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Ost und West · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1919) · p. Seite 91 - 92

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1919)
Article
Perele
Date
1919-03-01
Page
Seite 91 - 92 (sequence 4)
Language
German
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91 Moderne soziale Probleme. 92 letzten Tage war auf einmal dahin- Es wurde ihr bange, das Herz krampfte sich ihr zusammen, sie hatte Lust, zu weinen. Die Battistbluse entglitt ihren Fingern, sie wandte sich um und erblickte Pjotr Wassiljewitsch, der blaß, mit zwinkernden Augen beim offenen Korbe stand . . . Sie begriff.*. . . „Pjotr Wassiljewitsch", flüsterte sie. — „Was ist los? Was ist los, Perele? . . . Für diese Bluse ist noch Raum im Korbe ..." stammelte er hastig, um sich nicht zu verraten. „Ach nein, Pjotr Wassiljewitsch. Ich danke dir, aber das meinte ich gar nicht . , . Es ist nicht nötig, länger Komödie zu spielen . . . Ach, wie dumm bin ich gcAvesen. Ich will nirgends mehr hinfahren, niemals melLr. Pjotr Wassiljewitsch, lieber Freund, gib mir bitte deine Hand und führe mich zum Bett. Mich fröstelt's und ich fühle mich so -schwach ..." Seitdem erwähnte sie mit keinem Worte mehr den Reiseplan. Nur zuweilen warf sie vom Bette aus -einen Blick auf den geöffneten Korb. Sie sprach sehr wenig, aber ihr Gesicht strahlte Ruhe und Entschlossenheit aus. Mit Liebe und Dankbarkeit blickte sie auf den Freund, der nicht von ihrem Bette wich. „Du bist ein guter Mensch, Pjotr Wassiljewitsch . . An einem heißen Sommernachmittag blickten die Einwohner von Ciarens aus den" Fenstern und Baikonen einem kleinen Trauerzug nach. Vor dem schwarzen Sarg schritt der Zeremonienmeister, ein Schutzmann ging abseits, hinter dem Sarg kam Pjotr Wassiljewitsch und der Pastor als Privatmann. Pjotr Wassiljewitsch trieb sich noch einige Zeit in Ciarens herum. Jeden Tag "konnte man ihn mit einem frischen Blumenstrauß in der Hand auf; dem Weg zum Friedhof sehen. Eines Tages aber packte er seinen alten Koffer ein und reiste nach Rußland ab. MODERNE SOZIALE PROBLEME. Von Dr. H. Warschauer. Seit Jahrzehnten ist es Mode geworden,über das Alte Testament den Stab zu brechen. Die ■moderne christliche Theologie hatte seine geschichtlichen Erzählungen zergliedert und in das Reich der Fabel verwiesen. Das „Gesetz" in seiner Gesamtheit hatte ja schon Paulus abgeschafft und nicht nur als unverbindlich erklärt, sondern denen, <lie daran festhielten oder auch nur einzelne Teile -davon beobachteten, den Weg zur ewigen Seligkeit versperrt. Das Ganze wurde alseine „Zuchtrute auf Christus hin" dargestellt, es sollte die Bösartigkeit des jüdischen Volkes bändigen, bis es würdig: befunden wurde, den Erlöser der Menschheit aus seiner Mitte hervorgehen zu lassen, der den um so vieles edler und vornehmer geschaffenen „Völkern der Welt" die Pforten des Himmelreichs öffnete, während die hartnäckigen Juden •der ewigen Verdammnis anheimfielen. Als ein Gesetz des Lebens, als ein System von Lehren und Vorschriften, nach denen der einzelne sowie ganze Völker ihr Dasein auf Erden einzurichten hätten, Avollte man keinen Teil davon gelten lassen. Kaum noch, daß die Propheten und die Psalmen stehen gelassen -wurden. Aber auch ihre Geisteswelt wurde als „unvollkommene Vorstufe der Offenbarung" behandelt. In den Propheten fand man viel zu vici „Separatismus", Sorge um das Wohl des ■eigenen Volkes — und das in einer Zeit, in der der nationale Chauvinismus, die krasse materialistische Selbstsucht, Ländergier und der schrankenlose Machthunger der einzelnen Völker auf die Höhe getrieben wurde, und zwar unter dem Beifall und der Mithilfe der Vertreter der Theologie. In den Psalmen hinwiederum fand man die Unvollkommen heit, daß sie zu sehr die Kollektivfrömmigkeit betonen, die persönliche dagegen, das Verhältnis des einzehen zu seinem Gott, in den Hintergrund treten lassen. Am meisten stieß man sich an den sogenannten „Rachepsalmen", in denen Gott in flammenden Worten angefleht wird, die Bösen (die sich trotz aller Mahnungen;und Drohungen nichl bessern wollen) von der Erde zu vertilgen. Eine ganze Bibliothek könnte man aus dieser Literatur gegen die „Rachepsalmen" zusammenstellen. Die Charaktere der einzelnen biblischen Persönlichkeiten — schlimm genug für sie, daß sie Juden gewesen I — wurden zerpflückt und in den Kot gezerrt, ihre menschlichen Schwächen, die die Bibel mit schlichter Offenherzigkeit enthüllt, wurden unterstrichen und als das Wesentliche an ihnen hingestellt; das Große und Vornehme wurde als das Zufällige und Unwesentliche gekennzeichnet, oder aber als eine Vorwegnahme des Christentums, als dessen Vorausahnung. Alles Machtvolle und Erhabene im Alten Testament wurde als „vorchristliches Christentum" angesehen, und es war zum Gemeinplatz geworden, das Christentum habe acht Jahrhunderte vor Christus begonnen, mit. Arnos und Hosea. Bei dieser systematischen, jahrzehntelang betriebenen Herabsetzung des Alten Testaments ist es kein Wunder, daß eine ganze Schule am Ende dahin gelangte, mit großer Energie die Fordeiung aufzustellen, dieses Buch solle aus dem öffentlichen Religionsunterricht überhaupt entfernt werden. Allerlei künstliche Mittel wurden ersonnen, um den Oberbau zu stützen, nachdem man das Erdgeschoß zerstört haben würde. — Der stärkste Trumpf aber, den man gegen die Bibel der Juden ausspielte, war der Umstand, daß in ihr der Jenseitsglaube, die Vorstellung von Lohn und Strafe der Einzelseele nach dem Tode des Leibes, als Motiv der sittlichen Forderung eine so ganz geringfügige Rolle spielte. Alle Verheißungen und Androhungen in den Reden der Propheten sowie in der Lehre Mösls beziehen sich auf das irdische Leben der Völker, auf ihr Wohl und Wehe in dieser Welt. Das wurde als Beweis für den niederen, Stand der sittlichen Anschauungen des biblischen Zeitalters angeführt, als eine Folge der Unfähigkeit des jüdischen Volkes, sich zu „höheren" Aspirationen und Hoffnungen aufzuschwingen. Hierüber geriet die moderne Bibelkritik mit sich selbst in einen schweren Widerspruch. Einerseits war sie bestrebt, dem Alten Testament jegliche Originalität zu nehmen-j seine Erzählungen, seine Gesetzgebung (wenigstens in den Grundzügen — man denke an ,rBabel und Bibel"!), seine Institutionen auf

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