Fasten und schämte mich nachher tief in der Seele. Pünktlich um zwölf Uhr bat die Mutter: „Ach, Kind, du hast ja heute noch nichts im Munde gehabt. . . Schnell trink nur ein Glas Milch." Ich stammelte verlegen, daß ich noch gar keinen Hunger verspürte, wartete noch zwei Stunden, bis Mutter und Großmutter gebieterisch