Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Perele
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Perele. 88 schächtelchcn herum und bezeugen, daß hier ein schwerer Kampf gegen den Tod gekämpft wurde. An der Wand hängen Bildnisse von Lieblingsschriftstellern und Freiheitskämpfern, ukrainische Landschaften,' einige Gruppenbilder jüdischer Jugend, unter denen auch Perele sich befand, aus jener Zeit, als sie noch gesund war und voller Träume von ungewöhnlichem Glück für die gamze Menschheit. Diese Träume ließen Pcrcles Herz ehemals höher schlagen vor Entzücken, ihnen zuliebe ging sie in die umgebenden. Wälder und Gärten auf geheime Versammlungen, ihnen zuliebe saL. sie im Gefängnis, ließ sich nach Sibirien verbannen, entkam von dort und lief in die weite Welt, sie, die kleine, blonde Perele, die jetzt den ewigen Schlaf schläft, während ihr wachsbleiches Gesicht zu sagen scheint: „Ich hab' es gut gemeint mit allen Menschen." Sie war eine tapfere Kämpferin, durchglüht von ihrem Ideal, und ruhte nicht, bis sich die ersten Zeichen der entsetzlichen Krankheit zeigten. Als kein Zweifel mehr war, was das bedeutete, wurde sie recht schweigsam, ihr anmutiges, semitisches Gesichtchen verklärte sich, die feine, weiße Stirn durchfurchte eine tiefe Linie. In Nervi, an der azurblauen Küste, saß sie mit einem Thermometer im j\iunde, tief in Gedanken . versunken. Da begibt . sich ein Mensch auf einen weiten Weg. mit dem flammenden Wunsch, nützlich zu sein, Glück zu verschaffen, Gutes zu stiften; plötzlich wird ihm „Halt!" zugerufen. Keinen Schritt weiter. Warum diese Strafe? Und so schnell, bevor sie Zeit gehabt, zu leben! Das beschäftigte ihre Gedanken unaufhörlich. Freilicli saßen die ganze Küste entlang Kranke gleich ihr, mit Thermometern im Munde, mit denselben Gedanken wie sie, aber das gereichte ihr wenig zum Tröste. Immer glaubte sie, jeden Augenblick müßte jemand kommen und ihr eine klare, unzweideutige Antwort geben: warum ist dies so gekommen, warum darf sie den Weg, den sie nach reiflicher Erwägung eingeschlagen, nicht bis zu Ende gehen? Aber es vergingen Monate, es verging ein Jahr um das andere, die Lungenkrankheit griff immer mehr um sich.. Perele bürgerte sich immer mehr in der leidenden Gemeinde der Tuberkulösen ein. Ucber die Schnecfclder von Davos, wo die Legionen vom Tode Gezeichneter kreisen, klang ihr heiseres Lachen, sie hatte die Kunst erlernt, sich resigniert ins Unvermeidliche zu fügen; solange ihre Kräfte es erlaubten, ging sie spazieren, lief Schlittschuhe, unternahm Schlittenpartien, zwinkerte mit den Augen, in der Sonne und tröstete die neuangekommenen Leidensgenossinnen, die sich noch ängstigten: „Ach, Liebste, glaubst du, man stirbt hier gleich Wie eine treue Schwester sprach sie ihnen. Mut zu. Und .als ihre JCräfte versagten, nahm sie ohne Erschütterung ihren Platz auf der breiten Veranda ein, konnte gleich den anderen stundenlang geduldig daliegen und nur hie und da mit den Leidensgefährten ein Wort wechseln. Schließlich wurde ihr klar, daß die reine, kräftige Luft und die warme Sonne von, Davos sich entschieden weigerten, ihr Heilung zu bringen. Sie packte ihre Siebensachen, flocht die Zöpfe zusammen, nahm herzlichen Abschied von ihren guten Bekannten und ließ sich nach Ciarens überführen. Da stand sie eines Tages, gestützt auf einen Stock, am Fenster ihres kleinen Zimmerchens im dritten Stockwerk, betrachtete die Weingärten ringsherum, den blühenden Apfelbaum, die Berge, den blauen See, auf dem Segelboote dahinglitten, bis der Blick an den hohen, stolzen, verschlossenen Zypressen des Friedhofes haften blieb, sie lauschte dem Gesang der Vögel, vernahm den Klang der Kirchenglocken, der vom Berg in die Täler ging. Auf dem Weg vom Fenster zu ihrem Bett — ach, welch ein weiter, .schwerer Weg 1 — entringt sich ihrer müden, kranken Brust ein tiefer Seufzer, in dem ein Vorwurf klingt, über das klare, zermarterte Gesicht huscht ein Schatten von unendlicher Trauer dahin. Doch das dauert nicht lange. Perele bemüht sich, den Schatten zu vertreiben und singt die Reste der Trauer in einem ukrainischen Liedchen hinweg, das sie häufig in der sibirischen Gefangenschaft zu trällern liebte, während sie in einem Album blättert. Und sobald ihr Nachbar und Freund Pjotr Wassiljewitsch, ein alter politischer Emigrant, mit einem Schachbrett und einem Kasten Schachfiguren unterm Arm an ihrer Türschwelle erscheint, verflüchtigt sich die ganze gedrückte Stimmung, den lieben Gast mit dem feinen weißen Kopf grüßt ein helles Lächeln, Sie sitzt auf ihrem kleinen Bett in einer leichten, weißen Bluse, furcht tiefsinnig die Stirn, und ihre kleine, blasse, hilflose Kinderhand schwebt über die Schachfiguren dahin. „Na, kluges Köpfchen, .Wann wirst du endlich aufhören zu sinnen und einmal einen Zug machen?" sagt der Partner. Perele holt zu einem mächtigen Schlag aus, schon hat sie die Hand erhoben, um den Gegner zu vernichten, aber eine matte Blässe überzieht ihr Gesicht, die Hand gleitet kraftlos hinab. „Ich bin müde, Großväterchen", flüstert sie hilflos, wie um Entschuldigung bittend. Die Figuren werden zusammengerafft, den Tisch bedeckt wieder ein blütenweißes Tischtuch und darauf erscheint ein Blumenstrauß und die Photographie eines ihr nahestehenden Menschen. Pereies Kopf ruht auf dem Kissen; reglos, sinnend und hingegeben lauscht, sie der Erzählung, die Pjotr Wassiljewitsch ihr vorliest, mit verträumten Augen, tiefem Verständnis und Mitgefühl hört sie zu. So zogen die Tage in dem poetischen Städtchen Ciarens dahin. Zuweilen fuhr man sie in einem Wägelchen spazieren, dann wünschte sie, durch die Alleen des Friedhofes geführt zu werden. Während sie den Duft der Blumen einatmete, las sie die Inschriften auf den Grabsteinen: Emilie van der Vluet, . geboren 1874, gestorben 1898; Jekaterina Bulygina, geboren 1863, gestorben 1888; Wanda Lubomirska, geboren 1859, gestorben 1880. „Leidensgenossinnen von mir, auch fem von der Heimat hier liegen gebliehen", geht es durch ihren Kopf. Die italienischen Weiber der umgebenden Dörfer nannten sie „Die leidende Madonna". Der Pastor hatte eine sehr hohe Meinung von ihr bekommen, nachdem sie ihm frei und fest geantwortet hatte, als ihr der Zweck seiner öfteren Besuche klar geworden war. „Herr Pastor,"hatte sie gesagt, „in meiner Heimat Rußland kämpfen junge Männer und junge Frauen für die Freiheit; auch ich war eine der Kämpferinnen, gleich meinen Genossen und Genossinnen dachte ich über Gott ganz anders als die Frommen. Ich war eine Leugnerin, ich glaubte nicht an. Gott; jetzt habe ich meine Meinung geändert, aber wenn es einen Gott gibt, so ist es der alte, uralte