Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Perele
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 89 - 90 (sequence 3)
- Language
- German
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89 Perele. 90 Gott meiner Vorfahren, der jüdische Gott, Herr Pastor!" Der Pastor empfahl sich länge, wünschte ihr Gesundheit und SeelenJcraft, dann setzte er seinen Zylinder auf und ließ sich nie wieder blicken. Seelenmut — an dem gebrach es ihr wahrlich niemals. Sie sah gefaßt dem Tode entgegen, und als der Herbst kam und die Natur müde lächelnd Abschied zu nehmen anfing, da verglich sich. Perele mit jenem welken [Blatt anii herbstlich vergilbten Baum, das in einem fest und genau bestimmten Moment abfallen muß; nur kann kein Mensch wissen, wann dieser Moment eintreten würde, und keine Kraft der Welt kann ihn aufschieben. Perele sah diesem Moment ruhig und entschlossen entgegen. Bis ein außerordentlich gewaltiges Geschehnis die wolkenlose Klarheit ihres Gemütes in Aufregung versetzte. HÖffnungen erwachten in ihr. Perele und Hoffnungen I Hatte sie ja längst allen Hoffnungen entsagt, sie von sich gestoßen, auf nichts mehr hi der Welt gewartet. Tuberkulose in höherem Alter schien noch heilbar, aber in diesen jungen Jahren, wer hat je ein solches Wunder gehört? Und doch, als die Nackrichten über die russische Revolution anlangten mnd die kleine WeLt politischer Emigranten durchzitterte, widerhallte dieses Zittern auch in Pereies Seele. Ha, was waren da.s für fröhliche., glückliche Gesichter ringsherum! Seht nur den alten, halb abgestorbenen Emigranten, den Invaliden mit dem erloschenen Feuer der Augen, in dessen gebrechlichem Leib allerlei Krankheiten nisten, seht, welch eine jähe Veränderung mit ihm vorgegangen ist! Wie fest und sicher er einher schreitet, den Kopf hoch erhoben. Wann in die Heimat reisen? Sogleich, er muß sich nur ein neues Gebiß anfertigen lassen. Die Reise ist schwer tind gefährlich? Na, das Gefängnis war ungleich schwerer und gefährlicher. Von der Jugend gar nicht zu reden,. Die ist förmlich außer sich vor Freude und Jubel; die ist fortwährend unterwegs, von Lausanne nach Genf, von Genf nach Bern, um Versammlungen abzuhalten. Flammende Gesichter leuchten, rote Bänder flattern', man drückt sich gegenseitig die Hände, jenen langen, festen Händedruck zwischen Genossen, wobei die Handflächen sich ineinander schlingen, während warme, freudige Augen sich anschauen. Welch eine Gewichtigkeit und Sicherheit im ganzen Auftreten, wie viele Pläne werden für 'die Zukunft geschmiedet I . .s. Alles denkt nur an die Heimreise. „Ich reise auch, Perele!" ruft jeder, während er mit glühenden Wangen in ihr Zimmer hinaufstürmt. Sie rät zu, und ein banges Vorgefühl der kommenden Einsamkeit umfängt sie, aber sie läßt es nicht aufkommen. .Einer nach dem andern von. den Emigranten verläßt Ciarens, Perele empfiehlt sich von allen und gibt sich die größte Mühe, das, was in ihr vorgeht, zu ver^ bergen: die Unruhe, den. Kummer, ach, sogar den Neid. Jedem Scheidenden reicht sie die 'kleine, warme'Hand: „Leb wohl, Genosse, gniß mir Rußland!" Vom Fenster aus schwenkt sie ein weißes Tüchlein,, wirft eine rote Blume hinunter; die Blume fällt ohnmächtig an der Torschwelle nieder, und über Pereies Gesicht rinnen langsam heiße Tränen. Als Pjotr Wassiljewitsch, ihr lieber Nachbar, Freund und Schachpartner, erschien, um Abschied zu nehmen, fingen ihre Beine .an. zu zittern; Perele benahm sich in diesem Moment gar nicht heldenmütig, ach nein, von ihrem ganzen ehemaligen Heldentum war so gar nichts y,urückgeblieben. Sie schämte sich dessen auch gar nicht, fühlte sich auf einmal so schwach, so zermalmt und niedergeschlagen, daß sie in seine Arme sank;, ihr Gesichtchen au. seiner Brust verbarg und lange schwer und heiser schluchzte. „Ach, Pjotr Wassiljewitsch, immer hoffte ich, Sie würden mir die Augen schließen . . . Mir ist es so schrecklich, allein zu bleiben!" — „Perele, lieber Genosse, „sLawnaja Perele/' antwortete Pjotr Wassiljewitsch, am ganzen Leibe zitternd, „zwanzig Jahre hab ich in der sibirischen Katorga verbracht, unbeschreibliche Leiden, hab ich ertragen,, aber keine Träne entquoll meinen Augen, und jetzt, Perele, wein' ich. Ein Narr bin ich, Perele, wirklich ein großer Narr, ich erliege der allgemeinen Hypnose und eile dorthin, vergessend meines Alters, zum Arbeiten, zum Kämpfen, taug ich nicht mehr, ich bin kraftlos und zermürbt; Freuden erleben kann ich ja in der Ferne. Im erstem Ansturm der Gefühle hab ich vergessen, daß fast alle meine Verwandten längst tot sind. Wozu eile ich dorthin? Warum sollte ich nicht lieber hier bleiben, bis Perele sich so weit gebessert fühlt„ daß s'ie mitreisen'kann? Das ist .nicht ausgeschlossen, heute noch spreche ich mit dem Arzt . .. ." Der Arzt, der die Kranke eben erst besucht und sie genau beobachtet hatte, erklärte Pjotr Wassiljewitsch: „Ihre sympathische Freundin kann höchstens noch drei Wochen leben. Ich habe gar nichts dagegen, daß sie die wenigen Tage sich in der Illusion wiege, daß sie die Heimreise würde unternehmen können. Sehen Sie nur zu, daß sie sich nicht zu sehr aufrege, das könnte den Auflösungsprozeß nur beschleunigen. Das muß um jeden Preis vermieden werden ..." Nun begann das gewöhnliche Spiel. Der Spieler war Pjotr Wassiljewitsch. Perele nahm die Sache ernst. Sie erklärte freilich, ihr einziger Wunsch sei, in ihrer Heimatstadt Niemirow zu sterben, aber ganz im stillen hoffte sie auf ein Wunder ... Sie rüstete sich zu der weiten Reise, machte die nötigen Einkäufe. Ihr Appetit verstärkte sich, ihr Allgemeinbefinden war vortrefflich; einmal bemerkte sie sogar scherzhaft, Pjotr Wassiljewitsch möge sich nur nichts einbilden, sie fühle sich nun'kräftig genug, allein die Reise zu unternehmen. Ein geflochtener Reisekorb wurde herbeigebracht. Perele liebte es, sorgsam beizeiten ihre Sachen •einzupacken; der Korb mußte einige Tage ständig, offen stehen, damit alles ordentlich hineingelegt würde. Sie saß auf einem Stuhl und Pjotr Wassiljewitsch half dabei, machte Witze und wandte sich jedesmal abseits, um seinen Kummer und sein Mitleid zu verbergen, die in seinen Augen zu lesen waren. Bis . . Eines Abends trat sie ans Fenster, eine •Battistbluse in der Hand. Die untergehende Sonne gab zum Abschied eine prächtige Vorstellung, entfaltete ein mächtiges Panorama, ein märchenhaftes Farbenspiel. Ueber den schneeweißen Locken des Dent de Midi erschien eine goldene Krone, dann breiteten sich die Farben über die Weingärten, leuchteten in den kleinen Fenstern der Berghäuschen, der Himmel war von Gold und Purpur überströmt. Riesenvögel badeten im Farbenmeere, zogen Kreise, flatterten mit den Flügeln. Perele schaute und konnte die Augen nicht abwenden. Die Farben, fingen schon an, zu erlöschen, sie aber stand noch immer am Fenster. Ihre ganze Energie, die freudige Stimmung der