Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 83 - 84 (sequence 7)
- Language
- German
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83 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 84 wenn die ganze Welt gegen uns ist. In den ersten Jahren unserer Arbeit waren auf unsere Fahne die Worte Hoffnung, Beharrlichkeit und Geduld geschrieben,.....jetzt, da wir aus der ersten in die zweite wichtige Periode unserer Geschichte übergehen, laßt uns ein. neues Wort auf unsere Fahne schreiben, und laßt es uns immer hochhalten als heiligen Befehl; dies Wort heißt: Eintracht." Dann verließ er für immer die Präsidentenestrade und setzte sich unter seine Jünger in den Saal. Natürlich fehlte es dem Esperanto nicht .an heftigen Gegnern aller Art. Jede Neuerung, die sich Bahn bricht, stößt auf Feindseligkeit, weil sie die Bequemlichkeit der Menschen stört. Hier kam vielfach noch Neid und Scheelsucht hinzu. Es fehlte auch nicht an gehässigen Anfeindungen der Person Zamenhofs. Lächerlicherweise beschuldigten ihn manche sogar selbstischer, gewinnsüchtiger Motive. An dem kindlich reinen und heiteren Gemüt des Mannes prallten alle diese Verleumdungen ab; er beachtete sie nicht einmal, sondern arbeitete ruhig an seinem Werke. Der gefährlichste Gegner des Esperanto war indessen der nationale Chauvinismus und sprachliche Imperialismus der großen wie der kleinen Nationen. Die Alldeutschen zum Beispiel gehörten zu seinen heftigsten Gegnern. So schrieb einmal die „Zeitschrift für das Deutschtum im Auslände", wir müßten das Esperanto mit aller Macht bekämpfen, denn seine Ausbreitung verhindere uns, den kleineren Nationen in der Welt die deutsche Sprache aufzuzwingen. Diese Sucht der Alldeutschen, die deutsche Sprache den kleinen Nationen mit Gewalt aufzudrängen, war die Hauptursache des furchtbaren Hasses, der sich in der ganzen Welt gegen die deutsche Nation aufgehäuft und mit den Zusammenbruch des Reiches verursacht hat. Das Organ des .deutschnationalen Hamburger Handlungsgehilfen-Verbandes kämpfte noch im Frühjahr 1918 mit den schwersten Waffen gegen das Esperanto, weil dieses die Vorherrschaft des Deutschen in der Welt beeinträchtigen könnte. „Weigert sich der deutsche Kaufmann, Esperanto zu lernen, so ist das Schicksal dieser /Weltsprache' entschieden", schrieb das Blatt selbstbewußt. Diese Ueberhebung mutet jetzt traurig und komisch an. Der deutsche Kaufmann und Gewerbetreibende, dem nach dem Kriege der Boykott der ganzen! Welt droht, wäre froh, wenn das Esperanto jetzt schon hundertmal mehr verbreitet wäre, als es ist: Zehntausende Deutscher lernen jetzt mit größtem Bemühen allerlei slawische und romanische Sprachen, weil sie nach dem Friedensschluß in Osteuropa und Südamerika ihr Fortkommen zu finden hoffen. —. Und wie die Großen, so haben auch die Kleinen ihren Imperialismus. Die Polen zum Beispiel möchten gern das Ukrainische^ Deutsche, Litauische, Weißrussische, Lettische und Jüdische in ihrem Bereich ausrotten, um ihre Sprache an dessen Stelle zu setzen. Daher schrieb einmal ein polnischer Professor einen heftigen Artikel gegen das Esperanto und schloß mit der Behauptung, daß nur ein Jude, der keine eigentliche Muttersprache habe, deren Machtbereich er zu erweitern wünschen müßte, den Gedanken, fassen konnte, eine neutrale „Sprache der Völker" zu ersinnen. Der gute Mann vergaß dabei, daß, wie oben erwähnt, eine große Anzahl hervorragender christlicher Geister eine Völkersprache herbeigesehnt haben, und daß Zamenhofs Vorgänger, der Schöpfer des Volapück, ein katholischer Deutscher war, dem man wohl eine Muttersprache nicht abstreiten kann. Das ganze Verbrechen des Esperanto besteht darin, daß es vollkommen ist und sich in der Welt durchgesetzt hat2). In Wirklichkeit ist die Idee einer neutralen Sprache, die keine der Nationalsprachen schädigt oder gar ausrottet und zu einer friedlichen Verständigung unter den Völkern verhilft, eine jüdische Idee; die Propheten haben ihr Ausdruck gegeben, am deutlichsten Zephania (III, 8). Und unter dem jetzigen wüsten Sprachenstreit zwischen den Völkern haben, die Juden jam meisten zu leiden. Der Schöpfer des Esperanto war sich jedoch bewußt, daß eine neutrale „Sprache der Völker" nicht nur ein äußerliches Verständigiangsmittel für praktische Zwecke, sondern auch ein wirksames Bindemittel zu ihrer friedlichen Vereinigung in gemeinsamer ideeller Kulturarbeit bilden müßte. Als ein treuer Sohn des jüdischen Volkes war er ein eifriger tätiger Anhänger des Zionismus in seiner ursprünglichen Form, der „Cfiibath Zion"r die daran arbeitete, jüdische Siedlungen in Palästina zu schaffen. Dieser seiner ersten Liebe blieb er auch bis an sein Lebensende treu, doch hatte er mit dem politischen Zionismus keine Berührung, da ihm jegliche Politik und Diplomatie in der Seele zuwider war. Um den in Polen ausgebrochenen religiösen Streitigkeiten zu steuern,, veröffentlichte er 1902 in der Warschauer polnischen Wochenschrift „Israelita" eine Studie unter der Ueberschrift „H i 11 e 1 i s m u s" und betonte als die unverrückbare Grundlage des Judentums die Lehren Hilleis, als den neutralen Boden, auf dem sich alle Parteien unter den Juden einigen könnten. Die Studie wurde von der Zensur arg verstümmelt und zusammengestrichen. Nachher erweiterte er diese Grundlage zu einer allgemein- 2) Einige Imitationen des Esperanto, wie „Ido" u. dg!., die zum Teil mit nicht ganz einwandfreien Mitteln jenes zu verdrängen und zu diskreditieren unternahmen, sind fehlgeschlagen.